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Chaostage oder die "Schutt-und-Asche"-Legende

von Birgit Reichardt, NDR.de

Polizisten mit Helmen und Schutzschilden ausgerüstet. Auf dem Boden liegen unzählige Punks. © Picture Alliance Detailansicht des Bildes Polizei und Punks prallten bei den Chaostagen regelmäßig brutal aufeinander. Brennende Barrikaden, Wasserwerfer, Hunderte verletzte Polizisten und Punks: Die Chaostage Mitte der 90er-Jahre in Hannover sorgten bundesweit für Aufsehen. Der damalige Polizeipräsident Herbert Sander musste 1995 seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger Hans-Dieter Klosa spricht noch heute von einer Gewaltorgie. Das liberale Polizei-Gesetz der damaligen rot-grünen Landesregierung wurde wieder zurückgeschraubt. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss wurde eingesetzt, selten ist ein Polizeieinsatz so intensiv untersucht worden wie der bei den Chaostagen 1995. Der Ursprung der Chaostage liegt bereits in den 80er-Jahren: Punks forderten dazu auf, am 18. Dezember 1982 für Unordnung in der niedersächsischen Landeshauptstadt zu sorgen. Der Grund: Sie wollten eine von der Polizei geführte Punker-Kartei ad absurdum führen.

Chaos mit Ansage

Der "TAZ"-Journalist Jürgen Voges hatte die Punker-Kartei öffentlich gemacht. Die Polizei in Hannover sammelte Daten über Punks, vermutlich weil sie ein Gefährdungspotenzial in der Szene sah. Laut Ex-Polizeipräsident Klosa fanden Personen in erster Linie wegen ihres Aussehens Eingang in die Datei. Ein Grund für die Punks, zum ersten Chaostag aufzurufen. Ihr Ziel: "Lass uns ganz viele Punks nach Hannover holen und am besten auch Nicht-Punks, die sich als Punks verkleiden, und dann soll die Polizei ruhig ganz viele Fotos machen und eine Kartei haben, die nichts wert ist", sagt Karl Nagel, Mitinitiator der Chaostage. Nagel wohnte damals erst kurze Zeit in Hannover und hatte bereits in Wuppertal Punktreffen veranstaltet. "Das waren meine Lehrjahre und ich wusste, wie man das hochzieht und wie Polizei und Medien so reagieren."

Dead Kennedys: "Chaos Day, Come On"

Das erste Flugblatt ging drei Wochen vor dem 18. Dezember raus, so Nagel. Und ein Zufall half bei der Verbreitung des Aufrufs: Die damals schon legendäre US-Punkband Dead Kennedys war auf Europa-Tournee. Es war nicht einfach Kontakt zu der Band zu bekommen, aber Punk Wolle, alias Thomas Wolters, schaffte es tatsächlich bei dem Konzert in der damaligen Rotation am Steintor in Hannover auf die Bühne - natürlich sprach er großzügig die Einladung aus, für Chaos in Hannover zu sorgen. Anschließend ging er sogar mit auf Tournee - und Sänger Jello Biafra textete auch noch einen Song um: "Chaos Day, Chaos Day, Come On" - perfekte Werbung.

"Wir wollten die Innenstadt durcheinanderbringen"

Einige Hundert Punks versammelten sich am 18. Dezember 1982 schließlich in der Innenstadt. "Dieser Chaostag verlief unfriedlich", schrieb Klosa 2004 in einem Artikel. Doch das war nur der Anfang: Im Juni 1983 - bei angenehmeren Temperaturen - war bereits mehr los in der niedersächsischen Landeshauptstadt: Punks und Skins trafen sich in der City zu den ersten offiziellen Chaostagen. "Wir wollten die Innenstadt durcheinanderbringen, was ja auch ganz gut geklappt hat", meint Nagel zurückblickend.

Massive Ausschreitungen 1984

Die Chaostage 1983 bewegten sich aus Sicht von Hans-Dieter Klosa "noch im Bereich von Ordnungsstörungen". Doch in Fernsehaufnahmen des NDR will er bereits eine sich anbahnende Entwicklung erkennen und zieht den Schluss: "Je weniger die Polizei in der Lage ist, solche Situationen in den Griff zu bekommen, desto eher besteht die Gefahr, dass die Gewalt eskaliert." Als die Chaostage 1984 erstmals Anfang August stattfinden, kommt es zu schweren Ausschreitungen. Das Jugendzentrum Glocksee wird fast vollständig zerstört. Eine zehnjährige Pause folgt, bevor wieder verstärkt für Chaostage geworben wird: Es sollen die folgenschwersten werden.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/geschichte/schauplaetze/chaostage101.html
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Karl Nagel archiviert Geschichten und Fotos der Chaostage seit 1982.

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Ute Wieners aus Hannover schreibt, wie aus einem unglücklichen Mädchen eine selbstbewusste Frau wird.

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