Dieses Thema im Programm:
Kommentar
Seit 1991, nach den Intendanten Peter Zadek und Michael Bogdanov ist Karin Beier die Erste, die nicht nur das große Deutsche Schauspielhaus leitet, sondern auch Regie führen wird. Weder Zadek noch Bogdanov waren in dieser Doppelfunktion wirklich glücklich. Bei Karin Beier besteht Anlass zur Hoffnung, dass es ihr gelingen wird. Schließlich kennt sie diese Zweifachbelastung schon aus Köln, wo sie erfolgreich agierte. Und dennoch ist in Hamburg alles anders. Hier ist sie nicht mehr Platzhirsch, der machen kann was er will. Hier gibt es das überaus erfolgreiche Thalia-Theater, hier gibt es die nicht minder renommierte Kampnagel-Fabrik. Die Konkurrenz ist hart, die ästhetischen Herausforderungen werden täglich neu ausgereizt. Spartenübergreifend, wie es jetzt auch Karin Beier plant, wenn auch nicht ganz so konsequent international wie sie es vorhat, zumindest am Thalia-Theater.
Karin Beier hat sich alles so richten können, dass sie eine optimale Ausgangsposition hat. Hat nicht nur das Ensemble ausgetauscht, sondern weitgehend auch das technische Personal. Hat ihre Leute mitgebracht, Menschen mit denen sie schon lange zusammenarbeitet, wie ihren Betriebsdirektor und ihre Chefdramaturgin. Und sie hat finanzielle Bedingungen ausgehandelt, wie sie ihre Vorgänger nur erträumten. Das hat ihr innerhalb des Hauses, aber auch bei der Konkurrenz nicht nur Freunde gemacht. Und hat sie mit Erwartungen konfrontiert, wie sie sonst nur mit echten Heilsbringern verbunden werden.
Aber Heilung täte Deutschlands größter und schönster Sprechbühne tatsächlich gut. Seit acht Jahren ächzt das Haus, hat sich von der tragischen Intendanz eines Friedrich Schirmer nicht erholen können. Der Kampfgeist innerhalb des Interim-Teams verdient Respekt. Aber mit dem, was eine hochsubventionierte Bühne leisten sollte, einem Theater das einst überregional wahrgenommen wurde, hatte das nichts zu tun. Immer öfter saß man in der Vergangenheit unberührt in dem so prächtigen Zuschauersaal und dachte an das verdammt gute Buch auf dem Nachttisch, das man viel besser hätte lesen sollen anstatt die Abende hier zu verbringen. Karin Beiers neuer Spielplan, der Anspruch der Regisseure, die sie mitbringt, die Mischung aus alten und neuen Formen, verspricht Linderung.
Im besten Fall einen Aufschwung, der das Deutsche Schauspielhaus wieder in die erste Liga führt, vielleicht auch an die Spitze. Dazu braucht die so entschlossen wirkende neue Intendantin nicht nur Glück. Sondern auch den Mut der Hamburger Zuschauer sich auf Unbekanntes einzulassen. Und die Bereitschaft einen langen Atem zu entwickeln. Der ehemalige Intendant Frank Baumbauer behauptet, eine Intendanz entscheide sich in der ersten Premiere. Dass dem nicht so ist, hat man auch in Hamburg schon erlebt. Aber gut täte es schon, wenn am 15. November die Eröffnungspremiere mit gleich fünf Klassikern gelingt: Dem Theater, dem Publikum und damit der Stadt.