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Hand greift nach PC-Maus © picture-alliance/ dpa Fotograf: Kitty Kleist-Heinrich
 

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"Frauen sind nicht weniger fanatisch"

Andrea Röpke © lina-loco Detailansicht des Bildes Die Journalistin Andrea Röpke wurde für ihre Recherchen zum Thema Rechtsextremismus mehrfach ausgezeichnet. Die Journalistin Andrea Röpke recherchiert seit den 1990er-Jahren in der Neonazi-Szene und gilt als ausgewiesene Expertin zum Thema Rechtsextremismus. Dabei hat sie für das Buch "Mädelsache!" die Rolle der Frauen in der rechten Szene dokumentiert.

Welchen Stellenwert haben Frauen in der rechten Szene?

Andrea Röpke: Seit 1945 hat es immer Frauen in der rechtsextremen Szene gegeben, die die nationalsozialistische Ideologie ebenso weiterverbreiten wie die Männer. Allerdings herrscht bei den Rechtsextremisten ein Weltbild mit strengen Hierarchien und einer klaren Rollenverteilung, bei der die Frau in erster Linie dem Muttersein und der sogenannten Rassenerhaltung verpflichtet ist. Das heißt, die Frauen arbeiten traditionell vor allem im Hintergrund und werden gezielt zur Stabilisierung der Szene eingesetzt, aber sie haben weniger zu sagen als die Männer und werden in den Befehlshierarchien nicht so gerne im vorderen Bereich gesehen. Inzwischen haben sie aber auch die Option, die kommunale Verankerung der NPD offen voranzutreiben. Frauen sind nicht weniger fanatisch als die Männer, und die rechtsextreme Ideologie kommt bei ihnen gut an.

Zur Person

Andrea Röpke, geboren 1965, ist Diplom-Politologin und freie Journalistin und publiziert seit Anfang der 1990er-Jahre Beiträge über die rechtsextreme Szene. Für ihre Arbeit erhielt sie mehrere Auszeichnungen. So wählte sie die Branchenzeitschrift "medium magazin" im Januar 2012 in der Kategorie "Politik" zur "Journalistin des Jahres", unter anderem für ihre Recherchen für die Panorama-Redaktion des NDR. Wegen ihrer Reportagen wird sie immer wieder bedroht. Mehrfach wurde sie tätlich angegriffen.

Wie viele Frauen sind in der Neonazi-Szene aktiv?

Röpke: Schätzungen zufolge ist jeder fünfte Neonazi weiblich. In der Führung der NPD sitzen gerade einmal drei Frauen, aber in den Kommunalparlamenten sind viele NPD-Politikerinnen aktiv und betreiben "nationale Graswurzelarbeit", wie die Partei es nennt. Innerhalb der Szene erkämpfen sich die Frauen Freiräume, sie sind jedoch überwiegend bis zur mittleren hierarchischen Ebene aktiv. Gezielt setzt die NPD Frauen auch als "Eyecatcher" bei Wahlen ein, sie bekommen oft weitaus mehr Zuspruch als männliche Neonazis. Einerseits sind sie Teil männlicher Strategien, andererseits bieten sie sich auch bewusst an.

Wer sind die Frauen, die in der rechten Szene mitmischen?

Röpke: Sie kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und sind ein Spiegel der Gesellschaft. Die Neonazi-Frauen von heute sind oft nicht einfach zu erkennen, sie fallen nicht weiter auf, einige tragen Öko-Klamotten, manche sind Akademikerinnen, viele in sozialen und pädagogischen Berufen aktiv. Aber natürlich gibt es auch weibliche "Autonome Nationalisten", Frauen in Kameradschaften, die sich an Fackelmärschen, spontanen Störaktionen oder Übergriffen auf Jugendliche beteiligen. Sie teilen den Aktionismus der Männer und können die Stimmung anheizen. Das "Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus" geht davon aus, dass der weibliche Anteil an rechten Gewalttaten bei rund zehn Prozent liegt.

Fügen sich die Frauen denn bereitwillig in ihre Rolle und die geltenden Hierarchien ein?

Röpke: Es gab in Thüringen Versuche, einen "nationalen Feminismus" anzustoßen und die Herrschaft des Patriarchats innerhalb der "Bewegung" infrage zu stellen, aber das haben die Frauen schnell wieder eingestellt. Feminismus und Emanzipation sind unter Rechtsextremisten ein Feindbild, gelten als egoistisch und unnatürlich. Viele Frauen mussten sich erst einmal das Recht erkämpfen, öffentlich als Rednerin oder NPD-Mandatsträgerin auftreten zu können. Denn in erster Linie bekamen sie - vor allem in den alten Bundesländern - Anerkennung über Mutterschaft und das gefährliche Ideal der "Volksgemeinschaft". Der Begriff hört sich für viele erstmal nett an, weil es um Familie und Kinder geht - er ist aber durch und durch nationalsozialistisch besetzt. Angestrebt wird eine homogene Gesellschaft von "Ariern", weißen Deutschen. Migranten, Farbige, Juden, Homosexuelle, Behinderte und andere Gruppierungen werden ausgeschlossen. Zwar können die jungen Neonazi-Frauen heute wählen, ob sie die Kameradschaft nach innen stärken oder aber als Repräsentantinnen der Szene nach außen wirken wollen. Aber in ihrem idealistischen Verständnis sehen sie sich ganz klar als "deutsche Mutter", die in erster Linie der "Volksgemeinschaft" verpflichtet ist. Sie definieren sich regelrecht als "Volks- oder Mutterfrauen", nach dem Motto: "Du bist nichts, dein Volk ist alles".

Der Norden schaut hin
Buch-Tipp
Buchcover: Mädelsache! von Andrea Röpke und Andreas Speit. © Ch. Links Verlag
 

Mädelsache!

Ein Buch von Andrea Röpke und Andreas Speit über Frauen in der rechten Szene. mehr

Auszeichnung
Bildmontage: Stefan Buchen und Andrea Röpke © NDR, imago/Horst Galuschka
 

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