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Hand greift nach PC-Maus © picture-alliance/ dpa Fotograf: Kitty Kleist-Heinrich
 

Rechtsextremismus: Diese Websites klären auf

Etliche Websites decken Propaganda auf und geben Tipps, was man im Alltag gegen Neonazis tun kann. mehr

 

Rechte Musik für die Mitte der Gesellschaft

von Christian Papesch

Es gibt Gassenhauer, die kennt beinahe jeder. "Ab in den Süden" ist einer davon. Der Rhythmus ist so eingängig, dass ich automatisch mit dem Fuß wippe, wenn die ersten Akkorde erklingen - und am liebsten laut mitgrölen würde, wenn der Refrain ertönt: "Hey, ab in den Süden! Der Rest kommt hinterher, hey jo, das geht! Es folgen noch viel mehr! Jaja das geht!"

Aber Moment mal: Ist das überhaupt der echte Song? Was soll das eigentlich heißen, "der Rest kommt hinterher, es folgen noch viel mehr"? Wovon singt der da überhaupt? "Oh, Beeilung, Beeilung, dann kommt ihr pünktlich an. So schön ist das neue Ausländerrückführungsprogramm. Keine Pausen, keine Stopps, keine Haltestation. Ausländerrückführung statt Integration."

Rechte Cover-Version verunglimpft Ausländer

Gigi & Die braunen Stadtmusikanten - gefunden im Internet. © NDR Fotograf: Christian Papesch Detailansicht des Bildes Schon mehrere Alben der rechtsextremen Band "Gigi & Die braunen Stadtmusikanten" landeten auf dem Index. Spätestens jetzt merke ich, dass ich einer Cover-Version aufgesessen bin. Ich hatte im Internet nach dem Song "Ab in den Süden" gesucht und bin bei der Version einer rechtsextremen Band gelandet, die sich "Gigi & Die braunen Stadtmusikanten" nennt. Eine Version, die Menschen anderer Herkunft verunglimpft und ihnen das Recht abspricht, in Deutschland leben zu dürfen. In der es heißt: "Ich bin der Abschiebemann, es gilt was ich sag'. Ich sag', ab geht der Flieger, und der Flieger geht ab."

Wie schnell solche Machwerke Einzug in den Schulalltag halten, weiß Finn-Halvar Peters, angehender Abiturient am Gymnasium an der Hamburger Straße in Bremen: "Viele Schüler hören rechtsradikale Musik über die Lautsprecher vom Handy oder vom iPod. Die meisten halten es für einen Witz, aber das sind menschenverachtende Texte - und die sind nicht lustig." Seit gut einem Jahr macht sich seine Schule gegen Rassismus und Ausgrenzung stark - auch, weil solche Musik als "Einstiegsdroge" in die rechte Szene gilt.

Rechtsradikale Musik in Niedersachsen

In Niedersachsen sind laut Verfassungsschutz derzeit fünf rechte Bands aktiv. Vier Konzerte wurden im Jahr 2011 verzeichnet - bundesweit waren es 131 Konzerte, 170 rechte Bands sind bekannt. Es gibt in Niedersachsen elf rechte Vertriebe von Musik, Bekleidung und Accessoires, die laut Verfassungsschutz aber "in der Szene eine eher untergeordnete Rolle spielen".

Extremistische Botschaft und rohes Gekrächze

Musikalische Pamphlete wie "Ab in den Süden" gibt es viele. Sie folgen einem einfachen Rezept, das extremistische Bands schon seit den 1990er-Jahren anwenden: Man nehme einen bekannten Popsong und verändere den Text so, dass eine möglichst simple, hetzerische Botschaft entsteht. Dann spicke man ihn mit schrillen Gitarren, hämmerndem Schlagzeug, erhöhe die Geschwindigkeit und ersetze den Gesang durch rohes Gekrächze. Am Schluss wird alles im heimischen Tonstudio noch mal kräftig durchgemischt, und fertig ist der extrem rechte Gassenhauer.

Rechte Hetze in fast allen Musikstilen

CD mit eingeritztem Hakenkreuz. © NDR Fotograf: Christian Papesch Detailansicht des Bildes Ob Hip-Hop, Pop oder Rock - rechtsextreme Bands bedienen sich aus vielen Genres, um mit ihren Coverversionen menschenfeindliche Hetze zu verbreiten. Der Verfassungsschutz ist sich der Attraktivität des Internets für Neonazis durchaus bewusst. Doch alle verdächtigen Websites ins Visier zu nehmen, ist für die Sicherheitsbehörde ein Ding der Unmöglichkeit: "Die Überwachbarkeit des Internets ist nicht nur für Sicherheitsbehörden problematisch", erklärt eine Referentin des Niedersächsischen Verfassungsschutzes. "Ständig alle möglichen Kanäle und Aktivitäten im Auge zu behalten, ist Sisyphusarbeit und muss daher stärker fokussiert werden."

Die Propagandamasche rechter Bands beschränkt sich nicht auf Ballermann-Songs à la "Ab in den Süden". Die braunen "Komponisten" vergreifen sich an beinahe allen Musikstilen: Es gibt rechtsradikalen Hip-Hop, rechtsextreme Liedermacher, rechte Musik im Stil der Neuen Deutschen Welle und Cover-Versionen aller Art mit rechten Texten.

Neonazis arbeiten mit Anwälten zusammen

"Deshalb reicht das bekannte Klischee vom Rechtsrock nicht mehr aus", erklärt Rudi Klemm vom Weser-Aller-Bündnis (WABE), das sich gegen Neonazis und Rassismus starkmacht. Viele rechte Bands wissen mittlerweile genau, wie weit sie in ihren Texten gehen dürfen, damit diese nicht verboten werden. Im Zweifel greifen sie auf Anwälte zurück, die die Inhalte auf mögliche Rechtsverstöße prüfen. So kommt der aktuelle niedersächsische Verfassungsschutzbericht zu dem Schluss, dass der Anteil "strafrechtlich relevanter CDs" in der rechten Szene derzeit "weniger als zehn Prozent" beträgt.

Manche Bands veröffentlichen aber auch gezielt Machwerke, die kurz darauf verboten oder indiziert werden. Damit machen sie die CDs für das Zielpublikum sogar noch interessanter. "So verschafft man sich Achtung in der Szene, um sich danach auf Lieder zu konzentrieren, die juristisch nicht mehr angreifbar sind", sagt WABE-Chef Klemm. "Und wer das kann, der verdient viel Geld damit."

Geld haben "Gigi & Die braunen Stadtmusikanten" mit mir zum Glück nicht gemacht. Trotzdem haben sie und ihr Propaganda-Song etwas sehr Wichtiges von mir bekommen: Aufmerksamkeit. Und die hat die Nazi-Band erst recht nicht verdient!

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