AKTUELLES AUS DER REGION
  • Niedersachsen Regionen Niedersachsen Hannover Heide Osnabrück Oldenburg Harz
    Möglichkeit zur Auswahl der Region
 

Eierskandal: Ermittlungen dauern noch Wochen

Zwei Hände stapeln Eier in einen Korb vor einem Hühnerstall. © dpa-Bildfunk Fotograf: Friso Gentsch Detailansicht des Bildes Der Eierskandal wird die Ermittler noch Wochen beschäftigen. (Archivbild) Eine ganze Reihe von Fällen, in denen Eier fälschlicherweise als Freiland- und Bio-Eier deklariert wurden, sind der Staatsanwaltschaft ja bereits bekannt. Möglicherweise sind diese aber nur die Spitze des Eisbergs, zudem sind die Prüfungen offenbar sehr aufwendig: Die Ermittler gehen davon aus, dass ihre Untersuchungen sich noch über mehrere Wochen hinziehen werden, wie Frauke Wilken, Oberstaatsanwältin in Oldenburg, am Mittwoch sagte. Ob es danach Anklagen geben werde, sei zurzeit offen.

Skandal um Bio- und Freilandeier

Hallo Niedersachsen - 26.02.2013 19:30 Uhr

Gegen 150 Legehennenhalter in Niedersachsen wird ermittelt. Darunter ist auch der Vorsitzende der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, Wilhelm Hoffrogge.

Ermittelt wird auch gegen den Vizepräsidenten des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) und Vorsitzenden der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft (NGZ), Wilhelm Hoffrogge. Am Dienstagabend kündigte er an, seine Ämter bis auf Weiteres ruhen lassen zu wollen, um Schaden von der Geflügelwirtschaft abzuwenden.

Verbandschef wird "geringfügiger Überbesatz" vorgeworfen

Hoffrogge betreibt in Dötlingen nahe Oldenburg einen Bauernhof mit Legehennen- und Freilandhaltung. In einer persönlichen Erklärung bestätigte er Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Oldenburg gegen ihn. Die Vorwürfe bezögen sich auf das Jahr 2011. Ihm werde - unbegründeterweise - ein "geringfügiger Überbesatz" von Hühnern in seinen Ställen zur Last gelegt, so Hoffrogge. Seit Bekanntwerden des Skandals hatte er sich nicht konkret zu den falschen Deklarierungen äußern wollen, stattdessen aber eine "Skandalisierung in der Berichterstattung" kritisiert. Die Fehltritte einzelner Halter würden "überbewertet und hochgezogen."

Videos
Eierpackung mit Bio Siegel © imago Fotograf: Manngold
 
Video

Das Geschäft mit falsch deklarierten Eiern

26.02.2013 | 21:15 Uhr
NDR Fernsehen: Panorama 3

Millionen Eier sollen zu Unrecht als Freiland- oder Bio-Eier verkauft worden sein. Warum hat das Kontrollsystem offenbar versagt?

Video starten (06:26 min)

Eier-Produzenten drohen Haftstrafen

Für die niedersächsischen Betriebe könnte die unkorrekte Deklarierung von Eiern harte Konsequenzen haben: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Oldenburg geht es um gewerbsmäßigen Betrug, den Produzenten droht im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von sechs bis zehn Jahren. Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich bei der Mehrheit der beschuldigten Eier-Produzenten allerdings um konventionelle Betriebe. Der neue Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) betonte deshalb am Dienstag, dass es sich um "einen Legehennen- und nicht um einen Bio-Skandal" handele.

Weitere Informationen
Wilhelm Hoffrogge, Präsident der niedersächsischen Geflügelwirtschaft, in einem Putenstall. © dapd Fotograf:  Nigel Treblin
 

Wilhelm Hoffrogge - Lobbyist mit "Landherz"?

