Stand: 29.11.2011 15:15 Uhr
Castor am Ziel - Streit geht weiter
Innenminister Uwe Schünemann beklagt die Aggressivität eines Teils der Demonstranten, die etwa präparierte Golfbälle als Waffe einsetzten.
Nach mehr als fünf Tagen ist der Castor-Transport am Ziel: Ganze 126 Stunden und damit deutlich länger als jeder andere Atommüll-Transport zuvor brauchte er von der französischen Wiederaufbereitung bis ins Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben. Dort traf er am späten Montagabend ein. Während die Atomkraft-Gegner die massiven Verzögerungen als Erfolg werteten, forderte die Gewerkschaft der Polizei politische Konsequenzen. Mit entschlossenem Widerstand und zahlreichen Blockaden machten die Castor-Gegner erneut deutlich, dass sie mit der Lagerung des Atommülls in Gorleben nicht einverstanden sind. Nun können sie zumindest darauf hoffen, dass es der letzte Transport nach Niedersachsen war.
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Nach Ankunft der Castoren in Gorleben ziehen die Atomkraftgegner Bilanz. Erschöpft, aber zufrieden blicken sie auf den längsten Castor-Transport der Geschichte zurück.
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"Niedersachsen hat seinen Beitrag geleistet"
"Niedersachsen hat seinen Beitrag geleistet", sagte Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann (CDU) am späten Montagabend vor Journalisten in Dannenberg. Er geht davon aus, dass der Castor-Transport 2011 der letzte nach Niedersachsen war. Für die nächsten anstehenden Transporte von radioaktivem Müll aus dem britischen Sellafield müssten andere Zwischenlager in Deutschland genehmigt werden, sagte er. Fest steht: Der 13. Castor-Transport dauerte nicht nur am längsten - es war auch der teuerste. Man rechne "erneut mit einer Belastung der Landeskasse durch den Polizeieinsatz von etwa 33,5 Millionen Euro", sagte Schünemann. Geringeren Kosten für Unterkünfte stünden in diesem Jahr höhere Personalkosten gegenüber.
Fünf Tage Widerstand im Wendland
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Auch auf der letzten Etappe wurde der Castor-Transport von Protesten begleitet.
Nach 126 Stunden erreicht der Castor-Transport das Zwischenlager in Gorleben.
Nach Stunden wird die Straßenblockade bei Gorleben geräumt - die Polizei setzt wieder Wasserwerfer ein.
Während in Dannenberg die Castoren verladen werden, haben sich rund 1.300 Atomkraftgegner vor dem Zwischenlager in Gorleben niedergelassen und blockieren die Zufahrt.
Seit dem frühen Montagmorgen hat sich der Protest von der Schiene auf die Straße verlagert: In Klein Gusborn versperren Greenpeace-Mitglieder mit einem Transporter die Südroute. Der Wagen ist mit einer Betonkonstruktion im Boden verankert.
Diese 21-jährige Frau und ein 26 Jahre alter Mann können sich nicht vom Fleck bewegen. Die Polizei braucht Stunden, um den Transporter von der Straße zu bekommen.
In Dannenberg werden die elf Castoren auf Spezialfahrzeuge umgeladen. Am frühen Montagmorgen hatte der Castor-Transport den Verladebahnhof erreicht.
Derweil messen Greenpeace-Aktivisten am Verladebahnhof die Neutronenstrahlung. Ihr Ergebnis: Selbst in einer Entfernung von etwa 14 Metern liege die Strahlung bei 4,5 Mikrosievert pro Stunde. Das sei 600-mal mehr Strahlung als wenige Stunden zuvor am gleichen Ort gemessen wurde, so Greenpeace.
Wegen der vielen Gleisblockaden kam der Atommüll-Zug zuvor nur langsam voran. Die effektivste Blockade hatten sich vier Landwirte in Hitzacker ausgedacht.
Mit einer Betonpyramide hatten sie sich am Sonntagmorgen an die Gleise gekettet. Dank seelischer und körperlicher Unterstützung konnten die Landwirte insgesamt 15 Stunden ausharren ...
