Stand: 21.11.2012 19:34 Uhr
Zu Besuch bei "Robinson" im Hamburger Hafen
von Daniel Sprenger
Am Holthusenkai wohnt Ralf Vaust seit 1977. Andere Hausnummern als die 1 gibt es hier nicht. Und auch keine Nachbarn.
Rechts der hohe Gitterzaun, der den Hamburger Freihafen als Zollgrenze abtrennt, links die großen Hallen des Übersee-Zentrums und dazwischen eine sechsspurige Straße, auf der sich Lkw an Lkw reiht und neben der die Eisenbahntrasse verläuft: Ralf Vausts Nachhauseweg führt ihn vom Einkaufen im Stadtteil Veddel mitten durch dieses laute und wenig einladend wirkende Hafen- und Industriegebiet auf dem Kleinen Grasbrook.
Pförtner vor der Hauseinfahrt
Erst kurz vor den Freihafen-Elbbrücken biegt der 77-Jährige ab - in die wohl ungewöhnlichste Wohnstraße der Hansestadt. Am Holthusenkai heißt sie, eingeklemmt zwischen Flutschutzmauer und Lagerhallen: "Da gibt's nur eine Hausnummer, das ist die 1 und in der wohne ich."
Der zweistöckige rote Backsteinbau ist das einzige Wohngebäude weit und breit. Es liegt bereits auf dem Gelände des Logistikriesen HHLA. Um auf den Parkplatz vor seiner Wohnung fahren zu können, muss der Rentner die gesicherte Pforte des Übersee-Zentrums passieren. "Der Pförtner kennt mich", sagt Vaust und fährt freundlich grüßend durch die geöffnete Schranke.
"Robinson" wohnt auf dem Kleinen Grasbrook
- Autor/in: Daniel Sprenger
Ralf Vaust wohnt in einer Straße mit nur einer Hausnummer. Er lebt als letzter Hamburger Hafenbewohner auf dem Kleinen Grasbrook - und hofft, noch lange dort bleiben zu können.
Erlaubtes Wohnen im verbotenen Bereich
Vaust und seine Frau sind die letzten Bewohner mitten im Hamburger Hafen. Das ganze Areal von Altenwerder im Westen bis Veddel im Osten gilt als großes Industriegebiet, in dem Wohnen eigentlich strikt verboten ist. Nach dem Hafenentwicklungsgesetz von 1982 sind nur sogenannte hafenkonforme Nutzungen erlaubt, wie Alexander Schwertner von der Hamburg Port Authority (HPA) erläutert. Davon gebe es nur wenige Ausnahmen: "Alle Wohnnutzungen, die vorher bestanden, sind bestandsgeschützt."
Vaust ist 1977 in seine Wohnung eingezogen, was auch damals nur möglich war, weil er einen Job im Hafen hatte: "Ich habe bei der HHLA als Handwerker gearbeitet, in dem gleichen Haus, wo auch meine Wohnung ist. Ganz unten hab ich in der Werkstatt Gabelstapler repariert, ganz oben war die Wohnung. Mein Meister ist da ausgezogen, da habe ich sie bekommen."
"Robinson" fühlt sich nicht einsam im Hafen
Das Haus wirkt heute von außen zunächst unbewohnt. Eine Zypressenhecke wuchert wild entlang des teilweise eingefallenen Maschendrahtzauns um das Grundstück. Doch neben der blau gestrichenen Eingangstür steht ein mit Heide bepflanzter Blumenkübel. Auch die Aufschrift "VAUST" auf Briefkasten und Klingelschild künden davon, dass hier doch noch jemand wohnt. Und zwar oben rechts - dort steht ebenfalls ein Blumenkasten, und es sind Gardinen vor den Fenstern zu erkennen.
