Stand: 22.08.2011 08:42 Uhr
Ein Viertel kommt schwer in die Gänge
von Marc-Oliver Rehrmann, NDR.de
Heiko Donsbach ist in seinem Element. Im Hamburger Gängeviertel zeigt der Architekt auf den Dielenboden in einer früheren Eckkneipe. Auf den ersten Blick sieht es aus, also ob dort ein echter Teppich liegt. Aber dem ist nicht so. "Das Teppich-Muster ist mit einer Art Linoleum-Ersatz auf den Dielenboden aufgetragen", erklärt Donsbach. Bis etwa 1915 sei dieser Bodenschmuck beliebt gewesen, weil echte Teppiche unerschwinglich gewesen seien. "Solch ein Fußboden ist nur noch sehr selten im Ganzen erhalten", sagt der Architekt.
Ein Rundgang durch das Gängeviertel
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Der kleine Rest des Hamburger Gängeviertels aus der Luft gesehen. Aufgenommen wurde das Bild vom früheren Unilever-Hochhaus, das jetzt Emporio heißt. Für das Hochaus wurden in den 1960er-Jahren viele Häuser des Gängeviertels abgerissen.
Die letzten Häuser des Viertels standen 2009 kurz vor dem Abriss. Dann haben Künstler das Quartier in Beschlag genommen.
Die "Fabrik" liegt im Herzen des Gängeviertels. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1903. Einst wurden hier Gürtel und Schnallen hergestellt. Nun haben dort Künstler ihre Ateliers.
In dem Wohnhaus in der Caffamacherreihe hat Restauratorin Angelika Fischer-Menshausen eine ganze Reihe von Wandanstrichen freikratzen können.
Neun Farbschichten sind an der Wand zu sehen. Die Nummer 1 zeigt den ersten Anstrich, der mehr als 150 Jahre alt ist. In dem Haus wohnten anfangs "kleine Leute" wie Handwerksgesellen und Matrosen.
Im Eingang des Hauses ist Stuck zu sehen, der aus der Zeit um 1880 stammt. Der Stuck wurde fabrikmäßig hergestellt und war deshalb nicht ganz so teuer.
"Komm in die Gänge" ist der Name der Initiative, die sich für den Erhalt des Gängeviertels einsetzt. Die Stadt hatte das Gelände an einen niederländischen Investor verkauft, der einige Gebäude abreißen lassen wollte. Infolge von Protesten kaufte die Stadt das Areal zurück.
Hier ist ein Plan des Gängeviertels zu sehen. Die meisten Häuser sind seit Langem denkmalgeschützt. Sie sind ein Zeugnis dafür, wie Arbeiterfamilien um 1900 lebten. Ein Fachwerkhaus am Valentinskamp stammt sogar aus dem Jahr 1650.
Dieser Torbogen führt in die Schierspassage mit ihrer Hinterhof-Atmosphäre.
Auf dieser Wand in dem Torbogen haben Restauratoren eine alte Schrift freigelegt. Die schwarzen Buchstaben sind zum Teil nur noch zu erahnen.
Bei genauem Hinsehen kann man zumindest das Wort "verboten" ausmachen.
Das Gängeviertel ist umringt von modernen Bürobauten. Die Lage in der Hamburger Innenstadt ist sehr begehrt. Zum Jungfernstieg sind es von hier nur fünf Gehminuten.
An vielen Ecken im Gängeviertel haben Künstler schon ihre Spuren hinterlassen.
Hier ist das "Speckhaus" in der Speckstraße zu sehen. Die bunte Fassade ist neu. Die Künstler haben die Wand zunächst mit einer Schutzfolie überzogen, damit sie nicht weiter zerfällt. Dann griffen sie zur Farbe. Das oberste Geschoss des Hauses darf nicht betreten werden, weil das Dach einbrach.
Lange Zeit war die Kneipe an der Caffamacherreihe Treffpunkt für die Bewohner im Gängeviertel. Jetzt haben die Künstler den Raum eingerichtet.
Dieser rund einhundert Jahre alte Fußboden ist in der Eckkneipe zu bewundern. Das Muster erweckt den Eindruck, dass ein echter Teppich ausliegt. Aber es ist nur eine linoleum-artige Schicht auf den Dielen.
In einem Hinterzimmer ist das Café "Salome" eingerichtet. Die Tapete ist im Originalzustand erhalten.
