Höhepunkte des Kirchentags in Hamburg
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Sie kommen aus Wedel, Reinbek und Castrop-Rauxel, sind zwischen 15 und 69, überwiegend weiblich - und haben allesamt ein Idol: Margot Käßmann, gefallenes und wieder aufgestandenes Christenkind, Geschiedene und Großmutter, Theologin und Luther-Botschafterin. Vor 7.000 glühenden Verehrern hat die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) auf dem Kirchentag in Hamburg ein Referat über Gerechtigkeit gehalten - und ihre Zuhörer fast ausnahmslos in Verzückung versetzt: "Ich wollte sie unbedingt einmal live erleben", sagt die 15-jährige Merrit aus Reinbek, während die 69-jährige Brunhild beseelt hinzufügt: "Die Frau ist einfach grandios. Sie hat Vorbildcharakter für jeden!" Vor allem aber natürlich für die Kirchentagsbesucher - kein Wunder, dass die Messehalle B5 schon eine Stunde vor Beginn des Käßmann-Auftritts bis auf den letzten Platz besetzt war.
In ihrer Rede appellierte Käßmann unter anderem an die Besucher, sich auch in unangenehmen Fragen Gott anzuvertrauen: "Gott weiß alles über mich, aber er petzt nicht." Wahrscheinlich hat sie ihm auch sofort von ihrer verhängnisvollen Autofahrt im Februar 2010 erzählt. Unter Alkoholeinfluss hatte sich die damalige EKD-Ratsvorsitzende hinters Steuer geklemmt - und nach Bekanntwerden ihrer Alkoholfahrt alle kirchlichen Ämter aufgegeben. Mehr als drei Jahre ist das jetzt her - noch immer berufen sich ihre Fans auf eben diesen Umgang mit den eigenen Fehlern, dem ihrer Ansicht nach wie vor viel Respekt zu zollen ist.
Und weil Frau Käßmann damals so ehrlich war, glauben ihr die 7.000, wenn sie heute beispielsweise fordert, dass Christen "Nervensägen" für Recht und Gerechtigkeit, Menschenwürde, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sein müssen. Solche Aussagen treffen den Nerv des Kirchentags: "Ich kann ihr glauben. Das, was sie sagt, ist authentisch", meint zum Beispiel die 58-jährige Reinhild Hamelmann aus Castrop-Rauxel, die Käßmann übrigens außerdem bewundert, "weil sie zu dem gestanden hat, was sie getan hat." Und dann folgt der Satz, den man im Zusammenhang mit Margot Käßmann schon mehrfach gehört hat: "Da können sich viele Politiker ein Beispiel nehmen."