Das Interview mit Frank Soika
Das Interview mit Frank Soika, Pressesprecher der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta.
Video starten (08:40 min)Vor zwei Jahren trauerte ein ganzes Fußballstadion. Der Freitod von Robert Enke bewegte die ganze Nation und damit auch die gesamte Medienlandschaft. In allen Details wurde darüber berichtet. Was einen enormen Anstieg von Suiziden zur Folge hatte. Selbsttötungen haben als solche in der Presse nichts verloren, das sollten Journalisten spätestens seit Robert Enke wissen. Von daher war es unverantwortlich, was sich vorige Woche in vielen Medien abspielte.
Ein Film von Boris Rosenkranz.
Bei einer Pressekonferenz der Polizei in Cloppenburg sind die Polizisten angespannt. Günter Schell, der Leiter der örtlichen Polizeiinspektion erklärt den anwesenden Journalisten: "Sie können sich sicherlich vorstellen, dass wir nicht nur als Polizeibeamte, sondern insbesondere in unserer Eigenschaft als Eltern mehr als betroffen sind."
Sie sind betroffen, weil es um Suizid geht. Drei junge Frauen wurden tot aufgefunden. Schnell ist klar: Sie haben sich umgebracht. Für Medien ist das eigentlich kein Thema. Die Polizei informiert trotzdem.
Frank Soika, Pressesprecher der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta, sagt dazu: "Wir berichten grundsätzlich nicht über Suizide, sahen aber eine Entwicklung auf uns zukommen, dass die Medien trotzdem drüber berichten werden. [...] Da war es uns lieber, dass man einmal an die Öffentlichkeit geht durch eine Pressekonferenz, alle Medien gleichzeitig informiert. Und somit auch verhindert, dass da noch andere Gerüchte entstehen."
Die Polizei fühlt sich unter Druck und informiert ungewöhnlich ausführlich. Sie nennt den Fundort und die Methode, mit der sich die jungen Frauen das Leben genommen haben.
Georg Fiedler, Nationales Suizid-Präventionsprogramm: "Wenn sehr konkret über eine Tötungsmethode berichtet wird, das heißt, wie ist es gemacht worden, wo ist es gemacht worden? [...] Dann gibt es in der Tat nachweisbar eine erhöhte Anzahl von Suiziden nach genau diesem Muster und nach genau dieser Altersgruppe und dem Geschlecht."
Dass ihre Berichte labile Menschen inspirieren könnten, sehen viele Journalisten offenbar nicht. Die detaillierten Infos der Polizei werden zur Top-News, ob beim RTL "Nachtjournal", dem NDR Regionalmagazin "Hallo Niedersachsen" oder beim ZDF in "heute". Auch die Zeitungen berichten. Die Hamburger Morgenpost hebt den Fall sogar auf den Titel und spekuliert wild über "unlösbare Probleme, Wahnvorstellungen oder Todessehnsucht". Auch die seriöse Presse schreibt ausführlich, etwa die Hannoversche Allgemeine, trotz der möglichen Gefahren.
Michael Berger, Ressortleiter der "Hannoverschen Allgemeine", erklärt: "Dass man kurz beschreibt, wie es zu dem Tod gekommen ist, gehört dann, finde ich auch, zur sachlichen Information. [...] Wir waren auch nicht die einzigen. Also es haben, glaube ich, nahezu alle größeren niedersächsischen Zeitungen an diesem Tag, in etwa der Größe, ohne so ein Interview, über den Fall berichtet. Was man auch als Bestätigung dieser Position sehen könnte."
Eine Bestätigung, auf die andere Medien verzichten. Für Spiegel Online etwa war der Suizid kein Thema.
Rüdiger Ditz, Chefredakteur von "Spiegel Online", meint: "Es war uns ziemlich schnell klar, dass es eben kein Gewaltverbrechen war, sondern ein Freitod. Und da das eben junge Mädchen sind, haben wir davon Abstand genommen, darüber zu berichten, weil wir die gesellschaftliche Relevanz einfach nicht sahen. Wir wollen eigentlich nicht über Freitod berichten, um eben nicht Nachahmer anzuziehen."
Der Hamburger Psychologe Georg Fiedler bittet seit Jahren, Journalisten sollten bei Suizid verhaltener berichten. Und im Pressekodex verpflichten sich die Journalisten: "Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen und die Schilderung näherer Begleitumstände." (Deutscher Presserat)
Doch die Regeln werden immer wieder verdrängt. Vor zwei Jahren bringt sich der Fußballer Robert Enke um. Es wurde ein Medienereignis mit Folgen: Die Zahl ähnlicher Suizide steigt danach deutlich. Jetzt gehen Journalisten wieder auf Bilderjagd, zeigen den Fundort, weisen sogar den Weg dorthin. Sie tun, wovon Psychologen dringend abraten.
Georg Fiedler: "Ich vermute, dass es so ein bisschen der Alltag ist und dass es darum geht, mit den News mit anderen gleichzuziehen. [...] Wenn irgendjemand das Stichwort Internet und Suizid zum Beispiel aufgreift, dann breitet sich das so wie ein Lauffeuer aus und dann müssen gleich andere auch darüber berichten." Und sich auf das böse Internet stürzen. Die Mopo raunt ahnungslos: "Begann die Tragödie bei Facebook?"( "Hamburger Morgenpost" 17.8.2011). "Bild" spekuliert: "Verabredeten Sie sich im Internet?" ("Bild" 17.8.2011).
Georg Fiedler: "Eine der ersten Kommunikationsforen oder Mailinglisten, die es überhaupt gab in den 80er-Jahren, war auch schon zum Thema Suizid. Es ist eine uralte Diskussion." Mit der die Medien gerne Schlagzeilen machen. Die Polizei will morgen noch einmal über den Suizid informieren. Wie Journalisten über dieses Thema berichten sollten, müssten sie wissen - eigentlich.