Fall Jeremie: Keine Hinweise auf Entführung
Die Polizei sucht weiter in Hamburg nach dem Elfjährigen. mehr
Der Elfjährige ist seit zwei Wochen verschwunden.
Das vermisste Pflegekind Jeremie aus Hamburg ist am Mittwoch offenbar noch nicht wieder aufgetaucht. Jedenfalls gab es bis zum Abend keine entsprechenden Informationen von Seiten der Behörden. Nach Informationen von NDR 90,3 hat der Großvater des Jungen vor einem Familiengericht am Dienstag entsprechende Zusagen gemacht. Demnach sagte er, dass er seinen Enkel wieder auftauchen lassen könne. Haben Jeremies Großeltern also 14 Tage lang Behörden und Öffentlichkeit zum Narren gehalten?
Sollte dem so sein, "dann ist das eine Straftat", empört sich Grünen-Abgeordnete Christiane Blömeke im Gespräch mit NDR 90,3. "Ich finde auch nicht, dass Jugendhilfe erpressbar sein soll." Dennoch habe dieser Einzelfall Defizite aufgezeigt, die man in Hamburg angehen müsse.
Der Junge war vor zwei Wochen aus einem Wanderzirkus in Mecklenburg-Vorpommern verschwunden und gilt seitdem als vermisst. Angeblich war er allein mit einem Kleinlaster aus Mecklenburg-Vorpommern nach Hamburg gefahren. Das Jugendamt hat Anzeige wegen Kindesentzug erstattet, die Polizei vermutet schon länger, dass er sich bei seinen zahlreichen Verwandten versteckt.
Hintergrund für Jeremies Verschwinden aus dem Zirkus könnte ein Sorgerechts-Streit sein. Die Großeltern wollen den Jungen, der vorher bei ihnen gelebt hat, öfter sehen dürfen. Am Dienstag fand am Familiengericht ein vorgezogener Termin dazu statt. Zwar wurde das Ergebnis nicht offiziell bekannt, da Familiengerichts-Angelegenheiten nie öffentlich sind. Eine Sprecherin des Bezirksamts Hamburg-Mitte sagte aber, es seien Verabredungen getroffen worden, wie es weitergehen soll. "Man kann davon ausgehen, dass er nicht durch kalte Winternächte irrt", sagte die Sprecherin. Die Behörde rechne damit, dass das Kind "kurzfristig wieder auftaucht".
Wie NDR 90,3 berichtete, scheint klar, dass die Familie weiß, wo sich der Elfjährige versteckt hält. Nun soll Jeremie offenbar in einer speziellen Kinderklinik auf seinen seelischen und körperlichen Gesundheitszustand untersucht werden. Das sei vor dem Familiengericht zwischen den Großeltern, dem Amtsvormund und dem Jugendamt vereinbart worden.
Es scheint noch weitere Zugeständnisse des Jugendamtes zu geben: Demnach muss das Kind nicht wieder in die Zirkusfamilie zurück, in der er seit zwei Jahren lebte. Eine neue Betreuungsstelle soll nun im Einvernehmen mit den Großeltern gesucht werden. Sie waren mit der Unterbringung Jeremies in einem Zirkus nicht einverstanden.
Der Leiter des Bezirksamt-Mitte, Andy Grote (SPD), bewertete die Entscheidung des Familiengerichts auf NDR 90,3 kritisch. Die gesamte positive Entwicklung des Jungen in den vergangenen zwei Jahren sei damit infrage gestellt.
Eine kleine Anfrage der Bürgerschaftsabgeordneten Blömeke brachte es an den Tag. 7.400 Euro im Monat kostet die Unterbringung von Pflegekind Jeremie in einem Zirkus.
Hamburgs Sozialsenator Detlef Scheele (SPD) hatte zuvor angeordnet, vergleichbare Fälle zu untersuchen. Dabei soll es um zwölf Kinder und Jugendliche gehen. Scheele lehnt die Unterbringung von Pflegekindern in Zirkusfamilien ab. Er forderte, die Jugendämter sollten in Zukunft weniger auf Konzepte auswärtiger Träger zurückgreifen und stattdessen stärker die Hamburger Angebote nutzen. Das Jugendamt Hamburg-Mitte hatte im Fall Jeremie allerdings von sechs anderen Trägern Absagen bekommen.
In den Wanderzirkus wird Jeremie vermutlich nicht mehr zurückkehren.
Die Unterbringung von Jeremie kostet die Stadt Hamburg 7.400 Euro im Monat. Laut Trägerverein entstehen 75 Prozent der Kosten für Personal: Dies umfasse das Erziehergehalt für die Pflegemutter sowie anteilige Kosten für Vereinsleitung, pädagogische Beratung und Supervision. 1.850 Euro werden für Sachkosten wie Miete, Essen und Kleidung berechnet. Zum Vergleich: Eine Unterbringung in einem Wohnprojekt kostet ungefähr 4.000 Euro, in einer Pflegefamilie im Schnitt 830 Euro.
Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Familie in Lübtheen (Landkreis Ludwigslust), bei der Jeremie die vergangenen zwei Jahre gewohnt hatte, pädagogisch nicht ausgebildet ist. Der Trägerverein, der den Jungen im Zirkus untergebracht hatte, verteidigte die Entscheidung. Jeremie habe in der Zeit bei der Familie sehr gute Fortschritte in seiner Entwicklung gemacht. Ein Team aus Sozial- und Sonderpädagogen würde alle Mitarbeiter betreuen.
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Ohne Worte
Da hat man den Großeltern das Kind weggenommen, weil es scheinbar von ihnen mißhandelt wurde. Irgendwas muss da gewesen sein, sonst nimmt man Kinder nicht einfach weg. Und nun erpressen diese... [mehr]
Das hinterläßt bei mir den Eindruck der Erpressung. [mehr]