Stand: 23.02.2012 19:06 Uhr
Schweigen für die Opfer rechter Gewalt
Die Züge in Hamburg standen für eine Minute still.
In ganz Deutschland haben am Donnerstag um 12 Uhr Menschen der Opfer der Neonazi-Zelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) gedacht. Die zentrale Gedenkfeier fand in Berlin statt. Auch in Norddeutschland beteiligten sich viele Menschen an der Schweigeminute. Zu dem Gedenken hatten Gewerkschaften und Arbeitgeber gemeinsam aufgerufen. Es sei an der Zeit, bundesweit ein Signal gegen menschenverachtende, rechtsextreme Gewalt zu setzen, hieß es in dem Appell. In zahlreichen Betrieben im ganzen Norden ruhte die Arbeit für eine Minute. Vielerorts läuteten die Kirchenglocken.
Busse und Züge stehen still
In Hamburg beteiligten sich neben Politikern und zahlreichen Unternehmen auch Schulen an dem Gedenken. "Dass in Deutschland wieder Menschen umgebracht werden, weil sie einer bestimmten Nationalität angehören oder auch einer bestimmten Religion - das hätte man nicht für möglich gehalten. Es macht tief betroffen", sagte Hamburgs Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD). U- und S-Bahn-Züge blieben am Mittag für eine Minute in den Bahnhöfen stehen.
In Niedersachsen hielten viele Menschen inne, um der Opfer rechter Gewalt zu gedenken. In Hannover, Celle, Osnabrück, Göttingen und Lüneburg stoppten Bus- und Bahnfahrer um 12 Uhr kurzzeitig ihre Fahrzeuge. Im Landtag wurde die Debatte für eine Schweigeminute unterbrochen. Mit gesenkten Köpfen verharrten die Parlamentarier aller Fraktionen.
Auch die Abgeordneten des Schleswig-Holsteinischen Landtags schwiegen für eine Minute. "Die Opfer gehörten zu uns, sie gehörten zu Deutschland", sagte Landtagspräsident Torsten Geerdts (CDU) in Kiel. Andernorts stand das öffentliche Leben im nördlichsten Bundesland ebenfalls kurz still. In Kiel hielt ein Großteil der 140 Busse der Kieler Verkehrsgesellschaft an.
In Mecklenburg-Vorpommern beteiligten sich ebenfalls viele Menschen an dem Gedenkakt. In Rostock und Schwerin stand der öffentliche Nahverkehr still. In Stadtverwaltungen, den Werften in Rostock, Wismar, Stralsund und Wolgast, im Landtag Mecklenburg-Vorpommerns und vielen Betrieben setzten die Menschen ein Signal gegen Fremdenfeindlichkeit.
Opfer in Rostock und Hamburg
Auf dieser Grünfläche in Rostock stand bis 2004 ein Dönerimbiss. Hier wurde Yunus Turgut ermordet.
Anlass für den Gedenktag waren die im vergangenen Jahr aufgedeckten zehn Morde, die der Zwickauer Terrorzelle NSU angelastet werden. Auch an die Verletzten der beiden Kölner Sprengstoffanschläge und alle Opfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland wurde erinnert.
Zu den Opfern der rechten Terroristen gehören auch zwei Männer aus Norddeutschland: Der Gemüsehändler Suleyman Taşköprü wurde am 27. Juni 2001 in Hamburg-Bahrenfeld im Laden seines Vaters erschossen. Der 31-Jährige stammte aus dem türkischen Ort Afyonkarahisar und hatte eine dreijährige Tochter.
Yunus Turgut wurde am 25. Februar 2004 an einem Döner-Imbiss im Rostocker Ortsteil Toitenwinkel mit drei Kopfschüssen ermordet. Der 25-jährige Türke war zu Besuch bei einem Freund, an dessen Stelle hatte er den Imbiss am Vormittag geöffnet.
Merkel entschuldigt sich bei Angehörigen
In ihrer Rede bei der zentralen Gedenkfeier in Berlin bat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Angehörigen der NSU-Opfer für falsche Verdächtigungen von Ermittlern um Verzeihung. Es sei besonders beklemmend, dass Familienmitglieder zu Unrecht unter Verdacht gestanden hätten. "Wir fühlen mit Ihnen. Wir trauern mit Ihnen", sagte Merkel. Sie sprach als Hauptrednerin anstelle des zurückgetretenen Bundespräsidenten Christian Wulff.
Der Gedenkakt geht auf eine Initiative Wulffs nach einem Treffen im November 2011 mit Angehörigen der Mordopfer sowie Verletzten der Anschlagserie zurück.
Weitere Informationen
Bei der zentralen Gedenkveranstaltung für die Opfer der rechtsextremen Terrorserie hat sich Kanzlerin Merkel bei den Angehörigen für falsche Verdächtigungen entschuldigt. Mehr bei tagesschau.de.
Link in neuem Fenster öffnen