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Die Köhlbrandbrücke © fotolia Fotograf: Marco2811
 

Der Hamburger Hafen

Mehr als Container und Warenumschlag - ein Blick hinter die Kulissen. mehr

 

Passion für Pötte: Der Shipspotter-Künstler

von Kristina Festring-Hashem Zadeh, NDR.de

Thomas Kunadt © NDR.de Fotograf: Kristina Festring-Hashem Zadeh Detailansicht des Bildes Der Shipspotter und sein Handwerkszeug: Thomas Kunadt mit seiner Kamera auf dem Blankeneser Ponton "Op'n Bulln". In Hamburg-Blankenese lebt ein Mann, der schon so viele Schiffe fotografiert hat, dass man vier Tage benötigen würde, um jedes Bild nur eine Sekunde lang anzugucken. Klick. Klick. Klick. Etwa 400.000 sind es bereits. Und Thomas Kunadt knipst immer weiter.

Beim heutigen Shooting um sieben Uhr am Anleger "Op'n Bulln" ist ein Containerfrachter der erste Kandidat. Gemächlich schiebt sich die "CMA CGM Mozart" vor das Teleobjektiv des Shipspotters. Rotgolden funkeln die Fenster des gegenüber liegenden Airbus-Gebäudes in der Morgensonne. "Erst das Licht macht ein Bild besonders", kommentiert Kunadt und drückt auf den Auslöser. Klick. Klick. Klick. "Sehen Sie mal, da oben zwischen den Containern steht ein Unfallwagen." Klick.

Es kommt auf die Sekunde an

Von dem Blankeneser Ponton aus hat der Shipspotter die beste Sicht auf alle Schiffe, die in den Hamburger Hafen ein- und auslaufen. Erst nimmt er die "Mozart" vom unteren Teil des Anlegers aus ins Visier. Dann schnappt er sich Kamera und Rucksack und sprintet die Treppe hoch auf eine Empore. Klick. Klick. Klick.

Thomas Kunadt © NDR.de Fotograf: Kristina Festring-Hashem Zadeh Detailansicht des Bildes Im Visier des Shipspotters: Hier nähert sich ein Containerfrachter dem Teleobjektiv von Thomas Kunadt. Auch wenn die Schiffe langsam erscheinen: Manchmal kommt es auf die Sekunde an. Wenn etwa zwei Frachter einander begegnen oder sich ein Schiff besonders schön im Wasser spiegelt. "Das hier ist Sport", erklärt der drahtige 45-Jährige. Seine rot besockten Füße stecken in weichen Lederschuhen, stets auf dem Sprung.

Kunadt fotografiert nicht nur viel, sondern hat auch immenses technisches Wissen über die Objekte, die vor seiner Linse auftauchen. Die "Mozart" zum Beispiel ist "275 Meter lang, Baujahr 2004, fährt unter französischer Flagge und nimmt Kurs auf Südamerika", spult er die Daten aus dem Gedächtnis ab.

"Mein Forschergeist will raus, ins Freie"

Schon schippert ein neuer Kutter ins Bild. "Schau an, ein Tschechenkahn", sagt Kunadt. Klick. Klick. Klick. Das Schiffchen erinnert ihn an seine Herkunft, ein Dorf in Sachsen namens Bretnig.

Thomas Kunadt © NDR.de Fotograf: Kristina Festring-Hashem Zadeh Detailansicht des Bildes Auch hier hat er die Pötte im Blick: Kunadt auf dem Dach seiner Blankeneser Wohnung. Dort, in der damaligen DDR, wird Kunadt schon früh zum Entdecker: In den umliegenden Bergwerken findet er Steine, die von vergangenen Zeiten erzählen. Er sammelt exotische Kakteen. Seine Hobbys helfen ihm, aus der gedanklichen Enge des Regimes zu flüchten. Als Jugendlicher beginnt er, sich für Elektromusik zu interessieren, deren Klänge ihn in andere Sphären tragen.

Die Musik ist es auch, die ihn 1991 nach Hamburg führt. Zunächst studiert Kunadt hier Musikwissenschaften. Doch immer wieder zieht es ihn aus dem Hörsaal an die Elbe. "Mein Forschergeist will raus, ins Freie." Die Elbe ist für Kunadt ein magischer Fluss. Er ist fasziniert vom Spiel des Wassers, der Wolken, den Farben des Himmels - und den vorbeiziehenden Pötten mit fernen Zielen in Übersee. "Eines Tages hat es dann 'Klick' gemacht" - er beginnt Schiffe zu fotografieren und die entstandenen Bilder mit Leidenschaft zu sammeln und zu sortieren.

Dokumente und Kunstwerke

Thomas Kunadt spricht mit sanfter Stimme, dabei aber ebenso schnell wie er knipst. Klick. Klick. Klick. Gut, dass es Digitalkameras gibt. "Früher, mit Film, habe ich höchstens zwei bis vier Aufnahmen pro Schiff gemacht, das hatte eher dokumentarischen Charakter." Heute sind seine Fotos auch Kunstwerke. Kunadt legt Wert auf ungewöhnliche Perspektiven und wohl komponierte Bilder. Seine bedachte Arbeitsweise unterscheide ihn von anderen Shipspottern, "die einfach nur draufhalten".

