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Wie viel Religion brauchen wir?

von Daniel Sprenger, NDR.de

Der niedersächsische Landesbischof Ralf Meister sitzt neben Michael Schmidt-Salomon auf einem Podium beim Humanistentag in Hamburg. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger Detailansicht des Bildes Landesbischof diskutiert mit Religionskritiker: Ralf Meister (l.) und Michael Schmidt-Salomon am Freitagabend auf dem Humanistentag. Die Besucher tragen - zumindest in der großen Mehrheit - keine blauen Schals mit der Kirchentagslosung "Soviel du brauchst", begeisterte Jugendgruppen sind Fehlanzeige, das Publikum ist eher im gesetzten Alter. Dafür gibt es auf dem Deutschen Humanistentag in den Fliegenden Bauten auf St. Pauli richtige Stühle anstelle von Papphockern. Und es werden Bier und Wein ausgeschenkt. Munter bestellen viele der etwa 250 Besucher am Freitagabend nach, wenn sie Durst haben. Beim Kirchentag könnten sie das nicht, dort gibt es an den Veranstaltungsorten keinen Alkohol.

Religionskritiker trifft auf Landesbischof

So viel zu den äußeren Unterschieden zwischen den parallel stattfindenden Treffen der Gläubigen und derer, die "an kein höheres Wesen glauben und keine heiligen Schriften haben", wie Humanist und Mitorganisator Thomas Brandenburg sagt. Die inhaltlichen Unterschiede werden deutlich während eines Streitgesprächs zwischen Michael Schmidt-Salomon, Religionskritiker und Bestsellerautor ("Keine Macht den Doofen"), und Ralf Meister, dem evangelischen Landesbischof von Hannover. Unter dem Titel "Ist Religion in der Gesellschaft wichtig?" streiten die beiden über die Rolle des christlichen Glaubens in Deutschland und machen sich auf einen Parforce-Ritt durch Themenfelder wie Kita-Betreuung, christliche Arbeitgeber und die Legitimität von Kirchensteuer und konfessionsgebundenem Religionsunterricht.

"Weltanschauliche Manipulation in Kitas"

"Das Potenzial, Hoffnung zu haben, obwohl nichts darauf hinweist, das ist ein wichtiger Beitrag, den diese Religion der Gesellschaft bringen kann", ist sich Meister sicher. Schmidt-Salomon entgegnet: "Das religionsloseste Deutschland, das wir je hatten, ist zugleich das freieste und offenste." Das Zusammenleben funktioniere gut ohne Religion. Und da, wo sie noch von Bedeutung sei, wirke sie störend, zum Beispiel bei der Kindererziehung: "Wer Kitas missbraucht, um Kinder weltanschaulich zu manipulieren, sollte nicht vom Staat gefördert werden."

Hart geht Schmidt-Salomon mit den christlichen Arbeitgebern wie Caritas und Diakonie ins Gericht. Dort sei die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit mit staatlicher Unterstützung nicht gegeben, wenn das Personal nach Konfessionszugehörigkeit ausgesucht werde. Implizit stehe in Stellenanzeigen für den karitativen Bereich: "Juden und Muslime unerwünscht." Meister entgegnet, auch in anderen Unternehmen gebe es Loyalitätsverpflichtungen. Zudem werde zumindest in evangelischen Krankenhäusern in seinem Sprengel kein besonderer Wert auf die Glaubenseinstellung der Mitarbeiter gelegt, die nicht im Verkündigungsbereich arbeiteten.

Meister kritisiert zwanghaft religionslose Gesellschaften

Michael Schmidt Salomon spricht auf dem Humanistentag in Hamburg. © NDR Fotograf: Daniel Sprenger Detailansicht des Bildes Michael Schmidt-Salomon kritisierte die staatliche Erhebung der Kirchensteuer. Ein weiterer Streitpunkt: die Kirchensteuer. "Der staatliche Einzug ist einzigartig", kritisiert Schmidt-Salomon. "Der Eintritt in die Steuergemeinschaft erfolgt durch das Wassergießen über den Kopf eines Kindes." Auch hier sei die Gleichheit aller Religionen nicht gewährt. Meister hält die Steuer für legitim, anderes müssten die Gerichte klären: "Außerdem können Sie jederzeit austreten. Bei welcher anderen Steuer können Sie das schon?"

Erregt wird die Diskussion, als Meister Gesellschaften ohne Religion anspricht. In der Sowjetunion, in China unter Mao und unter den Roten Khmer in Kambodscha seien die Menschen zwangsweise säkularisiert und wegen ihres Glaubens verfolgt worden: "Diese Staaten sind grandios gescheitert." Buhrufe von der Masse der Humanisten, einige frenetische Kirchentagsbesucher, die ihrem Bischof hierhin gefolgt sind, applaudieren begeistert. Schmidt-Salomon entgegnet, in diesen Staaten sei der Atheismus selbst zur Religion geworden, inklusive Inquisitoren, die Andersdenkende beseitigt haben: "Das muss verhindert werden."

Von Reformern und Outlaws

Ob denn nicht auch der Humanismus selbst auch eine Religion sei, wird gefragt. "Nur, wenn eine Glatze auch eine Frisur ist", reagiert Schmidt-Salomon schnell. Beide Diskutanten stellen im Laufe des Abends fest, dass sie nicht in allen Punkten so furchtbar fern voneinander liegen: Konfessionslosen Religionsunterricht zum Beispiel finden beide gut. Dieser müsse religiöser Vielfalt Rechnung tragen, fordert Meister. Schmidt-Salomon kann da nur zustimmend nicken. Als der Bischof ihm dann noch ein Glas Wasser nachschenkt, lächelt der Religionskritiker: "Danke für die christliche Nächstenliebe!"

Überhaupt ist der Schlagabtausch der beiden Herren von einer hohen Rhetorik-Kunst geprägt. An vielen Stellen müssen die Zuhörer unwillkürlich lachen, wenn die Argumente sich fast überschlagen und beide bemüht sind, noch eine gewitzte Pointe draufzusetzen: "Reformer wie Sie leben ja von Outlaws wie mir, um voran zu kommen. Ich durfte schon mehrmals in Bischofshäusern übernachten, weil ich das sagen darf, was die Bischöfe gerne umsetzen würden", kokettiert Schmidt-Salomon. "Sowas nennt man einen Propheten", kontert Meister.

Nahezu versöhnlich endet die Diskussion: "Es wäre doch einfältig zu glauben, es gebe neben dem Christentum keine Ethik", stellt Meister unter dem Applaus der Zuhörer fest. Alle klatschen dabei - auch die wenigen Kirchentagsbesucher, die ihren liberalen Bischof unterstützen. Im Gegenzug weist Schmidt-Salomon auf eine Gemeinsamkeit zum Christentum hin, das laut Meister zur Weltverbesserung dient: "Wer nicht glaubt, die Welt verbessern zu können, der ist kein Humanist, sondern Zyniker!"

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