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Ein Atomkraftgegner beteiligt sich mit seinem Traktor in Uelzen an einer Demonstration gegen den bevorstehenden Atommülltransport. © dpa Fotograf: Philipp Schulze
 
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Die PR der Gorleben-Protestler

03.11.2010 | 23:05 Uhr
NDR Fernsehen: ZAPP

Bürgerinitiativen als Medienprofis zwischen Protest und Lobbyismus.

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Die PR der Gorleben-Protestler

von Sinje Stadtlich

Bilder vom Gorleben-Protest haben Symbolwert. Seit 33 Jahren sind sie im Fernsehen zu sehen. Immer wenn ein Castor nach Gorleben rollt, herrscht Ausnahmezustand im Wendland. Immer wieder kommt es zu Gewalt zwischen Polizei und Atomkraftgegnern. Jetzt wird es vermutlich neue Bilder geben. Mit Tausenden Beamten und schwerem Gerät will die Polizei die Strecke schützen. Doch die Aktivisten werden nicht nur protestieren, sie wollen auch verstärkt für gute Presse sorgen.

Aufbauarbeiten in der gemeinsamen Zentrale der beiden Anti-Atom-Organisationen "X1000 mal Quer" und ".ausgestrahlt". Das Presseteam richtet die neue "Presselounge" ein, die es bei diesem Castor-Transport das erste Mal geben soll. Damit sich die Journalisten auch wohl fühlen, sollen sie hier frischen Kaffee bekommen und Arbeitsplätze mit Internetanschluss.

Jochen Stay von der Bürgerinitiative ".ausgestrahlt" sagt: "Naja, wir versuchen natürlich schon, gerade dieses Mal da das Presse-Interesse besonders groß ist, auch diejenigen Journalisten, die sich im Wendland noch nicht so gut auskennen, auch gut zu erreichen. Und damit die nicht nur in dem Lokal sitzen, wo die Polizei-Pressestelle nebenan ist, dachten wir, müssen wir das vielleicht ähnlich machen und auch im kalten November ein warmes Plätzchen anbieten, um mit Journalisten ins Gespräch kommen zu können."

Denn sie wollen möglichst viele Journalisten überzeugen von ihren Standpunkten und dafür möglichst viele Informationen bereit stellen.

Stay: "Was passiert eigentlich gerade wo? Wo ist der Castor gerade? Wo sind Aktionen? Manches passiert ja auch spontan, was vorher nicht angekündigt ist. Und einfach dadurch eine gute Berichterstattung zu ermöglichen."

Ein paar Kilometer weiter in Splietau. Hier soll Ende der Woche das Camp der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg entstehen, und natürlich der Pressepunkt. Denn auch hier will man "gute Berichterstattung" ermöglichen.

Kerstin Rudek von der Bürgerinitiative erklärt: "Zusätzlich haben wir einen Pressebus. Das heißt, wir haben einen großen 50-Sitzer-Reisebus ausgebaut, ausgestattet mit Arbeitsplätzen, mit Pressesprechern und Pressesprecherinnen der Bürgerinitiative bestückt. Und dieser Bus, der wird unterwegs sein, zu den Brennpunkten des Protestes und des Widerstands. Das heißt, da wo Menschen auf der Straße sind, da wird dieser Bus dann auch vor Ort sein und Journalisten die Gelegenheit geben, direkt von vor Ort zu berichten."

Die Bürgerinitiative hat dieses Jahr ihr Pressekonzept sogar noch einmal überarbeitet. Es soll jetzt "tägliche Pressekonferenzen" geben, "Snacks und warme und kalte Getränke", und den Journalisten wird sogar erklärt, wo genau die "sanitären Einrichtungen" sind. Das Presseteam der Bürgerinitiative ist "rund um die Uhr" und "unabhängig von Tages- und Nachtzeit" erreichbar.

Ein Rundum-sorglos-Paket für die Reporter? Rudek: "Das denken wir nicht. Wir denken nicht, dass sich da jemand von den Medien beeinflussen lässt, sondern dass Medien sowieso berichten, was sie möchten und wie sie es möchten. Das ist ja auch ein Stück weit gut so, denn die Medien sollen ja unabhängig sein. Wir haben gute Argumente. Wir haben so viele gute Argumente, und denen wird seit Jahrzehnten kein Gehör geschenkt."

Neue Möglichkeiten

Um sich mehr Gehör zu verschaffen, nutzen die Bürgerinitiativen jetzt auch die Popularität von Prominenten wie Günther Grass und Charlotte Roche in ihrem Kampf gegen den Castor. Darüber berichten dann auch wieder Zeitungen im Umkreis und überregional.

