Verkehrsmeldungen aus Mecklenburg-Vorpommern
Staus, Baustellen, Gefahrenhinweise - die aktuelle Verkehrslage mehr
Bei einem Händler aus Plate kamen etliche Lieferwagen halbvoll zurück. (Archivbild)
Manfred Engel dürfte am Donnerstagmorgen seinen Augen nicht recht getraut haben. Noch am Vortag waren wie jeden Tag die Bestellungen beim Kartoffel- und Gemüse-Service Plate bei Schwerin eingegangen. Doch beim Blick in die Lieferwagen der Firma erblickte der Geschäftsführer etliche noch halbvoll mit Gemüse befüllte Ladeflächen.
Der Grund dafür war schnell ausgemacht: Am Mittwochabend hatte das Robert-Koch-Institut dringend vom Verzehr von Blattsalaten, Tomaten und Gurken aus Norddeutschland gewarnt. Die Warnung war natürlich auch den Abnehmern des Gemüsehandels aus dem Landkreis Parchim nicht verborgen geblieben. Diese - ein Feinkosthersteller aus Lüdersdorf sowie mehrere Großhändler und Großcaterer in Hamburg und Schwerin - weigerten sich in der Nacht kurzerhand, die noch am Nachmittag bestellte Ware entgegenzunehmen.
Nun sitzt Engel auf insgesamt drei Tonnen Salat und Gemüse, die er nicht wieder verkaufen kann, weil es sich um schnell verderbliche Ware handelt. Der Schaden beläuft sich nach Schätzungen Engels auf rund 10.000 Euro. Für die kommende Nacht hofft Engel, dass wieder alle Bestellungen auch wieder angenommen werden. Gurken aus Spanien, die mittlerweile als Verursacher der EHEC-Erkrankungen gelten, werden in Plate nämlich nicht verarbeitet.
Deutschlands größter Tomatenproduzent in Barth blieb auf seiner Ware sitzen.
Helle Aufregung heute bei Deutschlands größtem Tomatenproduzenten in Barth. Geschäftsführer Wolfgang Hahn zeigt sich stinksauer. "Ohne konkrete Anhaltspunkte und anscheinend ohne jede praktische Kenntnis, wie wir hier eigentlich produzieren, schlagen Wissenschaftler eines namhaften Instituts Alarm und bringen einen ganzen Berufszweig in die Bredouille", sagt der Firmeninhaber - um sich dann umgehend mit Experten über mögliche rechtliche Schritte zu beraten.
Vermarktungsleiter Detlef Schünemann sagt, was seinen Chef so wütend macht: "Anrufe von Märkten, die keine Tomaten mehr von uns nehmen. Das sind Äußerungen vom Robert-Koch-Institut, die uns eigentlich gar nicht betreffen." Produktionsleiterin Elfi Lausch erklärt, warum der Tiefschlag des Robert-Koch-Instituts - wie sie sagt - gegen alle Salat-, Gurken- und Tomatenproduzenten in Norddeutschland gar nicht hätte stattfinden dürfen: "Wir haben erstens einen geschützten Anbau. Das heißt: Keine Erde sondern eine wasserundurchlässige Folie. Dann stehen unsere Pflanzen auf einer Steinwollmatte. Dort können keine Krankheiten, keine Viren, keine Bakterien rankommen - das ist 200 Prozent ausgeschlossen."
Keine Kuh, kein Stallmist, keine Gülle im Gewächshaus - das würde schon produktionstechnisch überhaupt nicht funktionieren, erklärt die 51-Jährige, die jetzt mit ihrem Team um den Arbeitsplatz fürchtet angesichts zahlreicher stehengebliebener Kisten mit vollreifen Tomaten: "Seit heute Morgen geht es uns allen nicht so gut. Es ist erstens nur eine Vermutung. Niemand weiß genau, wo dieses Bakterium herkommt. Es wurde in Schleswig-Holstein und Niedersachsen festgestellt. Und jetzt sagen sie einfach: 'Esst keine Tomaten mehr aus Norddeutschland.' Die wissen gar nicht, was sie damit ausgelöst haben. Das Telefon bei uns steht überhaupt nicht mehr still. Die Leute sind verunsichert und haben Angst, dass unsere Tomaten verunreinigt sein könnten."
In Barth werden derzeit rund 25 Tonnen Tomaten pro Tag geerntet.
25 Tonnen Tomaten und auch viele Gurken werden derzeit am Tag geerntet und niemand weiß, wie es morgen weitergeht. Tomatenproduzentin Elfi Lausch facht noch eine ganze andere Diskussion neu an. Die, was denn nun besser sei: Bio- oder konventionelle Landwirtschaft. Angesichts der Aussage, dass das Bakterium sich womöglich auch über den Stallmist ausbreitet. Ein Naturdünger, den die Biobauern bevorzugen, während man in Barth auf chemisch erzeugte Nährstoffe setzt und sich damit nicht nur im aktuellen Fall auf der sicheren Seite wähnt.
Und wenn auch die Markt- und viele Großhändler auf die Barther Tomaten am Donnerstag vielfach verzichtet haben. Im Hof-Verkaufsladen in Barth selbst lief das Geschäft gewohnt gut. Auch Bernd Krätzig wollte auf seine Lieblingstomaten nicht verzichten, selbst angesichts der Tatsache, dass das Robert Koch Institut vermutet, das der EHEC-Erreger drin stecken könnte: "Könnte ja. Könnte. Dann ist überall was drin, wenn man es so nimmt. Dann dürfte man gar nichts mehr essen", verabschiedet sich der Kunde mit gleich zwei Kilo Tomaten im Netz.