Dieses Bild zeigt die Namensgeberin des Cafés. Das alte Foto der leicht bekeideten Dame "Salomé" ist ein Überbleibsel aus vergangenen Tagen.
Dieses Waschbecken hat schon einige Jahrzehnte überdauert. Typisch für das frühe 20. Jahrhundert ist auch der gemusterte Boden. Der Gängeviertel-Verein wünscht sich, dass bei der Sanierung möglichst viel vom alten Charme der Wohnnungen erhalten bleibt.
Dieses Waschbecken hat schon einige Jahrzehnte überdauert. Typisch für das frühe 20. Jahrhundert ist auch der gemusterte Boden. Der Gängeviertel-Verein wünscht sich, dass bei der Sanierung möglichst viel vom alten Charme der Wohnnungen erhalten bleibt.
Wo bleibt das Happy End?
Vor genau zwei Jahren, am 22. August 2009, besetzten 200 engagierte Hamburger das Gängeviertel, um die historischen Gebäude vor dem Abriss durch einen niederländischen Investor zu bewahren. Auch Donsbach war damals dabei. Er mag das Wort "Besetzung" in diesem Zusammenhang nicht, er spricht lieber von "kultureller Inbesitznahme". Wer heute durchs Gängeviertel schlendert, denkt unweigerlich: Hier hat sich nicht viel getan. Die Künstler haben vieles notdürftig repariert, aber die Sanierung lässt weiter auf sich warten. Angesichts der Proteste und bundesweiter Schlagzeilen hatte die Stadt Hamburg das Gelände bereits im Dezember 2009 von dem Investor zurückgekauft. Das Areal mit all den denkmalgeschützten Gebäuden ist also wieder in den Händen der Stadt. Aber was kommt nun?
Die Verhandlungen mit der Stadt laufen zäh, wie es im Gängeviertel heißt. Viele beklagen, dass die Stadt zu sehr auf eingetretenen Pfaden wandele. Es gebe keinen Mut, in dem kleinen Häuser-Ensemble etwas Neuartiges auszuprobieren, ist zu hören. Oder: Die Stadt habe eine "absurde Angst" vor einer Radikalisierung der Bewohner und einer zweiten Roten Flora.
Ein unterschriftsreifer Vertrag
Auf Seiten der Stadt zeigt man sich optimistisch, dass es bald vorangeht. "Anfang September wird der Senat das Gängeviertel als Sanierungsgebiet ausweisen" sagt Frank Krippner, Sprecher der Stadtentwicklungsbehörde auf Anfrage von NDR.de. Mit diesem Schritt könne Hamburg beim Bund und auf EU-Ebene Fördergelder beantragen. Rund 20 Millionen Euro soll die Sanierung des Gängeviertels kosten. Zu den schleppenden Verhandlungen zwischen Stadt und Gängeviertel-Initiative sagt Krippner: "Wir sind den Gängeviertel-Unterstützern weit entgegengekommen." Eine Einigung sei in Sicht. "Es liegt schon ein unterschriftsreifer Vertrag vor", sagt Krippner.
Wer soll das Sagen haben?
Das Gelände soll im Eigentum der Stadt bleiben. So viel ist klar. Strittig ist noch, wer künftig das Sagen hat. Die Künstler pochen auf eine Selbstverwaltung in Form einer Genossenschaft. Ziel sei, ein spezielles Quartier für Kunst und Kultur zu schaffen, das allen Hamburgern offen steht. Seit einem halben Jahr ist es möglich, Genossenschaftsanteile zu erwerben - für 500 Euro pro Anteil. Weit mehr als 200 sind nach Angaben der Gängeviertel-Initiative schon verkauft.
Die Stadt will den Künstlern die Selbstverwaltung nicht verweigern. "Aber wir sind uns noch nicht einig, ab wann die Selbstverwaltung greifen soll", meint Krippner aus der Stadtentwicklungsbehörde. Die Stadt wolle erst abwarten, bis die ersten Mieter die Wohnungen bezogen haben. Der Gängeviertel-Initiative ist dies zu spät. "Wir brauchen Sicherheit", sagt Christine Ebeling, Sprecherin der Initiative. "Wir können nicht acht oder neun Jahre lang warten, bis die Sanierung beendet ist." Wenn die ersten Mieter nicht der Gängeviertel-Genossenschaft angehörten, sei die ganze Idee der Genossenschaft hinfällig. "Die Genossenschaft ist für uns der zentrale Punkt", betont Ebeling im Gespräch mit NDR.de.