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Während sich die Parteien noch über die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze um wenige Euro streiten, haben die Praktiker ganz andere Probleme. Knapp zwei Milliarden Euro hat der Bund über die Agentur für Arbeit in den vergangenen Jahren für sogenannte Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwand - also Ein-Euro-Jobs - ausgegeben. Doch der Erfolg lässt zu wünschen übrig.
In der Kreativwerkstatt des Hamburger Medienpools werden von den Ein-Euro-Jobbern auch Stühle neu bezogen.
Annett Bui malt seit etwa drei Monaten Aquarelle. Viele Aquarelle. Von Montag bis Freitag von 9.00 bis 15.00 Uhr in der Kreativwerkstatt des Hamburger Medienpools, einem privaten Anbieter dieser Arbeitsgelegenheiten. Manchmal bastelt sie auch Briefumschläge aus alten Kalenderblättern. Warum, das weiß die 41-Jährige selbst nicht so genau. Aber sie weiß: Würde sie den Ein-Euro-Job ablehnen, könnte ihr Arbeitslosengeld schrittweise gekürzt werden. "Ich bin kulturell interessiert, habe eine Weiterbildung als Mediengestalterin gemacht. So habe ich mich darum gekümmert, dass ich hier die Zuweisung bekomme. Jetzt male ich eben Aquarelle bis zum Umfallen", sagt Bui.
Ein-Euro-Jobs wie der von Annett Bui sollen eigentlich das letzte Mittel sein, wenn der Hartz-IV-Empfänger keine Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt hat. So beschreibt es jedenfalls die Bundesagentur für Arbeit. Bei der gelernten Buchbinderin ist das aber nicht der Fall: Sie hat zwei angemeldete Nebenjobs - früh morgens geht sie Putzen, an manchen Wochenenden Zeitungen austragen.
Und trotzdem wurde ihr, die seit knapp fünf Jahren Hartz-IV-Gelder bekommt, nun schon die vierte Arbeitsgelegenheit vermittelt. So hat sie zum Beispiel auch schon einmal zehn Monate im Völkerkunde-Museum geholfen, um dort Ausstellungen aufzubauen. "Ich habe gedacht, ich könnte, wenn ich nebenbei Weiterbildungen besuche, durch die Qualifizierung, durch den Nachweis doch irgendwo reinkommen."
Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung werden die Ein-Euro-Jobs viel zu oft an die Falschen vergeben. Gut 50 Prozent von ihnen könnten auch sofort eine reguläre Stelle besetzen. Auch der Bundesrechnungshof kritisiert: Mehr als die Hälfte dieser Arbeitsgelegenheiten, die meist von privaten Trägern angeboten werden, erfüllten die Voraussetzungen für eine staatliche Förderung gar nicht.
Aus Sicht von Svenja Gugat vom Jobcenter in Hamburg ist das Hauptproblem, dass die Arbeitslosen so unterschiedlich qualifiziert sind. Einige fühlten sich in diesen Maßnahmen unterfordert. Manche meinten aber auch nur, sie seien unterfordert: "Da wird das Bewerbungsschreiben geübt, da setzt man sich an den PC, eignet sich aktuelle Computerkenntnisse an. Das passiert ganz oft in Eigenregie." Man müsse Leute an die Hand nehmen, die den Arbeitsprozess nicht mehr gewöhnt sind, so Gugat weiter.
Die Kreativwerkstatt des Hamburger Medienpools.
Einigen müsse man erst mal wieder eine tägliche Lebensstruktur vermitteln, sagt Dirk Neugebauer, Sozialpädagoge und Projektleiter in der Kreativwerkstatt. Knapp 30 Teilnehmer arbeiten dort, und richten zum Beispiel alte Stühle und Tische her. Manche sind seit zehn, 15 Jahren arbeitslos, waren früher Schlachter oder Möbelpacker. Für viele seien ganz banale Erfahrungen schon ein großer Gewinn: "Wir wollen die Dinge schön machen. Und diese Beschäftigung mit der Schönheit hat eine unglaublich starke Wirkung auf die Menschen. Das heißt, wenn die zum Vorstellungsgespräch gehen, ist da nicht mehr diese Grundhaltung: das wird sowieso nichts. Wir erleben das einfach ganz häufig, dass die Leute positiver in die Dinge hineingehen", sagt Neugebauer.
Das ist teuer erkauft, denn die Bundesregierung bereits zwei Milliarden Euro für die Arbeitsgelegenheiten ausgegeben. Nun aber will sie etwas sparen: In diesem Jahr werden nur noch 220.000 statt 280.000 dieser Jobs verteilt. Annett Bui weiß, dass sie sie nicht unbedingt nötig hätte. Aber auch, was sie ihr bisher gebracht haben: "Man hat wieder eine Aufgabe. Man wird gebraucht. Man hilft sich untereinander. Man fragt sich schon ab und zu, was soll das alles. Ob das dann verschenkte Zeit ist."
Eine fünfte Arbeitsgelegenheit, so hofft sie, soll es für sie nicht geben. Sondern mehr als das.