AKTUELLES AUS DER REGION
  • Niedersachsen Regionen Niedersachsen Hannover Heide Osnabrück Oldenburg Harz
    Möglichkeit zur Auswahl der Region
 

Interview

"Solche Ritualmorde wird es öfter geben"

Prof. Dr. Jan Ilhan Kizilhan © Universität Freiburg Detailansicht des Bildes Jan Ilhan Kizilhan hat ein ethnologisches Gutachten im Prozess um die getötete Kurdin aus Dörpen vorgelegt. Was ist eigentlich falsch an dem Begriff Ehrenmord?

Jan Ilhan Kizilhan: Der Begriff der Ehre stellt etwas Positives dar. [...] Wenn die Begriffe Ehre und Mord miteinander in Verbindung gebracht werden, ist das aus meiner Sicht falsch und paradox, weil es darum geht, Ehre zu schützen und nicht, im Namen der Ehre Menschen zu töten.

Erklären Sie einem Europäer, was dann bei so einer Tat abläuft.

Kizilhan: Menschen aus patriarchalische Gesellschaften, die über kollektive Denkstrukturen verfügen, können sich bei einer solchen Tat in bestimmten Normen und Werten ihrer Gesellschaft und Kultur verletzt fühlen. Diese sind so schwer verletzt worden, dass sie glauben, dort Sanktionsmaßnahmen durchführen zu müssen und eine dieser Maßnahmen ist auch die Tötung von Menschen.

Sie sagen, dass es den "Ehrenmord" nicht geben kann - trotzdem wird im Namen der Ehre getötet. Wo liegt der Unterschied?

Kizilhan: Es geht um geglaubte Werte und Normen, die über Jahrhunderte gewachsen sind: [...] Zum Beispiel, dass ein Mann oder eine Frau nicht fremdgeht - vor allem eine Frau nicht fremdgeht. Man soll nicht stehlen, man soll die Frau des anderen nicht verführen. Auch soll der Besitz von anderen nicht in Anspruch genommen werden. [Dieses] bedeutet, dass sich die Gruppe als sehr schwach fühlt, nicht in der Lage war, seinen Besitz zu schützen und versucht jetzt - vor allem in der Öffentlichkeit - seinen Besitz wiederherzustellen. Es geht also um eine Kränkung und um einen sozialen Druck in der Gesellschaft, der dann die Leute verleitet, solche Dinge zu tun.

Die Zahl der sogenannten Ehrenmorde scheint in Deutschland relativ gering.

Kizilhan: Jeder einzelne Mord ist natürlich ein Mord zu viel. Ich vergleiche sie natürlich wissenschaftlich mit anderen Morden aus Habgier oder Körperverletzung, die in Tötung enden kann - die sogenannten Ehrenmorde sind in diesem Vergleich statistisch sehr gering. Problematisch und tragsich ist, [...] dass [dabei] mehrheitlich unmittelbar Verwandte, Geschwister, Brüder, Väter daran beteiligt sind. Wir können nicht verstehen, warum solche Taten begangen werden. Wie kommt der Vater dazu, seine eigene Tochter zu ermorden?

Sie nennen die Migration als Problem - sie würde Menschen entwurzeln und aus ihren traditionellen Verbindungen reißen. Gleichzeitig sagen Sie aber auch, dass diese Morde in der Türkei genauso geahndet werden wie in Deutschland. Dort gibt es dieses Migrations-Problem nicht. Wie passt das zusammen?

Kizilhan: In der Türkei wie auch im gesamten mittleren Osten finden [zurzeit] sehr viele gesellschaftliche Veränderungen statt. In der Türkei gibt es einen Wertewandel und einen Generationswechsel. Eine ähnliche Phase haben wir momentan auch in der Migration: Die erste Generation der Migranten kommt ins Rentenalter. Sie verliert in der Migrationsgesellschaft an gesellschaftlicher und politischer Macht und muss diese an die nachfolgenden Generationen abgeben. [Dieser Generationenkonflikt] wird sich noch verstärken. Ein Ausdruck dieses Konfliktes sind zum Beispiel solche Taten. Leider muss ich prognostizieren, dass wir in den nächsten Jahren häufiger mit solchen Formen von Ritualmorden zu tun haben werden. Weil im Augenblick ein starker innerer Konflikt und innerhalb der Gesellschaften und Generationen stattfindet, [den] wir in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmen.

Das Gespräch führte Peter Kliemann, NDR 1 Niedersachsen.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/emsland/ehrenmord113.html
Weitere Informationen
Die wegen Mordes angeklagten Mehmet D. (l.) und Hamza D. (2.v.r.) stehen in Osnabrück beim Prozessauftakt mit ihren Verteidigern und Dolmetschern vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts. © dapd Fotograf: Klaus Schwarz
 

Tote Kurdin: Abhörprotokolle verlesen

Die junge Frau soll von ihrem Ehemann und ihrem Vater getötet worden sein. (18.03.2013) mehr