In Vausts Haus gibt es noch eine zweite Wohnung, die allerdings ungenutzt ist, seit vor zwei Jahren die Nachbarin gestorben ist. "Jetzt ist dieses die einzige Wohnung hier im Hafen. 'Robinson' hat man zu mir gesagt", schmunzelt Vaust. Aber so einsam fühle er sich gar nicht: "Es gibt immer was zu sehen, die Schiffe fahren vorbei. Wenn man hinten aus dem Fenster guckt, dann können wir die großen Dampfer wie die 'Queen Mary 2' beobachten." Gern erinnert er sich an das große Feuerwerk bei den Cruise Days 2012 - das habe er aus seinem Fenster hervorragend sehen können.
Der Rest vom historischen Hamburger Hafen
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Das alte Hafenleben ist auf dem Kleinen Grasbrook nur in einem vergleichsweise winzigen Hafenteil noch zu erahnen. Hinter den Schuppen der sogenannten 50er-Strecke befindet sich der historische Teil des Hamburger Hafens. Nicht mehr benötigte Kräne und alte Güterzüge stehen dort in einer Reihe am Rande eines Kais.
Die Überbleibsel aus Zeiten, als es noch keine Container gab, wirken wie an den Rand des modernen Hafenbetriebs gedrängt: Der Lack blättert ab, zwischen den Schienen wuchert Unkraut. Die Maschinen haben ihre eigentliche Bestimmung längst verloren - und eine neue noch nicht wirklich gefunden. Nur einige wenige wurden vom Hafenmuseum saniert.
Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie die Kräne entlang des Kais aufgereiht standen, um die Ladung der vielen kleinen Schiffe zu löschen.
In den Schuppen fand das Stückgut Lagerfläche, bis es weitertransportiert werden konnte.
Heute gibt es nur noch drei alte Schuppenanlagen in Hamburg, alle auf der 50er-Strecke: Die Schuppen 50, 51 und 52. Allerdings ist der 51er-Schuppen nach dem Krieg neu aufgebaut worden, die beiden anderen stammen noch aus der Kaiserzeit. In den Häusern an den Schuppen-Enden wohnten früher die Lagermeister.
Heute befinden sich darin ausschließlich Büros. Unterwegs zwischen den Anlagen trifft man ab und an zwar auf Lkw-Fahrer und Packer, doch im Vergleich zur Hektik, die hier früher herrschte, geht es heutzutage geradezu einsam zu.
Die Flutschutzmauer geht hier nur bis zum Ende der Schuppen 51 und 52, das jeweilige Quergebäude steht im Falle einer Sturmflut also unter Wasser. Das gleiche Schicksal ereilt auch das im Hintergrund zu sehende sogenannte Beamtenwohnhaus.
Seit der Sturmflut 1976, bei der es meterhoch im Wasser stand, gilt das ehemalige Wohnhaus der Hafenbeamten als unbewohnbar. Nur ab und an finden dort Filmdrehs statt. Das Gebäude verfällt derzeit beständig weiter. Dabei gibt es Pläne, es zum Teil des großen Hafenmuseums zu machen.
Schließlich bietet sich vom Vorplatz ein fantastischer Blick auf die Hamburger Skyline, der so auch vielen Hamburgern nicht bekannt ist.
Mit Stückgutfrachtern wie dem heutigen Museumsschiff MS "Bleichen" kamen in früheren Zeiten die Waren nach Hamburg. Vom Frachter wurden die Waren ...
... mithilfe des Krans entweder auf den Kai gehoben und in die Schuppen verfrachtet oder direkt auf die Güterwaggons verladen und dann abtransportiert.
Doch die Hamburger Hafenbahn war nicht nur für den Transport von Gütern zuständig, ...
... sondern setzte auch zur Personenbeförderung Triebwagen ein. Einer davon steht etwas verloren zwischen Wasserkante und Veddeler Damm.
Heute lagern in den alten Schuppen unter anderem Gewürze, ein orientalischer Duft liegt in der Luft, wenn man sich ihnen nähert. Allerdings findet der Transport mittlerweile auch hier mit Containern statt, in die die Packer die Säcke wuchten.