Auf seinem Hof in Dötlingen hält der Geflügelverbands-Vorsitzende Wilhelm Hoffrogge auch Legehennen. Sind auch ihre Eier falsch deklariert worden? mehr

Minister will Namen der Betriebe nennen

"Wir prüfen, ob wir nicht nach dem Lebensmittel- und Futtergesetzbuch die Namen der Betriebe veröffentlichen müssen", so Meyer. Die Staatsanwaltschaft habe bereits erklärt, dass aus Ermittlersicht keine Gründe dagegen sprächen. Vorher müsste aber der Beschuldigte angehört werden. "Ich bin optimistisch, dass wir da einen Weg finden, aber am Ende werden wahrscheinlich Gerichte entscheiden." Der Landwirtschaftsminister kündigte zudem eine Bundesratsinitiative des Landes an. Darin werde unter anderem eine stärkere Trennung zwischen ökologischen und konventionellen Betrieben gefordert.

Skandal betrifft sieben weitere Bundesländer

Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt zurzeit gegen 150 niedersächsische Betriebe, also nahezu jeden fünften Eier-Erzeuger im Land. Mehrere Fälle seien auch an sieben andere Bundesländer abgegeben worden. Nach Angaben des Verbraucherschutzministeriums Schleswig-Holstein wurden dort im vergangenen Jahr bei Kontrollen in vier Fällen Verstöße gegen die Legehennen-Verordnung festgestellt. In Mecklenburg-Vorpommern waren von den Ermittlungen laut Agrarminister Till Backhaus (SPD) ebenfalls vier Betriebe betroffen. Der Verdacht habe sich allerdings nicht bestätigt.

Videos
Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Die Grünen). © NDR Fotograf: Thorsten Hapke
 
Video

"Es muss harte Strafen geben"

Der niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) zeigt sich über das Ausmaß des Bio-Eier-Betrugs überrascht. Er fordert harte Konsequenzen für die Betriebe.

Video starten (02:02 min)

Auf engstem Raum zusammengepfercht

Der Vorwurf: Die Unternehmen, darunter auch Naturland-Betriebe, sollen Legehennen auf engstem Raum gehalten und dabei gegen Vorgaben verstoßen haben. Eier sollen falsch deklariert und somit auch teurer verkauft worden sein. Freiland-Legehennen müssen pro Tier über mindestens vier Quadratmeter Auslauffläche verfügen. Freilandeier dürfen nur dann mit der "Bio"-Kennzeichnung in den Handel, wenn auch bestimmte Futtermittel-Auflagen erfüllt werden.

Ministerium wusste seit fast einem Jahr von Verdacht

Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium wusste offenbar schon lange von den Untersuchungen. "Ich habe im Frühjahr 2012 das erste Mal davon erfahren", sagte der damalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) dem NDR Fernsehen. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg habe das Ministerium allerdings darum gebeten, noch nicht als Verwaltung tätig zu werden, um die Untersuchungen nicht zu gefährden. Rückblickend hätte Lindemann sich allerdings "gewünscht, dass wir als Behörde früher grünes Licht für eigene Ermittlungen bekommen hätten". So habe sich das Ministerium auf die üblichen Kontrollen beschränken müssen.

Videos
Gert Lindermann (CDU), ehemaliger Landwirtschaftsminister. © NDR Fotograf: Christoph Hamann
 
Video

"Kein grünes Licht für eigene Ermittlungen"

Der ehemalige Landwirtschaftsminister Gert Lindemann (CDU) wusste seit einem Jahr von dem Eier-Skandal. Das Ministerium sei aber auf Wunsch der Staatsanwaltschaft nicht tätig geworden.

Video starten (03:34 min)

Foodwatch: Kontrollsystem hat versagt

Harsche Kritik gibt es unterdessen von der Verbraucherorganisation Foodwatch. "Das Kontrollsystem hat hoffnungslos versagt", sagte Sprecher Martin Rücker NDR 1 Niedersachsen. Die Ergebnisse der amtlichen Kontrollen würden derzeit wie Amtsgeheimnisse behandelt. Es sei völlig unklar, wie oft Kontrolleure die Betriebe besuchten und ob sie angemeldet oder unangemeldet kämen.

Lebensmittelskandale in Niedersachsen

1996: In den Legebatterien des sogenannten Eierbarons Anton Pohlmann im Landkreis Vechta wird nachweislich Nikotin zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt. Hunderttausende Hühner sterben, etwa sieben Millionen belastete Eier gelangen in den Handel.

2002: Sechs Jahre später macht der Betrieb GS Agri aus Schneiderkrug (Landkreis Cloppenburg) negative Schlagzeilen: Dort wird in vermeintlichem Öko-Weizen verbotenes Nitrofen nachgewiesen. Der Futtermittelhersteller verkauft das aus Mecklenburg-Vorpommern stammende Getreide bundesweit. Bioeier und Biofleisch sind verseucht.

