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Hand greift nach PC-Maus © picture-alliance/ dpa Fotograf: Kitty Kleist-Heinrich
 

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Unterwandern Neonazis die Rockerszene in MV?

von Andrea Röpke

Philip Schlaffer. © Otto Belina Detailansicht des Bildes Philip Schlaffer (M.) ist Anführer des Motorradclubs "Schwarze Schar". Die Rocker des Motorradclubs "Schwarze Schar" beanspruchen Wismar als ihr Territorium. Einer von ihnen spricht es im Interview mit dem Internetportal "Vice" offen aus: "Wir beanspruchen das schon für uns." Konkurrenz anderer Outlaw-Motorradgangs wird nicht geduldet. Seit vier Jahren tragen die muskelbepackten Mitglieder der "Schwarzen Schar" ihre Kutten und treffen sich im Clubhaus in Gägelow.

Anführer der "Schwarzen Schar" kommt aus Neonazi-Szene

Schon vorher hatte die Truppe um "Schwarze Schar"-Präsident Philip Schlaffer Gebietsansprüche in der Hansestadt gestellt. Da waren sie noch vor allem Neonazis und gingen mit Baseballschlägern auf Antifa-"Zecken" los. Ein Video sorgte 2006 für Aufsehen: Es zeigt heutige "Schar"-Mitglieder, wie sie aus einem Szene-Shop heraus mit Holzkeulen auf eine antifaschistische Demonstration zustürmen. Mühsam halten Polizisten mit Pistolen im Anschlag die Glatzköpfe in Schach.

Schlaffers Kameradschaft nannte sich "Werwolf" und betrieb neben Tattoo- und Szeneläden auch eine Neonazi-WG, die "Wolfshöhle II". Aus deren Fenstern heraus wurde 2007 mit Stahlkugeln aus Zwillen auf Menschen geschossen. Heute fährt der von der Polizei als Intensivtäter bezeichnete Schlaffer Luxuswagen sowie Harley Davidson und betreibt nach NDR Informationen diverse Prostitutionswohnungen - ein Geschäftsfeld, das typisch für kriminelle Rockergruppen ist. Seine "Schwarze Schar" gehört zu den 27 Gruppierungen, die die Ermittler 2011 in Mecklenburg-Vorpommern als gewaltbereit einstuften.

Auch der Vizepräsident des MC "Schwarze Schar", Sebastian Kairies, gehörte zur Neonazi-Kameradschaft "Werwolf" in Wismar. Der Tattoostudio-Betreiber war in der Vergangenheit mehrfach im Visier der Justiz - unter anderem wegen Verbreitung von Kennzeichen oder Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen. Auf schriftliche Nachfragen an Schlaffer und Kairies erhält der NDR die Antwort: "Der 'Schwarze Schar MC Wismar' ist und bleibt unpolitisch".

Bruderschaft als Lebensinhalt

Sebastian Kairies (l.) und Philip Schlaffer (r.). © Otto Belina Detailansicht des Bildes Sebastian Kairies (l.) ist Vice-Präsident des MC "Schwarze Schar" und gehörte vor ein paar Jahren einer Neonazi-Gruppe an. Wie andere Outlaw-Rocker inszenieren die Mitglieder der "Schwarzen Schar" den Mythos der Easy Rider, die in einer Parallelwelt nach eigenen Gesetzen leben. Die "Bruderschaft" ist der Lebensinhalt, wichtiger gar als die eigene Familie. Das Dutzend "Schar"-Anhänger sei bereit, alles füreinander zu tun, zur Not auch mit Gewalt, erklärte einer von ihnen in dem "Vice"-Interview.

Schon der Name erweckt Assoziationen zur Nazi-Ideologie. Ihr Ehrenkodex lautet "Schwarze Schar für immer", und auch der Rang eines "Scharführers" erinnert an NS-Zeiten. Der Leiter der Polizeiinspektion Wismar, Michael Peters, nimmt den Motorradclub primär als eine Rockergang wahr, die aus dem rechtsextremen Bereich kommt. Seiner Meinung nach versuchen die Biker, "nicht großartig ideologisch zu wirken. Sie wollen nicht mit rechtsextremistischer Gesinnung präsent sein".

