Garten zwischen Hochhäusern
In Hannover Sahlkamp blüht auf dem Dach einer Tiefgarage ein Stadtteilgarten.
Bildergalerie startenEs ist kein einfacher Ort, an dem Alena Rasina lebt: Dicht und bleischwer stehen die Hochhäuser im Spessartweg in Hannovers Sahlkamp, dem Zuhause für Menschen aus rund 60 Nationen. Viele von ihnen ohne Arbeit und Hoffnung. Mittendrin aber, auf dem Dach einer Tiefgarage, gedeiht auffällig grün ein Garten. Gemüse, Kräuter und Blumen wachsen hier, und der Himmel, grau und unbeständig, konnte Alena Rasina auch heute nicht davon abbringen, mit ihren Fingern in der Erde zu graben. Ihre Hände, fein aber zupackend, sind die Hände einer Frau über 50, einer allein erziehenden Mutter und diplomierten Physikerin.
Die ersten Stadtteilgärten entstanden in den Siebzigerjahren in New York, als Bürger auf brachliegenden Grundstücken Sträucher und Blumen pflanzten. Diese "Community Gardens" waren zunächst als Erholungsräume gedacht. Mit zunehmender Verarmung vieler New Yorker wurde dort aber bald auch Obst und Gemüse für den Eigenbedarf angebaut, um die Haushaltskasse zu entlasten. Heute sind Stadtteilgärten auch in Deutschland weit verbreitet. Auch hier dienen die meisten davon der Selbstversorgung. Zudem soll die gemeinsame Gartenarbeit die Integration von Menschen unterschiedlicher Kultur und sozialer Herkunft fördern und vor allem für Flüchtlinge ein Stück Heimat und Geborgenheit schaffen.
Vor zwölf Jahren kam sie aus Weißrussland hierher. Nur richtig angekommen ist sie viel später: 2007, als sie in dem damals neuen Stadtteilgarten anfing, die Erde zu bebauen. Mit den Pflanzen wuchsen auch ihre Kontakte, und inzwischen wird eifrig hier und dort genascht, ausprobiert und über Rezepte diskutiert. Das war nicht immer so, erinnert sie sich: Mit manchen Nachbarn hat sie jahrelang kein Wort gesprochen. Kein Gruß, kein Blick. Nicht aus Bosheit, es ergab sich einfach nicht. Dabei hätten sie schon damals einiges zu erzählen gehabt, jeder Gärtner hat seine eigene Geschichte. Türken, Kurden, Iraker, Russen und Deutsche: Da ist viel zu erfahren und zu entdecken - auch alte Wunden und Vorurteile. Alena Rasina denkt an den Anfang, der schwierig war. Erst die aufgewühlte Erde habe eine Basis geschaffen, auf der sich die Nachbarn annähern und schließlich miteinander reden konnten.
Alena Rasinas Gartenparzelle vor den Hochhäusern überblüht alle anderen.
Schon lange nicht mehr kreisen ihre Unterhaltungen bloß um Pflanzen: Es geht um Hochzeiten, Geburten, Sorgen und Nöte - und immer wieder um feste und geregelte Arbeit, die hier kaum jemand hat. Zumindest im Garten findet jeder seine Aufgabe. Auch Alena Rasina war lange arbeitslos, bevor sie über Bekannte eines Gärtners eine Stelle als Bürokraft in einem kleinen Verein gefunden hat. Seitdem lacht sie wieder gerne und viel und hört auch nicht auf damit, als ein flüchtiger Regen fällt: schnell noch ein paar Blumen für die Fensterbank, ihre Parzelle überblüht alle anderen.
Auch Obst und Gemüse wachsen unter ihren Händen besonders üppig. Wie ihre Nachbarn kann aber auch Alena Rasina vom Garten allein nicht leben. Trotzdem: Die Erträge decken immerhin einen Teil ihres Bedarfs an frischen Zutaten und entlasten die Haushaltskasse, zudem sei ihr Bekanntenkreis ja nun viel größer als vorher. In diesem Sinn, sagt sie, habe der Garten sie nicht nur glücklicher, sondern auch reicher gemacht.