Für Ute Wieners war Punk Anfang der 80er-Jahre "die Rettung", wie sie heute sagt. In der Schule wurde sie gemobbt und kam mit der Hackordnung, der fehlenden Solidarität und dem Konsumverhalten der Gesellschaft nicht klar. Punks waren die einzige Gruppe, der sie sich zugehörig fühlte. Sie ließ von 1982 bis 1995 keine Chaostage aus.
Ihre Erlebnisse Anfang der 80er-Jahre in der Punk-Szene schildert Ute in ihrem Buch "Zum Glück gab es Punk", das im Sommer erschien. Die 50-Jährige lebt in einem Bauwagen auf dem Sprengel-Gelände in Hannovers Nordstadt und arbeitet zurzeit an ihrem zweiten Buch. Darin soll es dann auch um die Chaostage 1995 gehen.
Bis 1978 lebte Peter Ahlers ein braves Leben, ging zur Schule, machte Abitur. Dann lernte er Menschen aus einem anderen, weniger behüteten Umfeld kennen. Sie hörten Bands wie die Sex Pistols und The Clash. Fasziniert von dem Gedanken, "Teil von etwas wildem, Neuem zu sein, Teil einer Gruppe, vor der alle Respekt hatten", kam Peter in die Punk-Szene.
Teil der Szene zu sein, bedeutete für viele selbst Musik zu machen. So auch für Peter (re.). 1979 war er Mitbegründer der Band Blitzkrieg, Anfang der 80er-Jahre spielte er bei Klischee (Bild), später bei den Boskops. Im Rückblick war es für Peter eine Zeit "voller Spaß und anarchischer Albernheiten". Aber auch eine Zeit mit zu viel Alkohol und Drogen.
Die wilde Zeit ließ Peter hinter sich, als er 1989 Vater wurde. "Vater zu sein, war ein Grund erwachsen zu werden", sagt er im Rückblick. Heute ist Peter 53 Jahre alt, arbeitet als Sozialpädagoge in einer hannoverschen Jugendwerkstatt und fährt noch immer gerne zu Punk-Konzerten. "Punk hat mich jung gehalten - ich hoffe, auf eine nicht allzu peinliche Art."
Es war 1979 als Wolle (Thomas Wolters) beim Altstadtfest in Hannover die Band Blitzkrieg live erlebte. Musik, Outfit und Habitus der Bandmitglieder "waren komplett anders als alles, was ich bisher kannte", sagt er. "Es war energiegeladen, rotzig und brutal". Für den damals 14-Jährigen eine Initialzündung. Die kommenden Jahre war Punk sein Lebensinhalt.
Heute ist Wolle 47 Jahre alt, hat ein Haus und zwei Kinder. Seit fünf Jahren ist er Eigentümer eines Handels mit ökologischen Baustoffen. Was er sich nie hätte vorstellen können: "Befehlsempfänger in irgendeiner Firma zu sein", sagt er. Dazu habe ihn die Punk-Zeit zu sehr geprägt.
Als Punk Ende der 70er nach Deutschland schwappte, gab es keine Normen innerhalb der Bewegung. Norbert Sander (2. v. re.) war von der "urwüchsigen Kraft" fasziniert: "Jeder konnte herumlaufen, wie er wollte, jeder konnte Musik machen, egal wie gut oder schlecht er war." Er ging in die "Korn" in Hannover, wo sich Hannovers Punk-Szene traf.
Ende der 80er-Jahre war für Norbert "die Luft raus", wie er heute sagt. Der Einfluss von Drogen nahm zu, es gab interne Regeln, fast jeder trug mittlerweile einen bunt gefärbten Irokesenschnitt. Norbert fing an, Wirtschaftswissenschaften zu studieren und arbeitete nebenbei. Heute ist er 49 Jahre alt und arbeitet als Lagerleiter in Hannover.
