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Der "grüne Bulle" von Gorleben

von Vivian Münzel und Marie Elane Hansen, NDR.de
Ehemaliger Polizist schaut in die Ferne, im Hintergrund ist eine Anti-Atom-Fahne zu sehen. © NDR Fotograf: Vivian Münzel Groß hat kein Verständnis für Gewalt - weder von der Polizei noch von den Demonstranten.

Wenn Eckhard Groß von früher erzählt schlagen die zwei Herzen in seiner Brust wieder lauter. Es sind im Großen und Ganzen gute Erinnerungen. Und deswegen lachen seine Augen auch immer ein wenig. Doch sein Blick verdunkelt sich schlagartig, wenn er sich daran zurückerinnert, wie in den 1970-er Jahren die Entscheidung für Gorleben als vorläufigem Standort für ein Nukleares Entsorgungszentrum fiel. "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich wusste sofort, jetzt geht es wieder los."

Die Polizei als "Freund und Helfer"

Eigentlich wollte Eckhard Groß endlich wieder mehr Ruhe haben, als er im Februar 1977 zur Polizei nach Lüchow im Wendland wechselte. Seine ersten zehn Dienstjahre in Hamburg lagen hinter ihm. Eine überaus anstrengende Zeit für die Beamten, sagt Groß. "Es waren genau jene Jahre, in denen sich in der Bundesrepublik der RAF-Terrorismus ausbreitete. Am Anfang gab es viele Sympathisanten. Und die Polizei hatte das Nachsehen." Das schlechte Image der Polizei nagte an ihm. Es passte nicht zu dem Idealbild, das er von seinem Beruf hatte. Für ihn war die Polizei der "Freund und Helfer". Schließlich hatte er sich einst genau deshalb für den Polizeiberuf entschieden.

Zwischen den Stühlen

Als Eckhard Groß von Hamburg ins Wendland zurückging war es eine Entscheidung für seine Heimat. Er ist in einem kleinen Rundlingsdorf namens Liepe geboren, nur fünf Kilometer von Gorleben entfernt. Seine Frau war mit dem ersten Sohn schwanger, die Familie baute ein Haus in Liepe, der Polizeidienst war endlich ruhiger. Nur das Geld war noch relativ knapp. Als Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht in den 70-er Jahren dann ausgerechnet Gorleben zum "Atomklo" der Nation kürte, war für die junge Familie an einen Neuanfang irgendwo anders in der Republik schon aus finanziellen Gründen nicht zu denken. Eckhard Groß wurde schnell klar, dass er von nun an zwischen den Stühlen stehen würde: Seine Berufung war der Polizeidienst - aber Herz und Verstand machten ihn zum Atomkraftgegner.

"Nie einen Schlagstock benutzt und stolz darauf"

Ehemaliger Polizist im Gespräch mit als Clowns verkleideten Demonstranten. © NDR Fotograf: Vivian Münzel Detailansicht des Bildes Von Provokationen gegenüber der Polizei hält Groß nichts. Innerlich unterstützte Groß kreative Protestaktionen von Demonstranten schon damals. An die Räumung des Hüttendorfes im Jahr 1980 hat er besonders einschneidende Erinnerungen. Das massive Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten versteht er bis heute nicht. Er selbst hat bis zum Ende seiner Dienstzeit nie mit dem Gummiknüppel zugeschlagen. "Ich habe nie einen Schlagstock benutzt und bin stolz darauf! Vielleicht bin ich den ganz brenzligen Situationen auch aus der eigenen Angst heraus immer ausgewichen."

Kein Verständnis für Gewalt

Schon damals machte er keinen Hehl aus seiner Sympathie für die Interessen der Atomkraftgegner. Das kostete ihn fast den Job. Trotzdem klebte er sich "Atomkraft. Nein, danke!"-Aufkleber aufs Auto und hängte sich Greenpeace-Plakate ins Büro. Heute kann er seine Meinung frei und aktiv äußern. Groß ist inzwischen Rentner und seitdem auf den Anti-Atomkraft-Demos dabei. Doch mit dem Verständnis für die Demonstranten hört es bei ihm auf wenn der Widerstand mit Gewalt gegen die Polizisten agiert. Autonome und Vermummte vergleicht Groß mit Hooligans: "Denen geht es nicht um Gorleben."

"Mit 70 bin ich mehr Demonstrant als Polizist."

42 Jahre Polizeidienst kann Groß auch als Rentner nicht so einfach beiseiteschieben. Die Zeit hat ihn geprägt und er war gerne Polizist. Für die Kollegen, die heute an der Castor-Strecke eingesetzt werden, hat er Verständnis und Mitgefühl. Für wen das Herz mehr schlägt, für die Demonstranten oder die Polizei, kann Groß nicht endgültig beantworten. "Vielleicht aber, wenn ich irgendwann 70 Jahre alt bin. Dann fühle ich mich sicher mehr als Demonstrant, weil die Erinnerungen an all die Jahre als Polizist mehr und mehr verblasst sind."

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/heide/castortransport/polizist151.html
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