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"Martin N. tötete aus niedrigen Beweggründen"

Der Angeklagte verdeckt sein Gesicht mit einer Aktenmappe. © dpa-Bildfunk Fotograf: Carmen Jaspersen Detailansicht des Bildes Sein Gesicht will Martin N. der Öffentlichkeit nicht zeigen. Der erste Prozesstag gegen den mutmaßlichen Mörder und Kinderschänder Martin N. dauerte lediglich 45 Minuten. Nahezu regungslos saß der 40-Jährige im Verhandlungssaal des Landgerichts Stade, als die Staatsanwaltschaft die Anklagepunkte verlas. Detailliert schilderte der Staatsanwalt, was Martin N. zur Last gelegt wird: die Morde an Stefan J, Dennis R. und Dennis K. sowie 20 Missbrauchsfälle. Der geständige Pädagoge habe aus niedrigen Beweggründen getötet, um andere Straftaten zu vertuschen, sagte der Staatsanwalt. Den Blick nach unten gerichtet und die Hände gefaltet, hörte der Beschuldigte zu.

Martin N. will Erklärung abgeben

Eine Menschenmenge steht vor einer verschlossenen Tür des Landgerichts in Stade. © dapd Fotograf: Joerg Sarbach Detailansicht des Bildes Für die Medien und vor allem für die Menschen der Region ist der Prozess gegen Martin N. ein wichtiges Thema. Der Prozessstart stieß auf großes Interesse, sowohl bei den Medien als auch bei den Menschen in der Region. Rund eine Stunde vor Beginn der Verhandlung am Montag hatte sich vor dem Eingang des Landgerichtssaales eine lange Schlange gebildet. Alle wollten den "Maskenmann" mit eigenen Augen sehen - den Mann, der zwei Jahrzehnte lang gesucht wurde, der zahlreiche Kinder von 1992 bis 2001 in Schullandheimen, Zeltlagern und in Bremer Wohnhäusern missbraucht und drei von ihnen getötet haben soll. Doch Martin N. zog die Maske wieder hoch, verdeckte sein Gesicht. Erst als die Kameras aus waren und die Verhandlung begann, ließ er die Aktenmappe sinken.

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Der Angeklagte wird von Kameras gefilmt. © dpa-Bildfunk Fotograf: Carmen Jaspersen
 

Der "Maskenmann" tritt vor den Richter

Der "Maskenmann" muss die Maske fallen lassen: Beim Prozessauftakt in Stade blicken die Angehörigen dem mutmaßlichen Mörder und Kinderschänder Martin N. das erste Mal ins Gesicht. mehr

Nach der Verlesung der Anklage beendete die Kammer wie erwartet den ersten Prozesstag. Für den nächsten Verhandlungstermin am 26. Oktober hat der Verteidiger eine etwa eineinhalbstündige Erklärung von seinem Mandaten angekündigt. Gesteht Martin N. dabei die Vorwürfe, wie bereits im Verhör gegenüber den Ermittlern, könnte das den Angehörigen und Opfern einiges ersparen. "Wenn er sein Geständnis wiederholt, wird es einen relativ kurzen Prozess geben", sagte Staatsanwalt Kai Thomas Breas. "Wir müssen dann nicht sämtliche Zeugen vor Gericht zerren und viele Beweismittel einführen. Wir würden dann schnell zu einem Urteil finden." Schneller als bislang geplant: Die Kammer hat zunächst elf Verhandlungstage angesetzt.

Eltern der ermordeten Jungen treten als Nebenkläger auf

Die Mutter des ermordeten Stefan J. im Verhandlungssaal. © dpa-Bildfunk Fotograf: Carmen Jaspersen Detailansicht des Bildes Die Mutter des ermordeten Stefan J. erhofft sich vom Prozess, endlich Frieden zu finden. Als Nebenkläger treten in dem Prozess die Eltern von Dennis K., Stefan J. und Dennis R. auf. Sie hoffen, während des Prozesses eine Antwort darauf zu finden, warum ihre Söhne sterben mussten. "Es geht ihnen nicht um Rache. Sie wollen das Kapitel nach so langer Zeit endlich abschließen", sagte Rechtsanwältin Monique Radtke, die die Familie von Dennis K. vertritt.

