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Nervengift vom Acker: Gefahr für Bienen?

von Oda Lambrecht

Holger Netzel, Imker.  Detailansicht des Bildes Imker Holger Netzel protestiert gegen den Einsatz giftiger Pestizide. Ein monotones Summen tönt aus dem verwilderten Garten. Überall stehen grüne hohe Kästen, um sie herum fliegen hunderte Bienen. Andere krabbeln emsig in riesige rote Klatschmohnblüten. Imker Holger Netzel zieht vorsichtig Honigwaben aus einem der Kästen, um sie zu begutachten.

Bienen leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Nahrungsmittel. Sie produzieren nicht nur Honig, sie spielen auch für die Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Die Erträge im Obst- und Rapsanbau seien durch die Bestäubungsarbeit der fleißigen Insekten viel höher, erklärt Netzel. Doch obwohl Bienen der Landwirtschaft nützen, leiden sie auch unter ihr, davon ist der Imker aus Reinstorf nahe Lüneburg überzeugt.

Pestizide können Bienen schwächen oder töten

Eine Biene fliegt über einer Mohnblüte.  Detailansicht des Bildes Pestizide von umliegenden Äckern können für Bienen gefährlich werden. Der Garten von Holger Netzel ist umgeben von Feldern: Kartoffeln, Raps, Mais. Um die Nutzpflanzen vor Schädlingen zu schützen, bringen die Landwirte Pestizide aus. Doch die können auch den Bienen schaden. Als besonders gefährlich gilt die Wirkstoffgruppe der sogenannten Neonicotinoide - künstlich hergestellte Stoffe, die dem giftigen Tabak-Nikotin ähneln.

Diese Nervengifte könnten Insekten schwächen oder sogar töten, erklärt Susan Haffmans, Agraringenieurin vom Pestizid-Aktions-Netzwerk (PAN) in Hamburg. Zwei aktuellen Veröffentlichungen der renommierten Fachzeitschrift Science zufolge tragen diese Pestizid-Wirkstoffe zum weltweiten Bienensterben bei. Danach können sie Insekten schon in niedrigsten Dosierungen schaden.

Vierzehn Bienenvölker verloren

Eine Biene sitzt auf einem Finger.  Detailansicht des Bildes Vor sechs Jahren lagen bei Holger Netzel massenhaft tote Bienen vor den Kästen. In Baden-Württemberg waren 2008 zehntausende Bienen an den Folgen des Wirkstoffs Clothianidin gestorben - einer der giftigen Stoffe aus der Gruppe der Neonicotinoide. Damals war Maissaatgut mit dem Mittel behandelt worden. Auch Imker Holger Netzel machte dieser Wirkstoff schon mehrfach zu schaffen. 2006 zum Beispiel verlor er vierzehn Bienenvölker. "Das war ein Totalausfall, die lagen damals massenhaft tot vor den Kästen", so Netzel.

Dafür macht der Imker unter anderem das giftige Clothianidin verantwortlich. Der Imker hatte damals Proben von Pflanzen in der Umgebung gesammelt und zusammen mit vergifteten Bienen an das Julius-Kühn-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen, geschickt. Das Ergebnis: Sowohl in den Pflanzen, als auch in den Bienen fand das Labor Clothianidin.

Giftiges Pestizid hat keine reguläre Zulassung

Trotz solcher Fälle darf nun sogar ein Pflanzenschutzmittel mit diesem Wirkstoff eingesetzt werden, das nicht einmal regulär zugelassen ist: das Insektizid Santana. Imker und Naturschützer sind empört. Eine spezielle Zulassung für sogenannte "Notfallsituationen" macht den Einsatz möglich. Santana gilt als einziges Mittel, mit dem Landwirte den Drahtwurm, einen Schädling im Mais, bekämpfen können.

Der Drahtwurm, die Larve des Schnellkäfers, kommt in Wiesen vor. Wenn das Grünland zum Acker umgepflügt und Mais gepflanzt wird, kann er zum Problem werden. Der Drahtwurm frisst sich in die Wurzel der Maispflanze und zerstört sie. Der Landwirt muss mit wirtschaftlichen Einbußen rechnen. Um solchen Schäden vorzubeugen, darf er bei starkem Befall des Bodens das Insektizid Santana einsetzen.

Bundesamt schätzt Risiko als gering ein

Hans-Gerd Nolting, BVL.  Detailansicht des Bildes Wenn sich Landwirte an die Vorschriften halten, kommen Bienen mit den Pestiziden nicht in Kontakt, sagt Hans-Gerd Nolting vom BVL. In sechs Bundesländern ist das Mittel für jeweils 120 Tage zugelassen - darunter auch Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Obwohl der Wirkstoff hochgiftig ist, sieht der Hersteller Nufarm bei einer fachgerechten Ausbringung keine Gefahr für Bienen. Und auch die deutsche Zulassungsbehörde, das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), schätzt das Risiko als sehr gering ein, wenn das Pflanzenschutzgranulat mit den richtigen Geräten vollständig in den Boden eingearbeitet würde.

Das Bienensterben 2008 sei außerordentlich bedauerlich, für die Imker eine einzige Katastrophe, sagt Hans-Gerd Nolting, Leiter der BVL-Pflanzenschutzabteilung. Damals seien Stäube mit dem Wirkstoff auf Blüten gelangt, solche Stäube seien aber mit dem neuen Granulat weitestgehend auszuschließen, so Nolting.

Naturschützer warnen

Susan Haffmans, Pestizid-Aktions-Netzwerk  Detailansicht des Bildes Die Pestizide können ganze Bienenstöcke vergiften, sagt Susan Haffmans. Doch Naturschützer warnen, der Wirkstoff könne sich in der ganzen Pflanze ausbreiten. Und Wasser, das der Mais über die Blätter in kleinen Tröpfchen ausschwitze, könne den giftigen Stoff enthalten, sagt Susan Haffmans vom Pestizid-Aktions-Netzwerk. Bienen, die dieses sogenannte Guttationswasser holten, um andere Bienen zu versorgen, könnten so den ganzen Stock kontaminieren, so Haffmans.

Auch Hans-Gerd Nolting von der Zulassungsbehörde BVL räumt ein, dass man belastetes Guttationswasser nicht ausschließen könne, auf der anderen Seite sei aber die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass es zu Problemen komme, das würden mehrere Studien belegen. Naturschützer und Imker wollen dieses Risiko jedoch gar nicht erst eingehen. Sie fordern ein Verbot aller Pestizide mit Wirkstoffen aus der Gruppe der Neonicotinoide.

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