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"Die Geschichten setzen mir zu"

von Inga Mathwig

Gisela Wanner unterhält sich mit einer Patientin. © NDR Fotograf: Inga Mathwig Detailansicht des Bildes Seit 2005 therapiert Wanner regelmäßig traumatisierte Flüchtlinge. "Beim ersten Treffen sprach Cheja kein Wort. Sie stammt aus dem Kongo. Ihr Mann ist als Rebellenführer im Zweiten Kongokrieg getötet worden. Sie kam daraufhin ins Gefängnis, wo sie vergewaltigt wurde. Als der Krieg endete, floh sie mit ihren beiden Söhnen von Brazzaville über Moskau und Belgien nach Deutschland". Die Akte Chejas liegt auf Gisela Wanners Schoß, doch beim Gespräch schaut sie kaum hinein. Cheja hat sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Die 62-Jährige war bereits elf Jahre als Psychotherapeutin in Hildesheim tätig, als sie 2005 mit Cheja zum ersten Mal einen traumatisierten Flüchtling traf. Dieses Erlebnis habe ihre Vorstellung von Therapie neu definiert, sagt sie. "Es war ein sehr schwieriger Fall, ich musste vieles neu dazu lernen."

Flüchtlinge sind keine beliebten Patienten

Heute weiß die Therapeutin: "Flüchtlingsfälle sind immer sehr schwierige Fälle". Die Kraft, sich mit solchen Schicksalen auseinanderzusetzen, hat Wanner erst mit zunehmender Erfahrung erlangt. Nach der ersten Sitzung mit Cheja ging sie in eine Supervisionsgruppe, holte sich Rat von anderen Therapeuten und Ärzten. Parallel las sie Bücher, um der kongolesischen Kultur und damit auch ihrer Patientin näher zu kommen. "Nicht jeder Therapeut möchte mit traumatisierten Flüchtlingen arbeiten", meint die 62-Jährige. Es bedeutet mehr Arbeit als mit deutschen Patienten, außerdem muss man sehr belastbar sein. Auch Wanner therapiert nie mehr als zwei Flüchtlinge zur gleichen Zeit - "die Geschichten setzen mir durchaus zu".

Ein Dolmetscher ist immer dabei

Cheja begann erst nach zehn Treffen von ihren Erfahrungen zu berichten. "Über das Erlebte zu sprechen, bedeutet, es noch einmal durchleben zu müssen", weiß Wanner. Außerdem muss bei einer Sitzung mit einem Flüchtling fast immer ein Dolmetscher anwesend sein. Das erschwert das Sprechen über die eigene Traumatisierung. Die Therapeutin sieht darin aber auch Vorteile. "Ein Dolmetscher kennt oftmals die kulturellen Eigenheiten und kann mir Hinweise liefern. Viele Flüchtlingsfrauen, insbesondere Opfer sexueller Gewalt, empfinden ein Gespräch zu dritt außerdem als weniger bedrohlich."

Nur Suizidgefahr schützt vor Abschiebung

Gisela Wanner sitzt in ihrer Praxis. © NDR Fotograf: Inga Mathwig Detailansicht des Bildes Im Schnitt dauert die Therapie eines traumatisierten Flüchtlings ein bis drei Jahre. Eigentlich wollen die Flüchtlinge das tragische Lebenskapitel mit der Flucht schließen. Als sie in Deutschland ankommen, begegnen ihnen aber neue, bedrohliche Probleme. "Ich muss meinen Patienten häufig erklären, dass eine Therapie kein Bleiberecht garantiert. Gleichzeitig kann ich mit Flüchtlingen, die keinen sicheren Aufenthaltsstatus haben, keine Traumatherapie machen. Dafür müssen sie physisch und psychisch stabil genug sein." Trotz ihres Traumas sind die Flüchtlinge nicht vor einer Abschiebung sicher. Nur wenn Wanner dem Ausländeramt in einem umfassenden Schreiben erklärt, dass die Patientin tatsächlich suizidgefährdet ist, wird ein Schutz vor Abschiebung gewährt. Manchmal sollen die Patienten aber bei einem anderen, fremden Arzt untersucht werden, der nach nur einem Gespräch über ihren Zustand urteilen soll. Das sei kaum möglich, sagt Wanner. "Viele Flüchtlinge stammen nicht aus Individualkulturen, sondern Kulturen, die an Sippen orientiert sind. Da ist es nicht üblich zu sagen, dass man sich schlecht fühlt. Wenn es ein Problem gibt, dann ist es körperlich. Zur Therapie kommen die Menschen erst, wenn eine Institution oder Freunde sie schicken".

Zurückgelassene Familien erwarten Unterstützung

Neben den Sorgen um das Bleiberecht ist auch der Kontakt zu den zurückgelassenen Familien eine große Belastung. "Cheja hatte Angst, mit ihren Geschwistern zu sprechen. Ihre Familie erwartete, dass sie ihnen Geld oder Waren schicken würde. Schließlich sei sie nun in Deutschland, es gehe ihr jetzt gut. Dabei lebte Cheja zu dem Zeitpunkt von der Grundsicherung." Wanner hat gelernt, dass diese Erwartungshaltung kein seltenes Phänomen ist. Ein Bruder Chejas, der in den Kongo zurückkehrte, ist aus diesem Grunde von der Familie verstoßen worden und lebt nun in Angola. Cheja fürchtete, dass ihr bei einer Abschiebung nicht einmal mehr die Familie bliebe und sie sich prostituieren müsse.

40 Prozent aller Asylsuchenenden sind traumatisiert

Es gibt nicht annähernd genug Therapeuten für traumatisiere Flüchtlinge, erzählt Wanner. Laut einer Studie der Universität Konstanz sind mehr als 40 Prozent aller Asylsuchenden traumatisiert, das wären allein in Niedersachsen rund 16.000 Menschen. Manchmal sagt auch Wanner Therapieanfragen ab, aus Eigenschutz. "Ich habe gelernt, Stopp zu sagen". Im Durchschnitt therapiert Wanner traumatisierte Flüchtlinge ein bis drei Jahre. Cheja blieb dreieinhalb Jahre bei ihr. Wanner legt die Akte zur Seite, lächelt. "Mit der Zeit ging es Cheja deutlich besser. Sie begann Deutsch zu lernen, besuchte die Sitzungen immer seltener. Dass es ihr jetzt gut geht, wäre vielleicht zu viel gesagt. Doch sie ist sehr froh, in Sicherheit zu sein. Hier, in Hildesheim".

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Links

Die offizielle Homepage des Netzwerks für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen.

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