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Interview

"Kohlendioxid-Speicherung macht wenig Sinn"

Johannes Herold vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung © privat Detailansicht des Bildes Vor allem Norddeutschland komme für CO2-Speicher in Betracht, weiß Johannes Herold von der TU Berlin. Greenpeace hat die Diskussion über die unterirdische Kohlendioxid-Speicherung in Norddeutschland neu entfacht. Die Veröffentlichung einer Liste mit 408 möglichen Standorten rief Politiker und besorgte Bürger auf den Plan. Was sind die Vorteile der sogenannten CCS-Technologie und welches die Risiken? NDR.de hat darüber mit Diplom-Wirtschaftsingenieur Johannes Herold von der TU Berlin gesprochen.

NDR.de: Greenpeace hat eine Karte mit möglichen Standorten für einen unterirdischen Kohlendioxid-Speicher veröffentlicht. Wie bewerten Sie diese Liste mit 408 Namen?

Johannes Herold: Prinzipiell bietet die Liste keine Überraschungen, da man auch vorher schon in die wahrscheinlichen Speicher-Regionen kannte. Allerdings bietet sich nun natürlich die Gelegenheit, das regionale Potenzial einer möglichen Anwendung der CCS-Technologie besser einzuschätzen. Zugleich ist aber auch zu befürchten, dass die Debatte noch zusätzlich an Schärfe gewinnt und eine ergebnisoffene Demonstration der Technik weiter erschwert.

 

Wofür steht die Abkürzung CCS?

Experten sprechen im Zusammenhang mit der unterirdischen CO2-Speicherung gerne von der CCS-Technologie. Die Abkürzung CCS steht für den englischen Begriff "Carbon Capture and Storage", also die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid.

NDR.de: Welchen Vorteil bietet die Speicherung von Kohlendioxid?

Herold: Generell gesagt lässt sich mit der CCS-Technologie der Einfluss von Kohlendioxid als Treibhausgas in der Atmosphäre vermindern. Man kann Kohlendioxid - höchstwahrscheinlich in einer Größenordnung von 90 Prozent aus den Abgasen von Kohlekraftwerken - abtrennen und unterirdisch speichern. Die Techniken eignen sich aber auch für Emissionen aus Produktionsanlagen wie beispielsweise in der Stahl- und Zement-Industrie. Somit hätte man eine Klimaschutz-Technologie an der Hand.

NDR.de: Die Bundesregierung setzt im Kampf gegen den Klimawandel große Hoffnung in die CCS-Technologie. Ist diese Hoffnung berechtigt?

Herold: Aus unserer Sicht sind die Hoffnungen nicht berechtigt. Allen seriösen Klimamodellen zufolge muss die Technologie weltweit bereits im Jahr 2020, also in zehn Jahren, industriell im großen Maßstab verfügbar sein und muss auch tatsächlich angewendet werden, um die hochgesteckten Ziele im Klimaschutz erreichen zu können. Und das sehen wir nicht. Wir sind uns mit anderen Instituten einig in der Einschätzung, dass die CCS-Technologie im Jahr 2020 oder 2025 noch nicht so weit ist, dass sie im Energie-Sektor einen bedeutsamen Beitrag zur Senkung des Kohlendioxid-Ausstoßes leisten kann.

NDR.de: Sind die Techniken zur Abscheidung des Kohlendioxids und zum Transport schon ausgereift?

Herold: Prinzipiell ja. Die einzelnen Technologien werden schon seit Jahrzehnten in bestimmten industriellen Sektoren angewendet. Das Problem ist, das jetzt in großen Kraftwerken anzuwenden. Bislang ist man über kleine Pilotprojekte nicht hinauszukommen.

 

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NDR.de: Was ist der nächste Schritt?

Herold: Als Nächstes müsste man mittelgroße Demonstrationsprojekte für die drei Abscheide-Alternativen, die es gibt, testen. Dann müsste man diese Technologie auf ein großes Kohlekraftwerk anwenden. Zudem gilt es, die Infrastruktur für den Transport des verflüssigten Kohlendioxids aufzubauen und mögliche Speicherstätten auf ihre Tauglichkeit hin zu prüfen.

NDR.de: Generell heißt es, die CCS-Technologie werde 2025 kommerziell anwendbar. Ist dieser Zeitplan realistisch?

