AKTUELLES AUS DER REGION
WETTER
NDR Verkehrsstudio
Blick von einer Autobahnbrücke auf den fließenden Verkehr © picture-alliance/ dpa / Ronald Wittek Fotograf: Ronald Wittek
 

Verkehrsmeldungen aus Mecklenburg-Vorpommern

Staus, Baustellen, Gefahrenhinweise - die aktuelle Verkehrslage mehr

 

"Wortgewaltig, klar und unmissverständlich"

von Jürgen Hingst, NDR 1 Radio MV

Joachim Gauck, Präsident für das Amt des Bundespräsidenten, bei einer Rede im Juni 2010 in Berlin. © dpa Fotograf: Wolfgang Kumm Detailansicht des Bildes "Versöhnung kann immer nur ein Angebot der Opfer an die Täter sein," so Joachim Gauck über die DDR-Aufarbeitung. Im Dezember 1989 habe ich Joachim Gauck zum ersten Mal getroffen, oder besser gesagt, erlebt in der Rostocker Marienkirche. Die Friedensgebete dort waren mehr als Gottesdienste. Sie waren Infoveranstaltungen und Andacht zugleich. Und mittendrin Joachim Gauck - wortgewaltig, klar und unmissverständlich. "Sonne der Gerechtigkeit" mit diesem Kirchenlied endeten die Andachten und irgendwie entstand das Gefühl, damit könnte Gauck sich auch selbst gemeint haben: "Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit, brich in Deiner Kirche an, dass die Welt es sehen kann".

Bürgerbewegung mit Fenster zum Westen

Das waren damals starke und treffende Worte. Sie zeigen, wie groß die Verunsicherung über die staatlichen Zustände war, aber auch die Hoffnung, sie zu überwinden. Die Marienkirche in Rostock war Ausgangs- und Endpunkt der Demonstrationen für Demokratie und Erneuerung. Für Gauck war es damals wichtig, dass diese Bewegung ein Fenster zum Westen hatte. Zu Beginn des Jahres 1990 gab es Anzeichen, dass sich die Organe der DDR-Staatsmacht neu formieren wollten. Unsicherheit über den Weg der Bürgerbewegung machte sich breit und wohl auch ein bisschen Angst, das Rad der Geschichte könnte nochmals rückwärts laufen. Joachim Gauck habe ich da sehr persönlich erlebt. Kraftvoll und energisch auf der einen, aber auch zurückhaltend und fast ein wenig ängstlich auf der anderen Seite.

Mediale Präsenz war Gauck wichtig

Ein Mann, der seine Gefühle durchaus einzusetzen verstand. "Von der Erschöpfung der Revolutionäre" sprach er damals und fast hatte ich den Eindruck, er kokettiere damit. Denn schon wenige Momente später konnte es geschehen, dass er zur alten Kraft und Stärke zurückfand. Für ihn war es wichtig, medial präsent zu sein. Deshalb kam auch das Angebot beim Neuen Forum in Rostock für mich einen Schreibtisch einzurichten. Denn NDR Präsenz bedeutete, nicht ungehört zu bleiben, selbst wenn die damals noch stark dem alten Regime verpflichteten DDR-Medien die Aktionen der Rostocker Bürgerbewegung übersehen sollten.

Versöhnung nur ein Angebot an die Täter

Mich hat damals Gaucks Geschick fasziniert, Menschen für sich zu gewinnen. Die Kraft des Wortes, die Beharrlichkeit beim Verfolgen seiner Ziele, aber auch die Bereitschaft Brücken zu bauen, waren etwas völlig Neues. Eine Zivilgesellschaft entstand ja erst. Der Runde Tisch, das Bürgerkomitee, die Friedensandachten, alles Ausdruck einer Bewegung, die in Rostock mit Gaucks Namen verbunden ist. Für mich als westdeutschen Journalisten hatte das eine andere Qualität als die Bürgerbewegungen in der alten Bundesrepublik. Denn die war nicht mit Grundsatzfragen verbunden. In der DDR war das schlicht anders - hier ging es um die Macht, um das Ersetzen eines alten Systems durch ein Neues. Bei dieser Frage konnte Joachim Gauck deshalb auch unerbittlich sein. Versöhnung könne immer nur ein Angebot der Opfer an die Täter sein, sagte er und nicht umgekehrt.

Vorzüge der Demokratie frühzeitig erkannt

Damit wandte er sich gegen die, die meinten, selbst als Verstrickte des Systems bestimmen zu können, wann der Zeitpunkt gekommen sei, um Aufarbeitung zu beenden. Das war seine Sache nicht. In dem Punkt zeigte er sich ziemlich unversöhnlich - auch damals schon. Was aus jener Zeit des Aufbruchs für mich bleibt, ist, dass Gauck es verstanden hat, die elementaren Vorzüge der Demokratie zu benennen. Redefreiheit, Meinungsfreiheit, das Recht sich zu engagieren, wann und wo man es möchte - Dinge zu bewegen, von denen man glaubt, dass sie sich lohnen. Alles das sind Sachen, die uns heute selbstverständlich erscheinen.

Wer miterleben konnte, wie diese Selbstverständlichkeiten erst erstritten werden mussten, wie Auseinandersetzungen erst erlernt und Angst überwunden werden musste, der wird in den Rostocker Wendewochen viele Beispiele und Namen finden. Joachim Gauck ist einer von ihnen. Es wäre schön, wenn er davon etwas mitnehmen könnte in sein neues Amt.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/mecklenburg-vorpommern/gauck183.html
Über den Autor
Jürgen Hingst, Leiter der Aktuell-Redaktion © NDR Fotograf: Christoph Woest
 

Jürgen Hingst
NDR 1 Radio MV

Leiter der Aktuell-Redaktion Hörfunk im
Landesfunkhaus Schwerin