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Freikirchen wehren sich gegen Gewaltstudie

Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) setzt sich gegen eine neue Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zur Wehr, laut der streng religiöse Eltern ihre Kinder massiver und häufiger schlagen als andere. Peter Jörgensen, der die VEF im Bund vertritt, erklärte am Dienstag gegenüber der ARD, dass er die Untersuchung für ungenau und damit auch für unseriös halte. Das Forschungsinstitut betrachte die Situation nur oberflächlich.

"Wir haben seit Jahren im Gespräch mit dem KFN angeboten, unsere Expertise zur Verfügung zu stellen, um diesen genaueren Blick zu machen", so Jörgensen. Doch das habe dessen Leiter und Mitautor der Studie, Christian Pfeiffer, nicht genutzt.

Jedes sechste Kind in Freikirchen erlebt Gewalt

Die Studie besagt, dass Kinder in sehr religiösen freikirchlichen Familien besonders häufig Opfer von Gewalt werden. Mehr als jeder sechste freikirchliche Schüler hat demnach in der Kindheit schwere elterliche Gewalt erlebt. Und: Je religiöser die Eltern seien, desto häufiger und massiver schlügen sie ihre Kinder.

Bei den katholischen und evangelischen Schülern liege die Quote deutlich niedriger. "Die Aussage, je gläubiger, desto mehr wird zugeschlagen, gilt erfreulicherweise nur für die evangelisch-freikirchlichen Gemeinden", erklärte Pfeiffer. Diese Ergebnisse sprächen dafür, dass "in einem beachtlichen Teil" der Freikirchen "Eltern dazu aufgerufen werden, in der Erziehung ihrer Kinder Schläge gezielt einzusetzen".

"Christliche Tradition" erzieherischen Schlagens

Bei Eltern aus Freikirchen, die keine akademische Ausbildung haben, aber als "religiös" oder "sehr religiös" gelten, ist der Trend noch stärker ausgeprägt: Mehr als ein Viertel der befragten Kinder aus diesen Familien hat massive Gewalt erlitten. Die Autoren der Studie liefern auch eine mögliche Erklärung: Es gebe "eine christliche Tradition des erzieherisch motivierten Schlagens von Kindern". Und insbesondere Nicht-Akademiker in Freikirchen haben diese Tradition offenbar noch nicht überwunden.

Die Folgen für die Kinder sind laut der aktuellen Untersuchung schwerwiegend. Viele, die in ihren Familien Opfer von massiver Gewalt werden, sind mit ihrem Leben unzufrieden. Etwa 60 Prozent von ihnen haben demnach schon mal über Suizid nachgedacht. Auf der anderen Seite zeige die Studie, je gläubiger evangelische und katholische Jugendliche seien, desto lebensfroher seien sie auch. Dies gelte für die evangelisch-freikirchlichen Jugendlichen leider nicht, so Pfeiffer.

 

Das meinen NDR.de Nutzer:

  • "Tochter" wurde von ihren Eltern geschlagen

    "Meine Familie gehört einer anderen freien Glaubensgemeinschaft an, die ebenfalls alle ihre Mitglieder sehr zum christlichen Verhalten anhält. Ich kann bestätigen, dass ich ebenfalls gezwungen wurde, den Gottesdienst zu besuchen. Es ging sogar so weit, dass ich grundsätzlich keine Aktivitäten außer Kirchgang am Sonntag wahrnehmen durfte. Soziale Kontakte oder gar Sportarten, die sonntags ausgetragen wurden, waren undenkbar. Der gerne zitierte Kochlöffel kam mehr als einmal zum Einsatz. Gerne auch mit dem Hinweis: Für jedes Mal 'wegziehen' gibt es einen Schlag mehr. Meine Eltern waren zwar keine Akademiker, aber gute soziale Mittelschicht ..."

  • "titanum" fordert Abgrenzung von radikalen Christen

    "[...] Religion kann so befreiend sein, wenn es nicht diese Extremisten gäbe, die alles ins Negative verkehren. Gottlob ist aber Heilung möglich; allerdings auf Kosten einer klaren Abgrenzung zum radikalisierten Christentum, dem man nur das Handwerk legen kann."

  • "Max Bilfinger" wünscht sich Mitgefühl für Kinder

    "[...] Die leicht hysterische Reaktion der Mitglieder von Freikirchen auf den Artikel erscheint mir eher verdächtig als glaubwürdig. Mitleid mit Kindern, denen es wirklich widerfahren ist, kann ich in den Stimmen nicht erkennen. Habt doch keine Angst, dass gegen die Freikirchen Stimmung gemacht wird. Glaubt den befragten Kindern und plädiert für weitere Aufklärung. Dann wird sich ja zeigen, wer Recht hat."

  • "Jane Doe" hat Gewalt erlebt und lehnt sie ab

    "Ich habe als Kind Schläge bekommen, ich bin katholisch, darum habe ich mir geschworen, es bei meinen Kindern anders zu machen. Es funktioniert. Mit Regeln und Konsequenz. Das erfordert einiges an Geduld, aber es lohnt sich. Manchmal bringen mich die Kinder an den Rand des Wahnsinns, dann gehe ich in den Wald und brülle mir die Wut von der Seele. Sehr befreiend. Danach beginnt der Tag neu. Gewalt ist ein Zeichen von der eigenen Unfähigkeit, Konflikte zu lösen und erzeugt nur Gegengewalt."