... denn ihre Betonkonstruktion war so ausgefuchst, dass es der Polizei nicht gelang, die Aktivisten von ihrer Pyramide zu trennen. Am Ende geben sie - nach Verhandlungen mit der Polizei - freiwillig auf.
Mit ihrer Blockade begonnen hatten die vier Landwirte bereits am Sonntagmorgen.
Auch bei Vastorf östlich von Lüneburg hatten sich am Sonntag einzelne Aktivisten an die Gleise gekettet. Erst nach Stunden wurden sie "befreit".
Während die meisten Proteste friedlich verliefen, lieferten sich in Leitstade vermummte Castor-Gegner und Polizisten am Sonntagnachmittag ein hitziges Gefecht.
Das große Aufräumen: Nach einer Sitzblockade in Harlingen wird der Müll beseitigt.
Eingekesselt von der Polizei mussten die Demonstranten zuvor - nachdem die Blockade in Harlingen aufgelöst worden war - stundenlang unter freiem Himmel ausharren.
Am frühen Sonntagmorgen war die Sitzblockade der Atomkraft-Gegner aufgelöst worden. Mehrere Tausend hatten die ganze Nacht lang ausgeharrt.
Insgesamt benötigten die Einsatzkräfte viereinhalb Stunden, um die Sitzblockade in Harlingen zu räumen. Friedlich sei es zugegangen, sagt die Polizei. Von ruppiger Umgangsweise sprechen die Demonstranten.
In Harlingen bei Hitzacker hielten Hunderte Demonstranten am Sonnabend die Gleise besetzt.
Während sich Tausende am Sonnabend in Dannenberg zur Groß-Kundgebung versammelten ...
... lieferten sich Polizisten und Demonstranten heftige Schlachten - wie hier bei Pommoissel.
Völkerwanderung? Nein. Am Sonnabend brachten sich Castor-Gegner im Wendland in Position.
Es wurden nicht mehr nur Steine unter den Gleisen herausgeholt ("Schottern"), an einigen Stellen wurden die Gleise selbst verbogen. Zum Beispiel in Harlingen.
Zentrum der Gewalt war ein Widerstands-Camp bei Metzingen. In der Nacht zum Sonnabend erlebte der Ort die zweite Nacht voller Gewalt in Folge. Erst gegen ein Uhr, als sich die Polizei
komplett aus Metzingen zurückzog, beruhigte die Lage sich.
Aber immer wieder bekam es die Polizei auch mit gewaltbereiten Demonstranten zu tun: Am Freitag beispielsweise attackierten Aktivisten Polizeiwagen mit Molotow-Cocktails.
Die große Masse der Atomkraftgegner wollte aber friedlich protestieren und tat das äußerst kreativ.
Ungewöhnlich früh kam es beim Castor-Transport 2011 zu Gewalt im Wendland: Der Atommüll-Zug war noch nicht mal auf deutschem Gebiet, schon wehrten sich in der Nacht zu Freitag Beamte in Metzingen mit Wasserwerfern und Tränengas gegen militante Demonstranten.
Ungewöhnlich früh kam es beim Castor-Transport 2011 zu Gewalt im Wendland: Der Atommüll-Zug war noch nicht mal auf deutschem Gebiet, schon wehrten sich in der Nacht zu Freitag Beamte in Metzingen mit Wasserwerfern und Tränengas gegen militante Demonstranten.
"Wir sind noch lange nicht am Ende"
Während der Kampf um die Castor-Transporte vorerst beendet scheint, konzentriert sich der Protest der Atomkraft-Gegner im Wendland nun auf die Erkundung des Salzstocks Gorleben als möglichem Endlager-Standort für hoch radioaktiven Müll. "Der Castor-Transport ist am Ende, wir noch lange nicht", sagte Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg am Montagabend auf einer Pressekonferenz in Trebel. Die Atomkraftgegner sprechen sich geschlossen gegen eine Endlagerung des Atommülls in Gorleben aus. Jochen Stay von der Anti-Atom-Organisation "ausgestrahlt" sprach von "immensen Risiken" einer Lagerung "im maroden Salzstock". Auch Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister (CDU) müsse sich bewegen. Mathias Edler von Greenpeace betonte, mit dem Widerstand gegen den Castor-Transport seien die Atomkraft-Gegner einem Baustopp für ein Endlager in Gorleben einen wichtigen Schritt näher gekommen. "Dieser Rekord-Castorprotest ist Norbert Röttgens schwerste Niederlage", sagte Greenpeace-Atomexperte Tobias Riedl.
