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Priester gesteht hundertfachen Missbrauch

Der angeklagte Pfarrer betritt den Gerichtssaal und verdeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner. © dpa-Bildfunk Fotograf: Julian Stratenschulte Detailansicht des Bildes In Handschellen wurde der Pfarrer in den Sitzungssaal geführt. Der vor dem Landgericht Braunschweig wegen sexuellen Missbrauchs von drei Jungen in 280 Fällen angeklagte Priester hat die Anschuldigungen eingeräumt. Laut Anklage soll sich der 46-Jährige an den Kindern und einem Jugendlichen von 2004 und 2011 unter anderem im Pfarrhaus sowie auf Urlaubsreisen vergangen haben. Für sein Geständnis stellte das Gericht dem Geistlichen nach Absprache mit Anklage und Verteidigung eine Strafe von sechs bis sechseinhalb Jahren Haft in Aussicht.

Kein Bedauern

Während des gesamten ersten Prozesstages wirkte der Angeklagte sehr gefasst und ruhig. Worte des Bedauerns äußerte er nicht. Es sei ihm nie in den Sinn gekommen, dass die Jungen leiden könnten. Die Sexualität sei aus der Nähe entstanden. "Meine Absicht bestand nicht darin, mich an die Jungen heran zu machen." Nach seinem Verhältnis zu einem der Missbrauchs-Opfer befragt sagte der suspendierte Pfarrer, das Kind sei wie ein Sohn für ihn gewesen.

Übergriffe vor der Messe

Die Anklageverlesung hatte der 46-Jährige regungslos verfolgt. Seine Augen waren nach unten gerichtet, auf die Akte, die er in den Händen hielt. Er wirkte hochkonzentriert und schien jeden einzelnen Punkt aufmerksam zu verfolgen. Bei gemeinsamen Urlauben im Disneyland Paris, auf Usedom und in Salzburg hatte Andreas L. die Kinder laut Staatsanwältin Ute Lindemann missbraucht. Auch bei Übernachtungen im Pfarrhaus in Salzgitter-Lebenstedt sowie vor der Messe sollen sich die Taten ereignet haben.

Sitzungssaal wegen Überfüllung geschlossen

Das Interesse an dem Prozessauftakt gegen den Geistlichen aus Salzgitter-Lebenstedt war groß. Eine Traube von Menschen drängte sich vor Prozessbeginn vor dem Sitzungssaal. Dieser musste wegen Überfüllung geschlossen werden, sodass einige Interessenten den Prozessauftakt gar nicht verfolgen konnten. Viele Gemeindemitglieder waren gekommen, unter ihnen auch viele Jugendliche, die Kontakt zu dem Geistlichen gehabt hatten.

Drei Jungen sind die Opfer

Andreas L. soll im Jahr 2004 in Braunschweig einen damals zehnjährigen Kommunionsschüler mehrfach innerhalb von zwei Jahren sexuell missbraucht haben. An einem weiteren Kind soll sich der Pfarrer seit 2004, an einem Jugendlichen aus dem Raum Salzgitter seit 2007 vergangenen haben - jeweils über einen Zeitraum von zwei Jahren. Der Pfarrer war im vergangenen Juli festgenommen worden, nachdem die Mutter eines mutmaßlichen Opfers Anzeige gegen ihn erstattet hatte. In einer fünfstündigen Vernehmung gestand Andreas L. laut Staatsanwaltschaft viele der Taten.

Staatsanwaltschaft erkannte zunächst nichts Strafbares

Zum ersten Mal geriet der Geistliche 2006 ins Visier des Bistums Hildesheim, nachdem sich eine Familie über das distanzlose Verhalten des Angeklagten beschwert hatte. In dieser Zeit war der Geistliche in der Pfarrgemeinde St. Joseph in Salzgitter-Lebenstedt tätig. Das Bistum legte dem Pfarrer auf Wunsch der Familie ein Kontaktverbot zu den Kindern auf und informierte zudem die Staatsanwaltschaft, die allerdings keine strafbaren Handlungen erkennen konnte. Erst als die Mutter eines der Opfer im Sommer 2011 Anzeige gegen den Geistlichen erstattete, brachte die Sonderkommission "Peccantia" (lat. Sünde) dessen Taten ans Licht, für die er sich nun vor Gericht verantworten muss.

Viel Kritik an Bistum

Der Hildesheimer Weihbischof Heinz-Günter Bongartz hat die Hände vor dem Mund gefaltet und schaut nach unten. © dpa-Bildfunk Fotograf: Caroline Seidel Detailansicht des Bildes "Sicherlich habe ich nicht genug gewusst": Bischof Bongartz übt Selbstkritik. Nach Bekanntwerden des Falls hatte es schwere Vorwürfe gegen das Bistum Hildesheim gegeben. Dort habe man zu spät gehandelt - vor allem, als klar war, dass sich L. nicht an das Kontaktverbot gehalten hatte. Das Bistum hätte dem Fall selbst mehr auf den Grund gehen müssen, kritisierte die katholische Laienbewegung "Wir sind Kirche". Auch seien sowohl der Pfarrer als auch die möglichen Opfer allein gelassen worden.

Im Bistum Hildesheim wies man diese Vorwürfe scharf zurück. Weihbischof Heinz Günter Bongartz zeigte sich aber auch selbstkritisch: "Sicherlich habe ich nicht genug gewusst. Und ob ich genug getan habe, das will ich mir später im Rahmen eines Krisenmanagements auch noch mal gut überlegen", so Bongartz im vergangenen Sommer. Zum Prozess hat das Bistum einen Beobachter nach Braunschweig geschickt. Der Prozessausgang hat möglicherweise kirchenrechtliche Konsequenzen: Dem Pfarrer droht die Aberkennung der Priesterwürde.

"Zu einem emotionalen Abschluss wird es noch lange nicht kommen"

In Salzgitter-Lebenstedt spalten die Missbrauchsvorwürfe noch immer die St.-Joseph-Gemeinde. Aber er sei erleichtert, dass der Fall jetzt vor Gericht ist, sagte Pater Paulus vom Dekanat Goslar-Salzgitter. "Es ist gut, dass die Sache jetzt zumindest mal zu einem formalen Abschluss kommt. Zu einem emotionalen Abschluss wird es noch lange nicht kommen. Die Gefühle der Leute sind noch da."

Für den Prozess sind fünf Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird am 2. Februar gerechnet.

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Die Kirche der Gemeinde St. Joseph in Salzgitter © TeleNewsNetwork Fotograf: TeleNewsNetwork
 

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