"Schwarze Schar" und braune "Hells Angels"

Schriftzug "Hells Angels" auf einerJacken © dpa - Bildarchiv Fotograf: Franz-Peter Tschauner Detailansicht des Bildes Unter anderem zu den "Hells Angels" unterhalten Mitglieder der "Schwarzen Schar" Kontakte. Die "Schwarze Schar" unterhält Kontakte zu international vernetzten Outlaws. Angeblich, so die "Schwarze Schar" gegenüber dem NDR, würden diese Freundschaften "nicht auf politischer Meinung basieren, sondern ergeben sich aus persönlichen Sympathien". Auffallend sympathisch sind den Mitgliedern der "Schwarzen Schar" offenbar auch Mitglieder der "Hells Angels" aus Rostock, die sich immer wieder im Clubhaus in Gägelow sehen lassen. Im Internet werben die "Höllenrocker" auf T-Shirts für die Nazis: "Rostock 81 - 18 Support". Die 81 steht für den achten und den ersten Buchstaben des Alphabets (HA - Hells Angels) - die 18 für den ersten und den achten Buchstaben (AH - Adolf Hitler). Daneben prangt eine Knarre. Der Sprecher der "Hells Angels" Deutschland, Rudolf Triller, sagte dem NDR auf Nachfrage zu dem gängigen Code: "Es könnte höchstens irgendwie mit der Postleitzahl von Rostock zu tun haben, alle anderen Interpretationen sind Schwachsinn." Die Rostocker Postleitzahlen beginnen mit 18 - also alles ganz harmlos?

Einer der Drahtzieher der Neonazi-Szene, Mirko Appelt, ist inzwischen Anwärter beim "Charter" in Rostock. Er führte jahrelang den Ordnerdienst namens Selbstschutz Sachsen-Anhalt (SS-SA) an und hält offensichtlich weiterhin Kontakt zu ehemaligen Kameradenkreisen. Gegenüber dem NDR will sich Appelt nicht äußern, er verweist auf den "Hells Angels"- Pressesprecher Rudolf Triller. Für ihn ist Appelt "ein Fall, bei dem wir ganz genau hingucken". Triller versichert, Nazis hätten schon immer versucht, bei den "Hells Angels" unterzuschlüpfen, aber die "fliegen achtkantig raus, wenn wir merken, dass die aktiv sind". Doch Neu-Rocker Appelt ist weiter dabei, obwohl er zum Beispiel 2011, als er schon längst Anwärter bei den "Hells Angels" war, mit Kameraden eines der größten Rechtsrock-Konzerte in seiner Heimat Sachsen-Anhalt besuchte - organisiert von der Neonazi-Organisation "Honour & Pride".

"Schwarze Schar" auch mit Kontakten zu Bandidos-Unterstützern

Die Rocker aus Wismar treffen aber auch mit Anhängern des MC "Vengator" aus Vorpommern zusammen, der die "Bandidos" unterstützt, die neben "Hells Angels" als größte internationale kriminelle Outlaw-Motor-Cycle-Gang gelten. "Bandidos" sind in Vorpommern keine Unbekannten. Bereits 2003 wurde ihr Europatreffen in Anklam mit über 1.000 Teilnehmern von einem rechtsextremen Kameradschafts-Aktivisten aus Ducherow organisiert. Ein Jahr später quartierte sich der MC "Vengator" in Lassan nahe Wolgast ein. Bald spielten die ersten Neonazi-Bands im neuen Clubhaus. Die kleine Haffstadt wurde zum Treffpunkt beider Szenen.

Im mittlerweile neuen Quartier des MC "Vengator" mitten in der Anklamer Innenstadt - gleich neben dem NPD-Büro - geht ein Neonazi ein und aus, der 2011 mit Hitler-Shirt das "Kinderfest" der Neonazis in Ueckermünde besuchte.

Wechsel von Nazis zu Rockern

Der Schritt aus der einen homogenen Hierarchie in die andere ist nicht groß, wenn die Männer vorher zum Beispiel schon als Türsteher oder Tätowierer aktiv waren. Im Rockermilieu lässt sich mehr Geld verdienen - ein Hauptmotiv für viele Neonazis, dort anzuheuern. Auch wenn sich die Rockerclubs unpolitisch geben - dass rechtsextreme Gesinnungen mit dem Wechsel an den Nagel gehängt werden, ist kaum vorstellbar. Der MC "Schwarze Schar" gilt als Paradebeispiel für eine Mischszene.

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