  • "scientist" traut der Studie nicht

    "In den Ergebnissen der Studie kommt deutlich zum Ausdruck, dass es scheinbar einen klaren Zusammenhang zwischen Bildungsniveau und Schlägen gibt. Dies passt auch zu sonstigen Beobachtungen in der Gesellschaft. Interessant wäre es daher, zu prüfen ob die Studie methodisch überhaupt korrekt gearbeitet hat? Könnte es sein, dass das Phänomen von Schlägen in der Erziehung weniger mit dem Glauben als vielmehr mit dem Bildungsniveau zusammenhängt? Wurde die Untersuchung auch bei nicht-gläubigen Eltern durchgeführt? Zu welchen Ergebnissen kam man dort?"

  • "Gast-Baptist" kennt aus seiner Gemeinde keine Gewalt

    "Wir als Baptisten verschließen uns dem Thema Gewalt nicht! Sondern arbeiten bewusst dagegen. Seit einigen Jahren gibt es in unserem Bund der Baptisten die Kampagne "Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde" darin geht es um den Schutz der Kinder in Gemeinden und Familien. Es geht um verschiedene Arten von Gewalt (körperlich, seelisch, ...). Es geht u.a. dem beschriebenen Erziehungsbild zu widersprechen und stattdessen ein Beispiel an der Einladung Jesu (MK 10.13ff.) zu nehmen. Es geht darum, die Kinder stark zu machen und um Öffentlichkeit für das "totgeschwiegene Thema Gewalt" zu schaffen. Gleichzeitig (potentiellen) Tätern deutlich zu machen, dass wir es nicht dulden."

  • Nutzer "cristin" fordert eine Stellungnahme der Freikirchen

    "Eine deutliche Stellungnahme aller freikirchlichen Christengemeinden zu diesem Thema wäre jetzt dringend angebracht. Jede Gemeinde, die dazu schweigt, macht sich der Mittäterschaft schuldig. Alle, die es wirklich gut mit ihren Kindern meinen, sollten die Gelegenheit nutzen, sich von derartigem Handeln zu distanzieren! Diese Methoden darf unsere Gesellschaft nicht dulden - hier muss die Öffentlichkeit Druck ausüben!"

  • "Freigeist62" glaubt, dass das Phänomen auch andere betrifft

    "Ja, widerlich - und häufig sicher Fälle für das Jugendamt beziehungsweise die Staatsanwaltschaft. Aber ist dies tatsächlich ein Phänomen, dass nur bei christlichen Fundamentalisten zu beobachten ist? Gibt es zum Beispiel entsprechende Studien über streng gläubige muslimische oder jüdische Familien? Am Ende ist es ja wahrscheinlich so, dass jegliche Form von Streng(!)gläubigkeit auch zu autoritären Erziehungsmethoden führt, weil sie per se niemals Widerspruch zulässt - schon gar nicht von Kindern. Ein liberaler Staat sollte also im Zweifel immer die allgemeinen (!) Menschenrechte über das Recht auf ungehinderte Religionsausübung stellen."

  • Nutzer "Enn" kommt selbst aus evangelikalem Umfeld

    "[...] Da ich selbst aus dem evangelikalen Umfeld komme, habe ich einen gewissen Einblick in entsprechende Ansichten. [...] Ich habe in meiner Kindheit selbst einige Male "auf den Hintern bekommen", allerdings erinnere ich mich an maximal drei Begebenheiten (?), und die waren rückwirkend mehr als verdient. Laut Redaktion wäre ich damit wohl "Opfer von Gewalt"? Wenn ich mir angucke, wie sich die Kinder aus der Schule nebenan verhalten, stelle ich mir doch die Frage, ob man nicht ein wenig mehr "wie früher" erziehen sollte. Das aktuelle Konzept scheint schon mal gar nicht zu funktionieren."

  • "Schwarzerengel" meint, Gewalt in Familien ist ein Tabuthema

    "Abgesehen von der physischen Gewalt, gibt es leider genug Eltern / Elternteile die ihren Kindern heftige psychische Gewalt antun, sei es mit Androhung Gewalt an dritter, mit Mobbing, Abhängigkeiten schaffen, und und und. Was ist damit? Ich finde dass das Thema Gewalt in der Familie, gleich welcher Art in unserer Gesellschaft sowieso ein Tabuthema ist, wer glaubt denn einem Kind, einem Jugendlichen das er von seiner Familie gemobbt, traktiert und schikaniert wird?"

