Belastete Kleesamen gingen nach Bienenbüttel
Ägyptische Bockshornkleesamen gelten als Auslöser der EHEC-Epidemie. Sie gingen auch an den Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel. Nach dem Verzehr von Sprossen waren viele Menschen erkrankt. mehr
Die EHEC-Epidemie scheint abzuklingen. Aber die Gefahr ist offensichtlich noch nicht vorüber: Obwohl in den vergangenen Wochen wohl niemand mehr Sprossen gegessen hat, melden die norddeutschen Gesundheitsbehörden weiterhin neue EHEC-Patienten - wenn auch sehr wenige. Mittlerweile ist der Keim in der Umwelt und verbreitet sich offenbar, wie etwa der Fund des Erregers in einem Bach bei Frankfurt zeigt. Wie könnte sich die Epidemie weiter entwickeln?
Von Kersten Mügge, NDR Info
Biologe Thyen: "Müssen damit rechnen, dass der draußen etwas länger überlebt."
Etwa ein Meter mal ein Meter ist die Metallklappe im Lübecker Zentralklärwerk groß, die Abteilungsleiter Enno Thyen anhebt. Der Fäkalgeruch wird stärker. Unter der Klappe zieht das Abwasser von 225.000 Menschen vorbei, am Zulauf der Kläranlage. "Das ist eine üble Brühe", sagt Thyen. Ein Rechen entfernt zunächst die groben Verunreinigungen. Wenn hier EHEC-Keime vorhanden sind, ziehen sie zunächst zu den nächsten Filterstufen. Dort sinkt die Keimbelastung um den Faktor 1.000, vor allem weil Schwebeteilchen aus dem Wasser entfernt werden. So sind am Ende zwar weniger Bakterien im Wasser, aber Keime verschwinden nicht vollständig. Bei normalen Coli-Bakterien ist das laut Thyen kein großes Problem, weil das Sonnenlicht und niedrige Temperaturen dafür sorgen, dass sich die Konzentration weiter verringert. "Aber dieser EHEC-Keim ist ein bisschen widerstandsfähiger. Also wir müssen damit rechnen, dass der draußen etwas länger überlebt", sagt der Biologe.
Filter in Klärbecken können Keime nicht komplett entfernen.
Der Keim gelangt also in die Flüsse. Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD) rät daher jetzt Bauern, die ihre Felder mit Flusswasser beregnen, das Wasser untersuchen zu lassen. In Niedersachsen verlangt das Umweltministerium inzwischen Untersuchungen, wenn Beregnungsanlagen direkt aus Klärwerken gespeist werden. In Umlauf gehalten wird der Keim etwa durch genesene EHEC-Patienten. Sie scheiden den Keim auch weiter aus, erklärt der Leiter des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Werner Solbach. Das höre zwar nach einer gewissen Zeit auf, aber bis dahin kann der Keim durch Schmierinfektionen weiter verbreitet werden. Selbst Menschen, die nie an EHEC erkrankt waren, können den Keim weiter verbreiten. "Symptomlose Dauerausscheider", nennt sie der Mikrobiologe. Auch sie verbreiten den Keim weiter, "ohne dass sie etwas davon wissen".
Daher rechnet Solbach in den kommenden Tagen und Wochen mit einer zweiten EHEC-Welle. "Statistisch ist es so, dass man davon ausgeht, dass jeder Zehnte sich infizieren kann. Aber wie viele erkranken, kann man im Moment noch nicht sagen." In ein bis zwei Wochen könnten aber aktuelle Studien weitere Erkenntnisse liefern. Das beste Mittel gegen eine zweite EHEC-Welle sei es, weiterhin die Hygieneregeln einzuhalten - also sich häufig die Hände zu waschen, sagt der Mediziner.