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Mehrere Fotobände mit beeindruckenden Aufnahmen sind bereits entstanden. Allein der jüngste, "Schiffe - eine Passion", enthält 350 Bilder und wiegt 4,4 Kilogramm. Mittlerweile kann Kunadt von den Erträgen seiner Leidenschaft leben. Früher hielt er sich mit Nebenjobs über Wasser.

Seit 18 Jahren fotografiert er nun schon Schiffe aller Art, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Auch heute ist er schon einmal gegen fünf Uhr an die Elbe gekommen. Die kalte Morgenluft ist besonders geeignet zum Fotografieren. "Da kann man weit sehen." Meist ist er allein unterwegs. "Früher habe ich meinen Sohn mitgeschleppt", erzählt Kunadt. Doch derzeit habe der Elfjährige keine Lust mehr.

Fotos sind in den Monitor eingebrannt

Im Arbeitszimmer seiner Wohnung im Dachgeschoss eines Altbaus betrachtet der Shipspotter die fotografische Ausbeute dieses Morgens. Die Wände des Raums sind weiß und bilderlos. Der Schreibtisch ist leer. Nur an den Füßen zweier Monitore versammeln sich eine verrostete Schraubenmutter, kleine Buddha-Figuren, ein wenig Bernstein, etwas Katzengold. An der Wand steht ein Regal mit Ordnern. Darin enthalten: 80.000 Dias von Schiffen aus einer Zeit, als Kunadt noch auf Film fotografierte und den Lotsendienst abhörte, um zu erfahren, welche Kähne sich auf der Elbe bewegen.

Thomas Kunadt © NDR.de Fotograf: Kristina Festring-Hashem Zadeh Detailansicht des Bildes Kunadt an seinem Computer. Er hat dort schon so viele Fotos gesichtet und bearbeitet, dass sich deren Umrisse in den Bildschirm eingebrannt haben. Jedes fotografierte Schiff trägt der Shipspotter in eine Tabelle ein - "die meines Wissens weltgrößte Datenbank". Derzeit hat er darin rund 595.000 Schiffe mit Angaben zu Herkunft, Baujahr, Volumen und Ähnlichem registriert - und mit dem Datum versehen, an dem sie nach Hamburg gekommen sind.

293 Bilder zeigt der Chip der Digitalkamera an, als Kunadt ihn nach dem Morgen-Shooting in den Computer steckt. Beim Fotografieren schießt er die Bilder rasch hintereinander, instinktiv. "Morgens reagiere ich spontan, danach sortiere ich", fasst er die Arbeit zusammen. Selbst wenn er den Computer ausschaltet, sind auf dem Monitor noch die Umrisse von 20 gleich großen Rechtecken zu sehen. Tausende Schiffsfotos haben sich eingebrannt.

"Den muss ich kriegen"

Über Schiffsmeldedienste im Internet informiert sich Kunadt täglich über den Hamburger Schiffsverkehr. Doch auch diese Seiten haben nicht jeden Frachter aufgelistet, der in den Hafen ein- und ausläuft. Daher zeigen auf einem zweiten Bildschirm zwei Webcams den realen Schiffsverkehr auf der Elbe in Teufelsbrück und Wittenbergen.

Plötzlich sieht der Shipspotter in Teufelsbrück etwas nahen, das seine blauen Augen blitzen lässt: Die "Lone". Der derzeit weltweit leistungsfähige Schwergutfrachter aus der Hamburger Sietas Werft kann 2.000 Tonnen an Bord hieven. "Den muss ich kriegen." Thomas Kunadt schnappt sich den Rucksack mit Kamera. Und schon ist er weg.

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Abendstimmung im Hamburger Hafen, im Hintergrund die Werft Blohm + Voss © picture-alliance / dpa Fotograf: Bodo Marks
 

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Auf einen Blick

Was ist ein Shipspotter?

Shipspotter, zu deutsch: Schiffsbeobachter, sind Menschen, die in ihrer Freizeit nicht nur gern Schiffe gucken, sondern sie auch fotografieren. Ihr Ziel: Bilder möglichst vieler unterschiedlicher Schiffe zu sammeln. Besonders passionierte Shipspotter verbringen ihre Ferien in Hafenstädten anderer Länder, um dort besonders attraktive "Modelle" zu knipsen. Auf Internet-Plattformen tauschen sie Bilder oder Neuigkeiten aus. Foto-Fans von Zügen und Flugzeugen nennt man Train- bzw. Planespotter.

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Das Feederschiff "Herm Kiepe" unter der Köhlbrandbrücke © Hamburg Hafen Marketing Fotograf: HHM
 
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Bananenfrachter, Autotransporter und Container-Riese - so erkennen Sie die Schiffe im Hafen.

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www. schiffsspotter.de

Eine Internet-Plattform für Menschen, die gern Schiffe fotografieren.

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Flugzeugspotter Swen Johannes auf dem Flughafen in Braunschweig. © NDR Fotograf: Franziska Mahn
 
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Mit der Kamera auf Flugzeugpirsch

Liebhaber aus Braunschweig fotografieren Flugzeuge aller Art. mehr