AKTUELLES AUS DER REGION
  • Niedersachsen Regionen Niedersachsen Hannover Heide Osnabrück Oldenburg Harz
    Möglichkeit zur Auswahl der Region
 

Psychiatrie und lange Haft für Kinderpfleger

Ein Angeklagter wird im Gerichtssaal fotographiert. © dpa-Bildfunk Fotograf: Holger Hollemann Detailansicht des Bildes Das Gericht hat den ehemaligen Krankenpfleger am Montag zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Neuneinhalb Jahre Haft wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Missbrauchs - so lautet das Urteil des Hildesheimer Landgerichts gegen einen Krankenpfleger. Während seiner Nachtschichten auf der Kinderstation des Hildesheimer Klinikums hatte der Mann zwölf Patientinnen im Alter von zehn bis 15 Jahren betäubt und sich dann vor laufender Kamera an ihnen vergangen. Auf ähnliche Weise missbrauchte er acht Frauen, die er außerhalb der Klinik angesprochen hatte. Dabei gab er sich als Arzt aus, der den Frauen Blut abnehmen und das für Ausbildungszwecke filmen wollte. Nachdem er sie betäubt hatte, nahm er auch an ihnen sexuelle Handlungen vor. Da der Mann laut Gutachter an einer psychischen Störung leidet, wurde er als vermindert schuldfähig eingestuft und wird vor seiner Gefängnisstrafe in einer psychiatrischen Klinik untergebracht - auf unbestimmte Zeit, wie Gerichtssprecher Stephan Loheit sagte.

Richter: "Es fehlt die Veränderungsbereitschaft"

Das Gericht geht offenbar davon aus, dass der Verurteilte lange Zeit in der Psychiatrie verbringen wird. Die Rede ist von einer sehr hohen Rückfallgefahr durch die psychische Störung des Mannes. Der Verurteilte wolle sich offenbar nicht ändern, sagte der Vorsitzende Richter: "Gegenwärtig gibt es eine erhöhte Bereitschaft, weitere Taten zu begehen." Der 36-Jährige habe "die Vertrauensstellung, die er gegenüber allen Opfern hatte, aufs Gröbste missbraucht", fügte er hinzu. Die Fähigkeit des Mannes zu Empathie lasse zudem "zu wünschen übrig".

Anklage und Verteidigung mit Urteil zufrieden

Von einem gerechten Urteil spricht Staatsanwältin Christina Pannek. Der Angeklagte habe künftig keine Gelegenheit mehr, ähnliche Straftaten zu verüben. Denn neben der Einweisung in die Psychiatrie und der Haftstrafe verhängte das Gericht ein lebenslanges Berufsverbot für den Krankenpfleger in Einrichtungen mit Personen unter 25 Jahren. Auch Verteidiger Matthias Doehring ist zufrieden. Er hatte zuvor neun Jahre Haft gefordert, erklärte aber, nicht in Berufung gehen zu wollen. Die erschreckenden Taten des Krankenpflegers hätten auch ihn erschüttert, so Doehring - die Verteidigung des Angeklagten sei ihm deshalb nicht leicht gefallen. Der Pfleger hatte die Taten am ersten Prozesstag im August gestanden.

Klinik setzt nun immer zwei Nacht-Pfleger ein

Während seiner Nachtschichten war der Pfleger auf der Kinderstation allein und unbeobachtet gewesen. Diese Situation nutzte er aus. Im Klinikum Hildesheim arbeiten deshalb seit dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle immer zwei Pflegekräfte gemeinsam im Nachtdienst.

Opfer entlarvt den Pfleger

Aufgedeckt wurden die Taten des Pflegers, nachdem ihn eine der betroffenen Frauen wegen des Missbrauchs von Titeln und Körperverletzung angezeigt hatte. Demnach hatte der Mann sie in einer Celler Diskothek angesprochen und nach der beschriebenen Methode missbraucht. Als die Polizei daraufhin seine Wohnung durchsuchte, entdeckte sie Videos und Fotos auch von den anderen Übergriffen. Nach Angaben von Staatsanwältin Pannek war es nicht möglich, alle Opfer zu identifizieren, da der Mann den Patientinnen das Gesicht mit Tüchern abgedeckt habe. Auch die Opfer außerhalb des Krankenhauses wussten hinterher nichts von der Tat, da das Betäubungsmittel offenbar zu einem Gedächtnisverlust führte.

Öffentlichkeit von Verhandlung ausgeschlossen

Die Öffentlichkeit war vom Prozess weitestgehend ausgeschlossen. Der Vorsitzende Richter entsprach damit einem Antrag von Staatsanwaltschaft und Nebenklage, die die Privatsphäre der Opfer schützen wollen. Zum Schutz der Opfer wurden auch bei der Urteilsverkündung keine Details erläutert. Das Gericht hatte bereits im Vorfeld eine "schonende Ausführung" angekündigt. Die Opfer und deren Familien befinden sich weiter in psychologischer Behandlung: "Wir haben feststellen müssen, dass die Opfer auch heute noch massiv unter den Taten leiden", so der Richter. "Spätfolgen sind zu erwarten, auch bei denen, die noch nicht wissen, dass sie Opfer waren."

Weitere Informationen
Junge versteckt sein Gesicht © imago stock&people
 

Kindesmissbrauch: Das Versagen der Politik

NDR Fernsehen: 45 Min

Nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in Schulen und kirchlichen Einrichtungen im Jahr 2010 versprach die Politik zu helfen. Hat sich die Lage der Betroffenen verbessert? mehr

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 09.09.2013 | 19:30 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/hannover/missbrauch937.html
Hallo Niedersachsen
Weitere Informationen
Der Angeklagte Marc R. sitzt in einem Gerichtssaal im Landgericht in Hildesheim. Rechts neben ihm sein Verteidiger Matthias Doehring.  Fotograf: Holger Hollemann
 

Hildesheimer Pfleger soll zwölf Jahre in Haft

Der Verteidiger plädierte hingegen auf neun Jahre Gefängnis. (30.08.2013) mehr


Pfleger gesteht Missbrauch von Mädchen

Der 36-Jährige soll seine Opfer betäubt und dann missbraucht haben. (13.08.2013) mehr


Missbrauch: Anklage gegen Pfleger erhoben

Ein Ex-Pfleger des Klinikums Hildesheim soll Patienten missbraucht haben. (25.06.2013) mehr


Missbrauch in Kinderklinik: Noch mehr Fälle

Der Ex-Pfleger des Klinikums Hildesheim hat insgesamt 21 Fälle zugegeben. (10.05.2013) mehr