Alt und neu: Die historischen Anlagen stehen gegenüber modernen Anlegern, wo eine Containerbrücke als Zeichen des grundlegenden Wandels beim Hafenumschlag zu erkennen ist.
Der einzige Bewohner auf dem Kleinen Grasbrook, der auch nach all den logistischen Umwälzungen noch da ist und nicht wie die anderen Bewohner der Schuppen den Hafen verlassen hat, ist Ralf Vaust. Am Holthusenkai lebt er mit seiner Frau in diesem Haus oben rechts.
Die einzige Hausnummer in der Straße ist seit 1977 seine. Seit die Nachbarin vor zwei Jahren gestorben ist, gilt Vaust als der "Robinson" im Hafen.
Dabei deutet zunächst nichts darauf hin, dass hier zwischen Bahntrasse, sechsspuriger Straße und Übersee-Zentrum jemand wohnt. Das Wohnhaus am rechten Rand des HHLA-Geländes ist leicht zu übersehen. Die Bahn fuhr laut Vaust früher übrigens Tag und Nacht, heute nur noch wenige Male pro Tag.
Vaust zeigt die Werkstatt, in der er in den 70er-Jahren anfing zu arbeiten. Sie befindet sich im Erdgeschoss seines Wohnhauses. Als sein Meister aus der Wohnung auszog, hat Vaust sie übernommen - und ist seither nicht wieder ausgezogen. Die Werkstatt steht allerdings seit Jahren leer.
Direkt neben dem Haus verläuft die Flutschutzmauer. Vaust nutzt den Weg bis zum Wasser häufig: "Fast jedes Wochenende gehen wir hier spazieren, um acht, halb neun gehen wir los. Dann sind die ersten Angler schon da."
Direkt neben dem Haus verläuft die Flutschutzmauer. Vaust nutzt den Weg bis zum Wasser häufig: "Fast jedes Wochenende gehen wir hier spazieren, um acht, halb neun gehen wir los. Dann sind die ersten Angler schon da."
Hafengefühl ist verloren gegangen
Allerdings mischt sich in seine Erzählungen eine gehörige Portion Wehmut, wenn er von Zeiten berichtet, als er auf dem Kleinen Grasbrook längst nicht alleine lebte: "Früher war fast an jedem Schuppen eine Wohnung, manchmal auch zwei, wo der Schuppenmeister oder der Lademeister wohnten." Zudem hätten Barkassen und Fähren täglich Tausende Arbeiter zur Arbeit in den Schuppen gebracht.
Doch diese Zeiten sind vorbei, seit der Container ab den 70er-Jahren das Stückgut nahezu vollständig verdrängte. Mit der Ankunft der Container gingen die anderen Hafenbewohner. Viele historische Schuppen wurden für neue Container-Terminals abgerissen. Nur die Nummern 50 und 52 sind erhalten geblieben. Die End-Gebäude werden heutzutage aber ausschließlich als Büros genutzt. "Ich finde das eher traurig", sagt Vaust, "das war früher doch alles romantischer. Man vermisst schon dieses Hafengefühl."
Wegziehen aus dem Hafen?
Doch trotz aller Veränderungen auf dem Kleinen Grasbrook: Vaust möchte gerne noch lange hier wohnen bleiben - wenn es das Alter zulässt. Der 77-Jährige befürchtet, dass das Treppensteigen irgendwann zu schwierig wird. "Man muss sich damit abfinden, dass man hier mal weg muss", meint Vaust nachdenklich. Doch dann fügt er noch etwas optimistisch hinzu: "Aber das wollen wir mal nicht hoffen."
Wohnen auf dem Kleinen Grasbrook
Verar......ung?
Ich liebe den Hafen! und bestimmt auch viele andere Hamburger Warum will man dann bereits in den ersten Sekunden des "Filmchen's" den Zuschauer verar....? Holthusenkai: 1. Auto fahren ist dort nicht... [mehr]