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Endstation im Stadtteil Hoffnung 

von Jan Starkebaum

Der Flüchtling Anuar Naso sitzt in einer Küche in Sofia. © NDR Detailansicht des Bildes Vor 22 Monaten begann Anuar Nasos Odyssee. Es schneit so stark in Sofia, dass die Gesichter auf der Straße zwischen Mützen und Schals kaum zu erkennen sind. An Anuars Jacke ist der Reißverschluss kaputt. Also vergräbt der schlanke Junge seine Hände in den Hosentaschen und senkt den Kopf, um nicht zu sehr zu frieren. Sein Vater hat gar keinen Mantel - nur ein abgenutztes Jackett. Das Geld für Kleidung ist knapp. So gut es geht wärmt er sich mit einem Schal.

Vater und Sohn mussten das Zuhause in Giesen verlassen

Vor 22 Monaten begann das Martyrium für Anuar Naso und seinen Vater Badir. Da wurden sie von Hause fortgerissen. In der Nacht kam die Polizei mit Hunden, Anuars Schwester Schanas war nicht zu Hause. Aber die anderen mussten schlagartig ihre Wohnung in Giesen bei Hildesheim verlassen.

Gemäß Abschiebungsbefehl wurden sie zum Flugzeug mit dem Zielort Syrien gebracht. Es ist das Heimatland der Eltern, das sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatten. Auch Anuars Mutter war dabei, aber sie erlitt am Flughafen einen Schwächeanfall und durfte bleiben. Die anderen beiden mussten raus aus Deutschland und nach Damaskus.

Von Polizisten misshandelt

Einen Monat und drei Tage kommt Anuar in syrische Haft. Erst dort realisiert er, was ihm widerfahren ist - ohne zu ahnen, was ihn erwartet. Er wird in einen dunklen Raum geführt, in dem nichts ist außer einem Eimer kaltes Wasser, Knüppel und ein paar Polizisten. "Als ich da reinkam, dachte ich wirklich, das war's jetzt. Hier komme ich nie mehr raus", erzählt er mit leiser Stimme. Die Polizisten stoßen ihn herum und reißen ihm die Unterhose vom Leib. Er muss in die Knie gehen und wird geschlagen. Es sind nicht die letzten Schikanen für diesen Jungen.

Zweimal misslingt die Flucht

Ein Gefänginis in Sofia. © NDR Detailansicht des Bildes Anuar Naso musste immer wieder Zeit in Gefängnissen verbringen. Inzwischen ist er mit seinem Vater in Bulgarien. Als der Bürgerkrieg in Syrien losbrach, mussten sie weg aus Syrien. Zu zweit zogen sie quer durch die Türkei. Sie wollten zurück zur Familie. "Das kann man gar nicht beschreiben, wie sehr ich meine Mutter vermisse", sagt Anuar. Hinter der bulgarischen Grenze wurde ihre Flucht gestoppt. Sie kamen in ein Lager. Für viel Geld schleuste sie ein Fluchthelfer zur rumänischen Grenze. Doch das Vorhaben, von dort nach Deutschland zu gelangen, scheiterte. Auch eine zweite Flucht aus Bulgarien misslingt. Immer wieder erlebt Anuar Gefängnisse, Stacheldraht und Zellen, die von Schimmel überzogen sind.

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Anuar Naso gibt ein Interview. © NDR
 
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"Jetzt habe ich gar nichts mehr"

Abschiebung, Haft und Folter: Anuar Naso ist in Sorge um seine Zukunft. Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen nennt das Verhalten der deutschen Behörden "schockierend".

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"Ich muss hier klar kommen"

Der Flüchtling Anuar Naso sitzt mit seinem Vater Badir in einer Küche in Sofia. © NDR Detailansicht des Bildes In Sofia leben Anuar und Bagir Naso in einer kleinen Wohnung - die Familie schickt dafür Geld. Was der 17-Jährige alles durchgemacht hat, das kann er nicht rauslassen. "Ich kann es selber gar nicht fassen. Will ich auch lieber nicht, denn ich muss hier klar kommen", sagt er. Hier - damit meint er den Stadtteil Nadeschda, eine Plattenbausiedlung der üblen Art in Sofia. "Nadeschda" heißt Hoffnung. Im neunten Stock haben Anuar und sein Vater inzwischen eine kleine Wohnung. Die Miete bezahlen Sie mit Geld, das die Familie aus Deutschland schickt. Ohne dieses Geld müssten sie auf der Straße schlafen. Das alte Leben vermisst Anuar am meisten. Nicht nur seine Mutter und seine Schwester, auch seinen Fußballverein in Harsum, seine Freunde, die inzwischen die Schule beendet haben - ohne ihn.

Keine Perspektive

Das alles wäre wohl besser zu ertragen, wenn es eine Perspektive geben würde. Aber die fehlt. Anuar darf keine Schule besuchen, darf nicht arbeiten. Sein kranker, alter Vater braucht ihn. Und am Telefon bekommt er mit, wie die Mutter im fernen Deutschland ebenfalls leidet. Auch sie muss er stützen, obwohl er selbst keinen Boden unter den Füßen spürt.

Fünf in Erdkunde als Abschiebegrund?

Eine verschneite Plattenbausiedlung in Sofia. © NDR Detailansicht des Bildes Kaum Hoffnung in der Plattenbausiedlung - auch wenn der Name "Nadeschda" Hoffnung bedeutet. Im fernen Deutschland will die Ausländerbehörde in Hildesheim von all dem nichts mehr wissen und verweigert ein Interview. Im Fall der Familie Naso gebe es seit drei Monaten keine Neuigkeiten, heißt es lapidar. Dabei war es die Behörde im Landkreis Hildesheim, die Anhaltspunkte für Anuars Abschiebung gesammelt hatte.

Eine Lehrerin wurde befragt - heraus kam eine Fünf auf dem Zeugnis, in Erdkunde. Und es gab einen Verdacht: Anuar könnte bei einem Handyklau Schmiere gestanden haben. Handfeste Beweise dafür fehlen bis heute. Dass er fließend Deutsch spricht, im Verein Fußball spielt und ein gutes Betriebspraktikum für sich verbuchen kann, das war wohl nachrangig. Die zusammengekratzten Nachweise reichten, um eine negative Integrationsprognose zu stellen.

Flüchtlingsrat: "Skandalöses Vorgehen"

Der Flüchtlingsrat Niedersachsen sieht darin ein skandalöses Vorgehen. Nachdem die Behörde mit dem Fall von Gazale Salame bereits eine Familie durch Abschiebung zerrissen hatte, ließ sie im Februar 2011 nicht davon ab, Anuar und seinen Vater alleine nach Syrien abzuschieben.

Laptop als Verbindung nach Hause

Nach Bulgarien haben sie es geschafft. Aber noch ein gescheiterter Fluchtversuch und Anuars Vater müsste für Jahre ins Gefängnis. Das Risiko wollen sie nicht eingehen. Aber die Sehnsucht lässt nicht nach, auch wenn die Erinnerungen inzwischen fast unwirklich erscheinen. Anuar versucht Kontakt zu halten. Er klammert sich an einen gebrauchten Laptop, den ihm die Familie in Deutschland zum Geburtstag geschenkt hat. Aber manchmal macht das Chatten sein Heimweh nur noch größer. Und trotz allem wirkt Anuar freundlich, aufgeschlossen und höflich. Er könnte ein ganz normaler Junge aus Deutschland sein, der nur in Bulgarien zu Besuch ist und nicht gestrandet nach einer langen harten Odyssee.

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 16.12.2012 | 19:30 Uhr

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