Stand: 21.11.2010 09:58 Uhr
Unsere neuen wilden Nachbarn
von Florian Wöhrle
Wer einen Ausflug in die norddeutsche Natur unternimmt, kann unter Umständen Tiere entdecken, die er auf einem anderen Kontinent vermutet hatte: Da gibt es graubepelzte Nachttiere, menschengroße Vögel und sogar kleine Kängurus, die ihre neue Heimat im Norden Deutschlands gefunden haben. Für die neue Multi-Kulti-Gesellschaft im Tierreich ist größtenteils der Mensch verantwortlich, der beispielsweise durch Pelztierzucht oder freigelassene exotische Haustiere unfreiwillig für das Gründen neuer Populationen gesorgt hat.
Enok, Mink, Nandu & Co.: Tierische Einwanderer
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In den 60er-Jahren wurde in Deutschland der erste Marderhund gesichtet, inzwischen treibt sich der auch Enok genannte Allesfresser zu Tausenden in norddeutschen Wäldern herum. Das ursprünglich aus Sibirien stammende, scheue Tier streift nachts durchs Unterholz und frisst auch Eier und Jungvögel.
Während der Europäische Nerz in Deutschland ausgestorben ist, fühlt sich sein amerikanischer Verwandter, der Mink, hier sehr wohl. Der aus Pelztierfarmen geflüchtete oder freigelassene Marder versteckt sich tagsüber in Bauen und ist bei Vogelfreunden besonders unbeliebt, weil er in Brutstätten große Schäden anrichten kann.
Manche finden sein Auftreten putzig, viele inzwischen ärgerlich: Der Waschbär aus Nordamerika hat mit seiner enormen Anpassungsfähigkeit auch Norddeutschland erobert. Besonders viele Exemplare findet man in Südniedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Ob er eine Bedrohung für Ökosysteme im Norden darstellt, ist umstritten.
Von der argentinischen Pampa in die norddeutsche Niederung: Der Nandu sieht aus wie ein kleiner Strauß, ist aber mit bis zu 1,40 Metern Höhe groß genug, um sogar ein Rind in die Flucht zu schlagen. Einige in Schleswig-Holstein aus einem Gehege entwichene Vögel haben an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern eine stabile Kolonie gegründet.
Die Nilgans mit dem exotischen braunen Augenfleck legt ihre Eier nicht nur in Afrika, sondern inzwischen auch in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Auch harte Winter scheinen den Vögeln wenig auszumachen - der Bestand wächst stetig.
Ein Steinbock im norddeutschen Flachland? Nein. Wer zum Beispiel in Schleswig-Holstein einem Tier mit prächtig gebogenen Hörnern gegenübersteht, hat es mit einem Europäischen Mufflon - kurz Muffel - zu tun. Die Wildschafe aus Sardinien und Korsika wurden seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Park- und Jagdwild in Deutschland ausgesetzt.
Ein Hauch Australien in Mecklenburg-Vorpommern: Bei einem Einbruch im Tierpark Burg Stargard nahe Neubrandenburg waren 2001 einige Bennett-Kängurus in die Freiheit gelangt - und haben sich dort angesiedelt. Ob sie sich weiter ausbreiten werden, ist zweifelhaft. Die Winterkälte scheint ihnen jedenfalls nicht viel auszumachen.
Herrliche Farbtupfer in der manchmal grauen norddeutschen Natur: Der Halsbandsittich hat sich beispielsweise im Hamburger Alstertal fest in der freien Natur etabliert. Die bunten Vögel stammen von entflohenen Haustieren ab und kommen ursprünglich aus Afrika und Asien.
Gärtner hassen sie, und selbst Schneckenfresser wie Igel oder Kröten verabscheuen die Spanische Wegschnecke. Zwar gibt es die braunen Kriecher erst seit wenigen Jahren in Norddeutschland, doch gehören sie inzwischen schon zu den häufigsten Schneckenarten. Sie haben ihren Weg in den Norden wahrscheinlich auf spanischen Salatimporten gefunden.
Graues Fell, kleine braune Augen und Zähne in Orange: An den Anblick von Nutrias muss man sich in Norddeutschland vielleicht bald gewöhnen. In Brandenburg fühlen sich die aus Südamerika stammenden Tiere jedenfalls sehr wohl und haben an Flussläufen in den vergangenen Jahren stabile Populationen aufgebaut. Nutrias wurden in DDR-Pelztierfarmen gehalten.
Auch auf dem Sprung nach Norddeutschland: Die Auwaldzecke lebt ursprünglich in Südeuropa, hat ihren Lebensraum aber in den vergangenen Jahren stark in den Norden ausgedehnt. Sie ist größer und bunter als andere Zeckenarten, saugt Blut an größeren Haustieren und kann Krankheiten übertragen.
Auch auf dem Sprung nach Norddeutschland: Die Auwaldzecke lebt ursprünglich in Südeuropa, hat ihren Lebensraum aber in den vergangenen Jahren stark in den Norden ausgedehnt. Sie ist größer und bunter als andere Zeckenarten, saugt Blut an größeren Haustieren und kann Krankheiten übertragen.
Die Folgen sind oft dramatisch für die Ökosysteme - und manchmal nicht aufzuhalten. So gilt das Trio der zugewanderten Allesfresser Waschbär, Marderhund und Mink in seiner Ausbreitung inzwischen als nicht mehr kontrollierbar. "Die Ausbreitung ist flächendeckend im Norden, und alle drei sind sehr schwer zu bejagen", sagt Christof Herrmann vom Landesamt für Umwelt- und Naturschutz Mecklenburg-Vorpommern. Da die Zuwanderer auch gern Nester plündern, sind insbesondere Vogelschützer durch die Ausbreitung der Pelztiere alarmiert.
Einige Zoologen bezweifeln allerdings, dass die neuen Nachbarn die bestehenden Ökosysteme in Norddeutschland nachhaltig beschädigen. Noch kein fremder Gast habe bisher ein heimisches Tier ausgerottet, sagt Professor Ragnar Kinzelbach von der Universität Rostock. "Freilaufende Hauskatzen dagegen richten allein in der Vogelwelt viel größere Schäden an."