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Kommentar
Er hatte eine explosive Mischung an Bord, der Frachter "Atlantic Cartier", der am 1. Mai im Hamburger Hafen in Flammen aufging. Nicht nur die vielen Tonnen mit leicht entzündlichen Stoffen neben radioaktiver Fracht hatten es in sich. Auch der Umgang der Behörden mit dem Feuer auf dem Atomfrachter hat Sprengkraft. Denn auch auf Nachfragen behielten die Behörden zunächst für sich, dass es sich tatsächlich um einen brennenden Atomtransport gehandelt hat. Jetzt, Wochen später, liefert die Innenbehörde abstruse Begründungen nach: Es sei ja nichts schiefgegangen - und damals habe ja keiner gefragt. Das ist zum einen falsch - und zum anderen offenbart es, wie wenig sensibel offenbar manche Behörde beim Thema Atomtransporte war oder ist.
Zugegeben: Es hat seinen guten Grund, dass radioaktive Fracht nicht vorher mit Zeit, Route und Transportmittel angekündigt wird. Wer will sich schon den Protest bestellen, den er dann mit zusätzlichem Aufwand von Castor-Behältern und Ähnlichem fernhalten muss. Von der Sorge um einen Anschlag mal ganz abgesehen.
Jetzt hat der Brand auf dem Atomfrachter "Atlantic Cartier" vielen bewusst gemacht, dass radioaktive Transporte in Hamburg an der Tagesordnung sind. 180 bis 200 Mal pro Jahr wird strahlende Fracht im Hafen umgeladen oder rollt meist nachts unter Polizeischutz über die Autobahnen. Wie auch diese Woche nach Brokdorf. Hamburg ist nun einmal eine Logistik-Drehscheibe, hier laufen viele Verkehrswege zusammen, auch die Routen von spaltbarem Material. Das wird auch noch viele Jahre so bleiben - selbst, wenn das letzte Atomkraftwerk in Deutschland abgeschaltet ist. Dass diese Transporte gut gesichert sind, will und muss man den Behörden glauben.
Aber dieses notwendige Vertrauen wird erschüttert, wenn auch nur der leiseste Verdacht aufkommt, dass bei den sensiblen Transporten wie auf der "Atlantic Cartier" etwas vertuscht werden sollte. Es reicht nicht aus, dass Behörden erst Wochen später, unter Druck und dann auch nur scheibchenweise mit der Wahrheit rausrücken. Ein gefundenes Fressen für alle, die Atomkraft seit eh und je grundsätzlich ablehnen. Zu recht. Denn allein das blinde Vertrauen darauf, dass Technik und Behörden schon nicht versagen, kann beim Thema Atomkraft nicht genügen. Und - nur Transparenz kann verlorenes Vertrauen zurückbringen.