Weitere Informationen
Die letzten Castoren aus La Hague haben das Zwischenlager erreicht - doch es ist nur ein Etappenziel. In der Atomfrage sind die strittigen Punkte noch immer ungeklärt. mehr
Bundesumweltministerium: Salzstock wird weiter erkundet
Das Bundesumweltministerium erteilte den Forderungen der Atomkraft-Gegner indes umgehend eine Absage. Trotz der massiven Proteste gegen den Castor-Transport, werde die Erkundung des Salzstocks in Gorleben als mögliches Atommüll-Endlager weiter geführt. Es gelte, was die Bundesländer am 11. November beschlossen haben, sagte eine Ministeriumssprecherin am Dienstag in Berlin. Demnach soll es zwar eine bundesweite Endlagersuche geben. Diese schließe aber den Salzstock in Gorleben mit ein. Seit 1977 wurden dort bereits annähernd 1,6 Milliarden Euro investiert.
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Die Lkw mit den elf Castoren sind in das Zwischenlager in Gorleben eingefahren. Noch wenige Kilometer vor dem Ziel gelang es Aktivisten erneut, den Transport zu stoppen. mehr
Kritik am Vorgehen der Polizei
Die Polizei setzte auch Schlagstöcke ein.
Schon während der Proteste im Wendland war viel Kritik am Vorgehen der Polizei laut geworden. Am Ende beklagten die Atomkraft-Gegner, dass durch den Einsatz der Polizei 355 Demonstranten verletzt worden seien, davon fünf schwer. "Die Nervosität und Aggressivität bei den Polizeikräften ist größer geworden", sagte ein Landwirt der Bäuerlichen Notgemeinschaft. Die Polizei setzte Pfefferspray, Schlagstöcke und Wasserwerfer gegen die Demonstranten ein.
Schünemann verteidigt Polizeieinsatz
Schünemann wies die Kritik zurück. Bei der Räumung friedlicher Sitzblockaden seien die Beamten besonnen vorgegangen. Überrascht sei er aber von der Gewaltbereitschaft mehrerer Hundert Linksautonomer gewesen. Diese hätten nach Guerilla-Manier mit im Wald gespannten Drahtseilen, Feuerwerkskörpern und mit Schrauben durchbohrten Golfbällen Leib und Leben der Beamten gefährdet. Gegen diese Krawallmacher seien die Einsatzkräfte konsequent vorgegangen. Rund 100 Polizisten wurden demnach verletzt, keiner von ihnen schwer. Allein in Niedersachsen waren laut Schünemann etwa 10.000 Beamte im Einsatz. Nach Angaben des Ministers gab es insgesamt mehr als 100 Blockaden.
GdP verlangt politische Konsequenzen
Die Attacken auf Polizisten dürften nicht ohne politische Folgen bleiben, fordert die GdP.
Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) fordert nach dem jüngsten Castor-Einsatz ein politisches Nachspiel. Kaum ein Transport der vergangenen Jahre habe den eingesetzten Polizeikräften soviel abverlangt, sagte der GdP-Bundesvorsitzende Bernhard Witthaut nach dem Eintreffen der Castoren im Zwischenlager. "Der Hass und die Gewalt, die meinen Kolleginnen und Kollegen von einzelnen autonomen Gruppen entgegenschlug, waren ohne Beispiel", sagte Witthaut. "Es ist bedrückend, dass sich auch Politiker und Bürgerinitiativen nicht eindeutig von dieser Gewalt distanziert haben." Witthaut sprach von einer "international besetzten Anarcho-Szene". Dieser sei das "Leben von Polizisten keinen Pfifferling wert".
Die Chronik einer heiklen Reise
Der 13. Castor-Transport ist ins Zwischenlager Gorleben gerollt. Es war eine Reise, die Rekorde brach. Die wichtigsten Stationen - zusammengefasst in einer Multimedia-Chronik.