Zwei Autostunden vom Wendland entfernt, in Verden, sitzen die PR-Leute von "Campact". Ihr Verein steuert professionell verschiedene Kampagnen, von Atomkraft über Kopfpauschale bis hin zu Genmais. Ihre Strategie: Durch Online-Aktionen die Menschen auch im realen Leben auf die Straße zu bekommen. Ihr wichtigstes Werkzeug ist ein ständig wachsender E-Mail-Verteiler.

Christoph Bautz von "Campact" sagt: "Durch das Internet haben wir ganz neue Potenziale, Menschen sehr kurzfristig und genau zum politischen Endscheidungsprozess und auch sehr kostengünstig zu erreichen. Das ist weit einfacher geworden als in den 80er-Jahren, als es große Demonstrationen gab und man die Druckerpresse erst nochmal anschmeißen musste und hier sehr langfristig planen musste. Heute gelingt es uns, innerhalb von zwei, drei Tagen zu einem politischen Entscheidungspunkt hin 2.000, 3.000 Menschen übers Netz auf die Straße zu bekommen. Und das gibt entsprechend öffentliche Bilder."

Bilder für die Medien

Bei "Campact" wissen sie: Je provokanter oder origineller diese Bilder sind, desto besser. Bautz: "Wir gestalten Aktionen immer wieder so, dass sie von den Medien entsprechend aufgegriffen werden, entsprechend transportiert werden. Wir schaffen ein Bild, was zum Beispiel gut in der Zeitung dargestellt werden kann, was gut in einem Fernsehbeitrag übertragen werden kann. Beispielsweise eine große Castor-Attrappe, mit der wir letzte Woche auf Tour gegangen sind - vom Endlagerstandort Gorleben nach Berlin. Das waren Bilder die Medien gerne aufgreifen."

Eine riesige Castor-Attrappe auf dem Weg nach Berlin, eine 120- Kilometer-Menschenkette von Krümmel bis Brunsbüttel, an Beton-Pyramiden festgeschweißte Aktivisten. Das sind die Bilder, die Medien gerne aufgreifen - bunt, spektakulär, gut inszeniert. Und immer wieder: Trecker. Schon bei den Protesten in den 70er-Jahren waren sie das Symbol des Protests der Bauern im Wendland. Damals spontaner Aufstand auf der Straße, heute auch medial kalkulierter Widerstand.

Rudek: "Das Symbol der Trecker als Symbol des Widerstandes, des bürgerlichen und auch bäuerlichen Widerstandes, das sind so Sachen, die natürlich auch Anklang finden."

 

Stay: "Deswegen ist es was sozusagen besonders bildmächtiges hier, wenn es um Castor-Transporte geht, ist natürlich hier, wenn die Trecker rollen. Wenn die bäuerliche Bevölkerung hier aus der Gegend mit demonstriert, weil das sehr deutlich macht, wofür steht dieser Trecker letztendlich, dass es eben nicht nur irgendein sozusagen Protestmilieu ist, was hier auf die Straße geht, sondern, dass es wirklich durch die ganze Bevölkerung geht, der Widerstand gegen diese Projekte in Gorleben."

Veränderte Wahrnehmung

Im Herbst 2010 hat sich etwas geändert in der Wahrnehmung vom bürgerlichen Widerstand - und in der Berichterstattung darüber. Vielleicht durch die oft als autoritär wahrgenommenen Entscheidungen der Bundesregierung und durch das große Protest-Vorbild Stuttgart 21. Die Gorleben-Gegner fuhren sogar mit ihren Treckern nach Stuttgart - Solidarität zeigen und gemeinsam Öffentlichkeit schaffen.
Bautz: "Es findet eine starke Mobilisierung zu den großen Demonstrationen statt. Und uns gelingt es, als Campact, eine Solidarität darzustellen der Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet. Das ist was, was auch neu ist, und was wir in Bewegung einbringen können."

Über diese neue Protestkultur in Deutschland berichten dann auch wieder die Medien. Im Wendland ist für dieses Wochenende der größte Widerstand seit langem angekündigt. Vermutlich wird es auch ein Medienecho geben, so groß wie lange nicht mehr. Darauf hoffen die verschiedenen Bürgerinitiativen gegen den Castor, dafür tun sie vor Ort alles -  und das immer professioneller.

 

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/gorleben593.html
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Weitere Informationen
Bildmontage: Computermonitor mit Castor X und den Logos von Twitter und Facebook.  Fotograf: Petrovich9
 

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Links

Informationen zu Kampagnen von "ausgestrahlt".

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Informationen zu Kampagnen von "X-tausendmal quer".

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Informationen zur Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg e.V.

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Informationen über den Kampagnenverein Campact.

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