2010: Im Zuge des ersten Dioxin-Skandals müssen allein in Niedersachsen 4.400 Höfe vorübergehend geschlossen werden. In Eiern, Hühner- und Schweinefleisch wird eine Dioxinbelastung festgestellt.

2011: Im Mai stecken sich Hunderte Menschen mit dem Darmkeim EHEC an - 53 sterben. Die Quelle scheint gefunden: Von einem Hof in Bienenbüttel (Landkreis Uelzen) sollen die belasteten Sprossen stammen. Eindeutige Beweise gibt es bis heute nicht.

2011: Das niedersächsische Landwirtschaftsministerium veröffentlicht eine Studie zum Antibiotika-Einsatz in der Tierzucht. Das Ergebnis: verheerend. Bei Schweinen kommt in 77 Prozent aller Fälle Antibiotika zum Einsatz, bei Hühnern in 83 Prozent und bei Kälbern sogar in 100 Prozent.

2013: Pferd statt Rind - auch niedersächsische Unternehmen stehen im Verdacht, am sogenannten Pferdefleischskandal beteiligt zu sein. In Cuxhaven und Verden sitzen Betriebe, die betroffen sind.

2013:
Mitte Februar wird aufgedeckt, dass Millionen Eier aus Freiland- und Bodenhaltung als "Bio-Eier" deklariert und teuer verkauft worden sind. Eier-Produzenten aus acht Bundesländern sollen an dem Schwindel beteiligt sein. Zu viele Legehennen auf engstem Raum zusammengepfercht - die Kennzeichnung "bio" sollte genau das eigentlich ausschließen.

2013:
Im März wird bekannt, dass Landwirte Futtermais aus Serbien verfüttert haben, der mit dem krebserregendem Schimmelpilz Aflatoxin verseucht war. Allein in Niedersachsen wurde der Mais an mehr als 4.400 Betriebe ausgeliefert. Aflatoxin kann sich unter anderem in Kuhmilch ablagern.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 27.02.2013 | 12:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/eier195.html
Weitere Informationen
In einem großen Gehege laufen Hühner frei umher. © NDR Fotograf: Manuela Rüther
 
Video

Ein Besuch bei glücklichen Hühnern

Henner Schönecke betreibt einen Freilandhaltungs-Betrieb in Neu Wulmstorf. mehr


Protest gegen Bio-Legehennenställe in Meppen

In Meppen sollen zwei Bio-Legehennenställe gebaut werden. (23.01.2013) mehr


Eier-Skandal erreicht Schleswig-Holstein

Die Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt gegen einen Eier-Produzenten. mehr

Videos
Roland Herrmann, Leiter der Staatsanwaltschaft Oldenburg. © NDR Fotograf: Anna Körber/Oliver Gressieker
 
Video

"Öffentlichkeit zunächst nicht informiert"

Roland Herrmann, Staatsanwaltschaft Oldenburg, zum Eier-Skandal.

Video starten (02:53 min)
Links
Logo der Tagesschau © ARD-Foto
 
Link

Mehr Informationen zum Skandal um Bioeier gibt es auf tagesschau.de.

Link in neuem Fenster öffnen
Audios
Composing aus Schwein, Polizei-Absperrband und Reagenzgläsern zum Dioxinskandal © Schwein:picture alliance / dpa - Absperrband:picture-alliance/ dpa  - Reagenzgläser:fotolia.com Paolo Toscani Fotograf: Schwein: Carmen Jaspersen - Absperrband:Alina Novopashina - Reagenzgläser: Paolo Toscani
 
Audio

Die Lebensmittelskandale in Niedersachsen

26.02.2013 | 06:38 Uhr
NDR Info

Eine Chronologie von NDR Info Reporter Peter Stein.

Audiobeitrag starten (02:53 min)
Dossier
Massentierhaltung von Hühnern in einer Geflügelfarm in Twistringen. © dpa Fotograf: Peta
 

Massentierhaltung spaltet Norddeutschland

Die Produktion von günstigem Fleisch bringt Anwohner und auch kleinere Landwirte auf die Barrikaden. mehr