Das "provokativ, spaßige Anderssein" faszinierte Paul (Marion Berger) an der Punk-Bewegung. Als Frau war sie in der Szene gleichwertiges Mitglied. Probleme hatte sie nur mit ihren Haaren: "Mit einer Naturkrause kann man einfach keine fetzigen Frisuren machen." Da war nur Färben möglich. "Aufgemotzt bis ins Comichafte" wie so manch andere sei sie nie gewesen.
Paul ist heute 47 Jahre alt, Mutter einer 19-jährigen Tochter und arbeitet als Betreuerin in einem hannoverschen Schülerladen. Noch immer hat sie Kontakt zu vielen Leuten aus der früheren Szene, geht auf Punk-Konzerte und bereut nichts, wie sie sagt. Nur eines würde sie heute nicht mehr machen: sich an den Bahnhof setzen, um zu schnorren.
Beim Schuhe-Einkaufen mit seinem Vater hat der damals 13-jährige Mirco Bogumil, damals unter dem Namen Mikro bekannt, bewundernd auf die Punks in Hannovers Innenstadt geschaut und sich gedacht: "Da willste auch mal mitmachen." Und so kam es. Ein Jahr später war für ihn die Kornstraße ein ständiger Anlaufpunkt.
Mit seinem Kumpel Konrad Kittner, der vor sechs Jahren verstarb, gründete Mirco im Oktober 1983 die Abstürzenden Brieftauben. Im Januar 1990 schafften sie es sogar auf das Titelblatt der "Bravo". Zusammen tourten sie durch ganz Deutschland und nahmen Platten auf, die sie auf den Konzerten verkauften - "am Anfang ganz ohne Management", wie Mirco betont.
Ein paar Tantiemen wirft die künstlerische Karriere für den 45-Jährigen noch heute ab. Das Taschengeld reicht jedes Jahr für einen Thailand-Urlaub. Die laute Punk-Musik hat aber auch andere Spuren hinterlassen: Seit einem Jahr trägt Mirco ein Hörgerät. Aber: "Ich bin froh, dass ich die Zeit miterleben durfte - auch als Protagonist."
Als Karl Nagel Ende der 70er-Jahre von Wuppertal nach Hannover zog, brachte er einen Brauch aus seiner Heimatstadt mit: Punktreffen. Aus diesen kleineren Zusammenrottungen gingen 1982 die ersten Chaostage hervor. "1983 waren die amüsantesten Chaostage, weil da echtes Chaos herrschte - die Polizei war planlos und die Punks auch", sagt er heute.
Bis heute hängt Karl der Ruf nach, Erfinder der Chaostage zu sein. Deshalb ist er auch stets der Erste, der zu dem Thema befragt wird. Als Punk würde sich der 52-Jährige allerdings nicht mehr bezeichnen. "Aber ich liebe immer noch alles, was mir daran mal wichtig war." Nicht umsonst betreibt der Web-Designer diverse Internetseiten zum Thema.
Besonders der letzte Satz des Interviews scheint mir aus dem Zusammenhang gerissen und lässt den Schluss zu, er würde Nagels Meinung widerspiegeln. Entweder ist die Stelle ein Zitat oder sie ist... [mehr]
zu 1996 (2)
Kurz darauf fuhr ich dann zum Bahnhof zurück und dann wohl nach Hause, da ich meine Freunde nicht mehr finden konnte und damals noch nicht wirklich wusste, was ich noch hätte tun können. Ich wurde... [mehr]
zu 1996 (1)
Was dort über 1996 steht, stimmt nicht, da versucht wohl ein ehemaliger Polizeipräsident, sich nachträglich selbst zu beweihräuchern. Ich war damals selbst dort und wurde, trotz Polizeipräsenz,... [mehr]
OK, vielen Dank. Ich hatte zunächst vermutet, dass ein Übertragungsfehler vorläge und das eigentliche Video länger sei als die 06:11min :) [mehr]
Sprengsatz
Karl Nagel: "...hätten nicht alle Punks zuhause bleiben können, oder vielleicht am Besten gar nicht erst Punk werden, die hätten doch ´ne schöne Lehre machen können und alles wäre gut gewesen..." Das... [mehr]