Asse: Erstes Atommülllager unter der Erde
In dem ehemaligen Salzbergwerk Asse II wurden knapp 126.000 Fässer radioaktiver Müll eingelagert. Die Schachtanlage soll geschlossen werden - sie droht einzustürzen. mehr
Der Ärger von Atomkraftgegnern und Anwohnern des maroden Atommüllagers Asse wächst von Tag zu Tag. Nichts deutet derzeit darauf hin, dass der radioaktive Abfall schnell geborgen werden könnte. Schließlich sind die Probebohrungen, die neue Erkenntnisse über ein mögliches Rückholkonzept des radioaktiven Mülls liefern sollten, noch immer nicht in Gang gekommen. Deshalb fordert der Asse-II-Koordinierungskreis Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) auf, die Räumung des einsturzgefährdeten Lagers zur Chefsache zu machen. Die Anwohner erwarteten von Röttgen, "dass er dieses größte radioaktive Problem in Deutschland als solches anerkennt", sagte Andreas Riekeberg vom Koordinationskreis am Dienstag in Hannover.
Andreas Riekeberg vom Koordinationskreis hält weitere Verzögerungen für unverantwortlich.
Das Bündnis aus rund einem Dutzend Anti-Atomkraft-Initiativen wirft dem Bundesumweltministerium, dem Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) und dem niedersächsischen Umweltministerium vor, die Rückholung des Atommülls bewusst zu verzögern. Der Koordinationskreis zweifelt gar daran, dass eine Bergung des radioaktiven Abfalls politisch gewollt ist. Doch "Abwarten ist angesichts des Zustandes des Bergwerks nicht zu verantworten", sagte Riekeberg. Die Bürgerinitiativen fordern, dass ein Projektmanagement mit Fachleuten installiert wird, die die Arbeit der beteiligten Behörden koordinieren - und damit beschleunigen. Wenn alle an einem Strang zögen, könnte in etwa sieben Jahren damit begonnen werden, den Atommüll aus der Asse zu bergen.
Doch das niedersächsische Umweltministerium vertrete mit Blick auf die Rückholung keine offizielle Linie, kritisierte Koordinationskreis-Mitglied Michael Fuder. Minister Hans-Heinrich Sander (FDP) wechsle fast täglich seine Meinung und gebe eine "erbärmliche Figur" ab. Stattdessen müsse das Ministerium das gesamte Genehmigungsverfahren zügig bearbeiten, "Auflagen müssen technisch machbar und zeitnah realisierbar sein", forderte Fuder. Für die Rückholung des Atommülls sei außerdem eine andere Rechtsgrundlage notwendig. So müsse in den kommenden Monaten diskutiert werden, ob dies auf Basis des Gefahrenabwehrrechts am sinnvollsten sei oder ob etwa ein Maßnahmengesetz Asse notwendig werde.
Heike Wiegel vom Koordinationskreis weist auf die Notwendigkeit einer Bergung des Atommülls hin.
In das marode Bergwerk, in dem 126.000 Fässer mit Atommüll lagern, dringen täglich 10.000 bis 12.000 Liter Salzlauge ein. Nach Einschätzung des Koordinationskreises sind die meisten Fässer inzwischen korrodiert und vom Salz zerfressen worden. Ein Gutachten garantiert die Sicherheit des Lagers bis 2020. Eine Flutung des Asse-Schachtes lehnen die Initiativen kategorisch ab, genauso wie eine Verfüllung der Grube mit Beton. Bliebe der Atommüll unter Tage, sei eine Kontaminierung des Grundwassers und der Biosphäre vorprogrammiert, sagte Heike Wiegel vom Koordinationskreis. "Jeder geborgene Kubikmeter Atommüll ist ein Sicherheitsgewinn."
Mitte Januar treffen sich Fachleute, um unter anderem über den Zeitplan für die Schließung des Atommüllagers zu diskutieren. Am Mittwoch besucht SPD-Chef Sigmar Gabriel das einsturzgefährdete Atommülllager.