Herold: Es hängt davon ab, ob überhaupt und wie zügig die Vielzahl an angekündigten Demonstrationsprojekten umgesetzt werden. Im Prinzip ist es möglich, die Technologie rechtzeitig zur Marktreife zu bringen. Allerdings sieht es momentan nicht danach aus.

NDR.de: Welche Gegenden in Deutschland kommen für eine unterirdische Kohlendioxid-Speicherung infrage?

Herold: Das ist nach heutigem Kenntnisstand vor allem im norddeutschen Raum der Fall. Es gibt prinzipiell drei Möglichkeiten, das Gas unterirdisch zu speichern. Das sind zum einen Gas- und Ölfelder, sowohl erschöpfte als auch solche, die noch in Betrieb sind. Zudem kommen poröse Gesteinsformationen im Untergrund infrage, die mit Salzwasser gefüllt sind. Eine Speicherung von Kohlendioxid in solchen Schichten wäre an Land denkbar, aber auch unter dem Meeresgrund in der Nordsee.

NDR.de: Wie lange reichen die Lager - 100, 200, 500 Jahre?

Herold: Man geht heute davon aus, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Platz für 50 Jahre vorhanden ist. Dies ist natürlich auch abhängig davon, welcher Anteil der Emissionen aus dem Kraftwerks- und Industriesektor gespeichert wird. Aber es gibt auch eine andere Größe, die entscheidend ist. Das ist die Einspeiserate, also: Wie viel Kohlendioxid kann man maximal in einem Jahr speichern? Da geht die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) davon aus, dass man 50 bis 75 Millionen Tonnen pro Jahr einspeichern kann. Diese Menge entspricht in etwa 20 Prozent der CO2-Emissionen, die im europäischen Emissionshandel-System in Deutschland abgedeckt sind.

NDR.de: Wie schätzen Sie die Gefahren für Mensch und Natur ein?

Herold: Läuft alles ordnungsgemäß ab, kann man mit hoher Wahrscheinlichkeit von einer sicheren Technologie sprechen. Sie birgt aber auch gewisse Risiken. Dass das verpresste Kohlendioxid wieder in großen Mengen austritt, halten wir aber für ein relativ geringes Risiko. Einen schädlichen Einfluss hätte das Kohlendioxid auch nur bei einer hohen Konzentration in der Luft.

NDR.de: Kann durch die Kohlendioxid-Speicherung Salzwasser das Trinkwasser verunreinigen?

Herold: Das Kohlendioxid soll in 1.000 bis 2.000 Meter Tiefe gespeichert werden. Das Salzwasser, das in dieser Tiefe in den Gesteinsschichten vorkommt, muss irgendwohin entweichen - nach oben, nach unten oder zur Seite. Ich denke, Geologen können herausfinden, welche Gesteinsschichten sicher sind, damit das Salzwasser nicht so weit nach oben verdrängt wird, dass es das Trinkwasser verunreinigt. Dies muss natürlich für jeden Speicher einzeln geprüft werden.

NDR.de: Ist es sinnvoll auf die CCS-Technologie zu setzen?

Herold: Als Brückentechnologie im Übergang zum Zeitalter der erneuerbaren Energien könnte sie weltweit gesehen sicherlich von Bedeutung sein. Im Kraftwerkssektor macht sie aber nur dann Sinn, wenn die Technologie im Jahr 2020 im großen Stil einsetzbar ist. Für Deutschland und Europa wird sie wahrscheinlich keine große Rolle spielen, da die CCS-Technologie zu spät verfügbar sein wird, sehr hohe Kosten verursacht und hier die Widerstände in der Bevölkerung zu groß sind. Zudem haben wir mit den erneuerbaren Energieträgern wie Windkraft schon heute Alternativen zu Kohlekraftwerken. Ganz anders sieht es im industriellen Sektor aus: Die prozessbedingten Emissionen bei der Eisen-, Stahl- und Zement-Herstellung lassen sich nach heutigem Kenntnisstand nur durch den Einsatz der CCS-Technologie deutlich reduzieren. Hier kann das Verfahren also einen notwendigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

Das Gespräch führte Marc-Oliver Rehrmann.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/kohlendioxidspeicherung107.html
Übersicht

Eine Karte, die nach Angaben der Umweltschutzorganisation die möglichen Endlager für Kohlendioxid zeigt. [PDF-Dokument]

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Eine Tabelle, in der alle norddeutschen Orte aufgeführt sind, die laut Greenpeace für ein CO2-Endlager infrage kommen. [PDF-Dokument]

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