Gutachter sieht nur geringes Rückfall-Risiko

Laut einem Psychiater ist Martin N. schuldfähig. Das vorläufige psychiatrische Gutachten, das dem NDR Fernsehen vorliegt, attestiert dem Tatverdächtigen keine Persönlichkeitsstörung. Demnach können die Ankläger die Höchststrafe fordern.

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Experten scheitern am Passwort von Martin N.

Auf dem Rechner des mutmaßlichen Mörders und Kinderschänders Martin N. vermutet die Staatsanwaltschaft Hinweise zu weiteren Taten. Doch Experten können das Passwort nicht knacken. mehr

Die Voraussetzungen für eine verminderte Schuldfähigkeit oder eine Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störung lägen nicht vor, heißt es in dem Gutachten, das die Staatsanwaltschaft von dem Münchner Professor Norbert Nedopil hat erstellen lassen. Nedopil attestiert Martin N. zudem ausreichende Kontrolle, Rückfälle seien "eher unwahrscheinlich". Doch es handelt sich nur um ein vorläufiges Gutachten; vorläufig, weil die Begutachtung während der Verhandlung fortgesetzt wird.

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Akten der Staatsanwaltschaft © dpa
 

Pannen bei Fahndung nach "Maskenmann"

Im Fall des mutmaßlichen Kindermörders Martin N. hat der NDR Fahndungsfehler aufgedeckt. Die Staatsanwaltschaft nimmt diese jedoch gelassen zur Kenntnis. mehr

Ermittler suchten lange ein Phantom

Drei Morde und mehr als 40 Missbrauchsfälle hatte Martin N. kurz nach seiner Festnahme im April gestanden. Die Ermittler sind sicher: 1992 entführt der gebürtige Bremer den 13-jährigen Stefan J. aus einem Internat in Scheeßel (Landkreis Rotenburg) und bringt ihn um. Sein nächstes Opfer, den achtjährigen Dennis R., holt er 1995 nachts aus einem Zeltlager bei Schleswig. 2001 dringt er in ein Schullandheim nahe Bremerhaven ein und tötet den neunjährigen Dennis K.

Dass es sich um einen Serientäter handelt, wird den Ermittlern erst nach dem Tod des kleinen Dennis aus Osterholz-Scharmbeck 2001 klar. Sie gründen eine Sonderkommission. Tausende Hinweise gehen ein, doch sie verlaufen alle ins Leere. Die langersehnte heiße Spur liefert schließlich ein Zeuge, der 1995 als Kind in seinem Elternhaus von einem maskierten Unbekannten missbraucht worden war. Er erinnerte sich nun an einen Betreuer einer Freizeit, dem er aufmalen sollte, wo sein Kinderzimmer im Haus liegt und der ihn fragte, wann wer zu Hause ist.

Arbeitskollegen ahnten nichts vom Doppelleben

Martin N. führte ein Doppelleben. Nachbarn und Freunde beschrieben den Pädagogen als freundlich, intelligent und zurückhaltend. Mit Kindern kam er offenbar gut zurecht, fuhr mit auf Freizeiten und kümmerte sich jahrelang um ein Pflegekind. "Er war sehr beliebt", sagte Henning Siebel von der Evangelischen Jugendhilfe Friedenshort, für die Martin N. von 2000 bis 2008 arbeitete. Von dem Doppelleben des engagierten Kollegen ahnte niemand etwas. "Es gab wohl zwei Persönlichkeiten", sagte Siebel. Und das blieb lange Zeit unbemerkt.

Hat Martin N. noch mehr Jungen getötet?

Nun muss sich Martin N. also für drei Morde und 20 Missbrauchstaten verantworten. Dabei hat er weitaus mehr Missbräuche gestanden, viele davon sind allerdings verjährt. Die Fahnder sind sich auch sicher, dass weitere Morde auf das Konto von Martin N. gehen: der an dem elfjährigen Nicky, der 1998 in den Niederlanden aus einem Zeltlager verschwand, und der an dem zehnjährigen Jonathan, der 2004 in Frankreich aus einem Schullandheim entführt wurde. Es soll frappierende Ähnlichkeiten zwischen den Fällen geben. Doch beweisen kann die Polizei das bislang nicht. Dennoch droht Martin N. die Höchststrafe - lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.