  • "Dante" hält antiautoritäre Erziehung für eigentliches Problem

    "[...] Die Frucht "antiautoritärer" Erziehung sind mehr psychisch-gestörte, gewaltbereitere Jugendliche, als es sie jemals zuvor gab. [...] Als angehender Lehrer, der selbst noch eine Erziehung mit gelegentlichem "auf den Hintern bekommen" genießen DURFTE, sehe ich wesentliche Unterschiede, selbst zwischen meiner und der jetzigen Schülergeneration ... vermehrte Respektlosigkeit, Rebellion, maßlose Ausuferungen von Gewalt, Mobbing und viele andere Dinge sind da zu beobachten...Dinge, die selbst zu meinen Schülerzeiten undenkbar waren, sind heute normal. Warum? Weil "die armen Kinder" nicht mehr gemaßregelt werden dürfen. Deutschland, du erziehst dir deine eigenen Rebellen."

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Mehr als 50.000 Personen für Studie befragt

Die Grundlage für die Studie bilden zwei Befragungen: eine unter knapp 45.000 Schülern aus der neunten Jahrgangsstufe sowie eine unter etwa 11.500 Erwachsenen. Viele der Jugendlichen in Freikirchen gelten danach als "sehr religiös" - ihr Anteil ist mindestens zehnmal so hoch wie bei Kindern aus landeskirchlichen Gemeinden. Knapp 40 Prozent der Kinder in Freikirchen beten mehrmals pro Woche, ein Drittel geht mindestens einmal wöchentlich zum Gottesdienst.

Erziehungsratgeber rufen zu systematischer Gewalt auf

Auch in der Schweiz haben sich Forscher in einer aktuellen Studie mit dem Erziehungsverständnis von streng religiösen Christen befasst. Die Fachstelle für Sektenfragen, infoSekta, hat gemeinsam mit der Stiftung Kinderschutz Schweiz mehr als 20 evangelikale Erziehungsratgeber und -kurse untersucht, die in freikirchlichen Gemeinden weit verbreitet sind. Die Inhalte von einigen dieser Ratgeber seien "erschreckend", so die Autoren der Schweizer Studie. Sie würden ein dogmatisch-machtorientiertes Erziehungsverständnis zeigen mit ritualisierter körperlicher Gewalt, Herabsetzungen und dem "Terrorisieren bis hin zum gezielten Brechen des Willens des Kindes".

Ein Beispiel: Das Buch "Eltern - Hirten der Herzen" leite zur "systematischen, körperlichen Züchtigung schon von Kleinstkindern an". Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien hat es jetzt indiziert. Sobald die Entscheidung am 30. April rechtswirksam wird, darf das Buch Kindern und Jugendlichen nicht mehr zugänglich gemacht werden. Erwachsene können es allerdings auf Anfrage noch legal erwerben.

Evangelikale

Für evangelikale Christen ist die Bibel Grundlage für alle Lebens- und Glaubensfragen. Sie leiten strenge Lebensregeln daraus ab. Abtreibung zum Beispiel lehnen sie entschieden ab. Sie machen sich für Ehe und die klassische Familie stark, Homosexualität gilt als Sünde. Zu der evangelikalen Bewegung zählen unterschiedliche Gruppen und Gemeinden. Der evangelikale Dachverband Deutsche Evangelische Allianz geht von etwa 1,3 Millionen Evangelikalen in Deutschland aus. Nach Schätzungen gehört etwa die Hälfte von ihnen zu Freikirchen, unabhängigen Gemeinden und Hauskirchen, die andere Hälfte zu Gemeinden der evangelischen Landeskirchen.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 23.04.2013 | 18:00 Uhr

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Hallo Niedersachsen
Die Studie zum Download

"Christliche Religiosität und elterliche Gewalt"

Die Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zum Download.

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Bildmontage: Kind mit verschränkten Armen vor dem Kopf, davor Hand mit Schlagstock © picture-alliance / ANP, Fotolia.com, ddp Fotograf: Roos Koole, April Cat, Oliver Lang
 

Kinder schlagen im Namen Gottes

Einige christliche Prediger empfehlen, Kinder mit der Rute zu erziehen. (21.12.2011) mehr


"Wir verurteilen das aufs Schärfste"

Die Kirche kritisiert christliche Erziehungsratgeber, die empfehlen, Kinder zu schlagen. (21.12.2011) mehr

Links

Die Fachstelle für Sektenfragen analysiert und kritisiert das Erziehungsverständnis in vielen evangelikalen Erziehungsratgebern und -kursen. (PDF-Datei)

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Kinder aus evangelikalen Freikirchen werden besonders häufig geschlagen. (sueddeutsche.de, 17.10.2010)

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Bericht über das Schlagen von Kindern in christlich-fundamentalistischen Kreisen. (sueddeutsche.de, 30.9.2010)

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Symbol Kreuz und Bibel © dpa
 

Einschüchterung – Evangelikale Christen attackieren Journalisten

24.06.2009 | 23:00 Uhr
NDR Fernsehen: ZAPP

Über selbstproduzierte Kirchensendungen verbreiten evangelikale Christen radikale Ansichten. Journalisten, die darüber kritisch berichten, werden in Kirchenmagazinen oder im Internet von den Anhängern massiv bedroht. Zapp über radikale Christen und ihre Hetzjagd auf Journalisten. mehr