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Die 58-jährige Inderin Vandana Shiva gilt als eine der wichtigsten globalen Aktivisten gegen Gentechnik und für ökologische Landwirtschaft. Bei einem Vortrag am Dienstagabend in Hamburg warnte sie vor der zunehmenden Privatisierung der Natur. Die promovierte Physikerin ist Trägerin des Alternativen Nobelpreises. Nadine Dietrich sprach mit ihr über die Gefahren von Patenten auf Nahrungsmittel und die Freude am eigenen Gärtnern.
Shiva: "Was der Mensch zum Leben braucht, gehört nicht in die Hände von Konzernen."
NDR.de: Frau Shiva, bei ihrem Vortrag auf Kampnagel fragten Sie "Wem gehört die Welt?" Warum beschäftigt Sie diese Frage?
Vandana Shiva: Sie ist äußerst drängend, denn seit es den Freihandel und die Globalisierung gibt, tun die großen Konzerne so, als könnten sie alles kaufen und damit alles besitzen: Wasser, Boden, Saatgut, Rohstoffe, Pflanzen und Tiere. Und das ist total falsch. Was der Mensch zum Leben braucht, gehört nicht in die Hände von Konzernen. Wenn der derzeitige Trend nicht gestoppt wird, bestimmen Unternehmen wie Monsanto, Veolia und BASF in Zukunft, wie teuer Wasser oder Weizensaat ist und wer es kaufen darf.
NDR.de: 250.000 indische Bauern sollen in den vergangenen Jahren Selbstmord begangen haben. Sie hatten bei Monsanto gentechnisch veränderte Baumwolle gekauft, sich dabei verschuldet und ihr Land verloren. Warum weisen Sie in Ihren Reden in Deutschland immer wieder auf diese Selbstmorde hin?
Vandana Shiva: Die indischen Bauern sind wie die Kanarienvögel, die früher in die Bergbauminen fliegen mussten, um zu testen, ob genügend Sauerstoff vorhanden ist. Sie zeigen, wohin das Saatgut-Monopoly führt, das Monsanto, Bayer, BASF und Dow Chemical betreiben. Den Politikern der Europäischen Union und Deutschlands sollten diese Selbstmorde eine Warnung sein: Das ist der Weg, wenn genmanipuliertes Saatgut und Patente auf Tiere und Pflanzen nicht verboten bleiben.
Vandana Shiva ist Physikerin, Ökoaktivistin und Autorin, ihr jüngstes Buch heißt "Erd-Demokratie. Alternativen zur neoliberalen Globalisierung". In ihrer Heimat hat die 58-jährige Inderin die Bewegung "Navdanja" gegründet, die traditionelles Saatgut bewahrt und Bauern in ökologischer Landwirtschaft anleitet, um sie vor der Abhängigkeit von großen Konzernen zu schützen. Vandana Shiva ist Ratsmitglied des in Hamburg gegründeten World Future Council, der sich für die Rechte zukünftiger Generationen einsetzt.
NDR.de: In Deutschland ist bisher lediglich eine genmanipulierte Kartoffel von BASF zugelassen, eine bestimmte Melonen-Sorte ist mit einem Patent belegt.
Vandana Shiva: Das es nicht schon viel mehr davon gibt, das haben Sie den vielen Gentechnik-Gegnern zu verdanken, die Druck auf Politiker machen. In Indien wollen Konzerne alles Mögliche mit Patenten belegen, was wir seit Jahrtausenden nutzen. Zum Beispiel wollte sich die Firma RiceTec Basmatireis patentieren lassen, das konnten wir verhindern. Pflanzensamen sind keine Erfindung des Menschen. Sie zu patentieren, ist ethisch falsch. In Indien hat Monsanto bei Baumwolle aber bereits das Monopol. Der Konzern schlägt Patentgebühren auf die Saatpreise und fordert Anteile an der geernteten Baumwolle. Das führt zu noch größerer Armut. Deutschland ist insofern ein guter Ort.
"Pflanzensamen sind keine Erfindung des Menschen. Sie zu patentieren, ist ethisch falsch."
NDR.de: Sie haben während Ihres Hamburg-Besuchs auch mit Dorothee Stapelfeld, der zweiten Bürgermeisterin von Hamburg, sprechen. Worüber?
Vandana Shiva: Die Stadt Hamburg sollte eine gentechnikfreie Region werden! Auf Gentechnik in der Landwirtschaft zu verzichten, bedeutet: mehr Demokratie und mehr Versorgungssicherheit. Dorothee Stapelfeld sagte mir, sie wolle diese Forderung unterstützen.
NDR.de: Sie haben vorgeschlagen, dass jeder ein wenig gärtnern sollte. Warum sollten selbstangebaute Tomaten oder Erdbeeren die Welt retten?
Vandana Shiva: Es ist ein tolles Gefühl, einen kleinen Samen in die Erde zu stecken und zu sehen, dass daraus eine Pflanze wächst, von der ich mich ernähren kann. Nur ein kleiner Samen! Gärtnern verbindet die Menschen mit der Natur, es lässt die Achtung und den Respekt wachsen vor Lebensmitteln, vor Bauern, vor dem Ökosystem: Sonne, Wasser, Böden, Samen. Wenn sich die eigenen Tomaten auf dem Balkon rot färben und ich weiß, ich kann sie bald essen, das macht glücklich.
"Junge Leute sagten mir, ich solle twittern."
NDR.de: Twittern Sie auch über Ihre eigene Gärtnerarbeit?
Vandana Shiva: Nein! Ich twittere nur zu politisch wichtigen Ereignissen. Es ist wirklich schwierig, so komplexe Sachen wie Biopiraterie oder neue Gesetze in 160 Zeichen zusammenzufassen.
NDR.de: Immerhin haben Sie mehr als 4.800 followers. Wofür ist Twittern gut?
Vandana Shiva: (lacht) Ganz ehrlich, mir haben junge Leute gesagt, ich solle das machen, das wäre gut. Und ich dachte mir: Okay, ich sollte die Anweisungen der jungen Generation befolgen.