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Hand greift nach PC-Maus © picture-alliance/ dpa Fotograf: Kitty Kleist-Heinrich
 

Rechtsextremismus: Diese Websites klären auf

Etliche Websites decken Propaganda auf und geben Tipps, was man im Alltag gegen Neonazis tun kann. mehr

 

Warum Fischers Ausstieg bislang keiner ist

Gegen Michael Fischer, den Lebensgefährten der Rostocker Olympia-Ruderin Nadja Drygalla, ermittelt die Staatsanwaltschaft Rostock Medienberichten zufolge wegen des Verdachts des besonders schweren Landfriedensbruchs. Hintergrund ist der Angriff auf eine Gedenkveranstaltung für ein NSU-Opfer in Rostock im Februar 2012. Fischer hatte sich zuletzt als vermeintlicher Aussteiger aus der Neonazi-Szene der Öffentlichkeit präsentiert. Für NDR.de analysieren Patrick Gensing und Felix M. Steiner, warum Fischers Ausstieg bislang keiner ist.

Michael Fischer steht am 30.07.2012 während der Olympischen Sommerspiele 2012 vor der Towerbridge in London. © dpa-Bildfunk Detailansicht des Bildes Michael Fischer sagt, er habe sich aus der rechtsextremen Szene zurückgezogen. Was ist ein Ausstieg? Und wann ist dieser glaubwürdig? Wie lange dauert so ein Prozess? Und können Neonazis das ohne professionelle Hilfe schaffen? Viele Fragen, auf die es im Fall Fischer kaum plausible Antworten gibt. Fischer ist nicht ausgestiegen, sondern er hat sich zurückgezogen aus der vordersten Front. Von seinen Kameraden hat er sich nicht distanziert. Im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa sagte er: "Ich bin aus der Partei ausgetreten und hatte auch so keinen großartigen Kontakt mehr zu Leuten, die damit zu tun hatten."

Auf Facebook weiterhin Kontakte in die Neonazi-Szene

Was bedeutet "keinen großartigen Kontakt mehr"? Schaut man sich im sozialen Netzwerk Facebook in Fischers Umgebung um, wird deutlich, dass er weiterhin Kontakte in die Neonazi-Szene pflegt. Zu seinen Freunden gehört beispielsweise eine bekannte Neonazistin aus Westmecklenburg, mit der er im Juni noch ein Fotoshooting veranstaltete. Die Fotos stellte Jennifer W., die regelmäßig an Aufmärschen teilnimmt, auf ihre Facebook-Seite - dort kommentierte Fischer Ende Juni, er habe das Treffen "in vollen Zügen genossen". Jennifer W. entgegnete, sie ebenfalls, worauf "Aussteiger" Fischer der Neonazistin versprach: "Jederzeit gerne wieder."

Der Drygalla-Freund lässt sich auf den Freundeslisten anderer bekannter Neonazis finden - nicht nur aus dem Nordosten, sondern beispielsweise auch aus Berlin. Dies deutet auf eine überregionale Vernetzung hin - die bis heute offenkundig nicht gekappt wurde.

Keine Anfeindungen aus der Szene

Das NPD-Portal "MUPinfo", bei dem Fischer noch am 16. Juni einen Artikel veröffentlicht hatte, interpretierte den vermeintlichen Ausstieg des Drygalla-Freunds ebenfalls nicht als Rückzug. So hieß es auf dem Portal des NPD-Landtagsabgeordneten David Petereit, Fischer werde "nun erst einmal beide Hände voll zu tun haben, seine persönlichen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, beruflich den Anschluss zu finden und seinen Rückzug öffentlich glaubhaft zu machen. Ein Kameradenschwein oder Verräter ist Fischer deshalb noch lange nicht." Sorgen, dass Fischer sich mit seinem Insiderwissen an staatliche Stellen, Journalisten oder antifaschistische Gruppen wenden könnte, so wie viele Aussteiger es tun, scheint dort niemand zu haben.

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Warum auch? Andere Aussteiger berichten, sie wollten etwas wiedergutmachen - und vor den Neonazis warnen. Daher entschlossen sie sich, aus der Szene zu erzählen. Fischer bereut jedoch offenbar wenig. Gegenüber der dpa antwortete er auf die Frage, ob er seine Taten bereue: "Wenn man insbesondere die Folgen für andere Menschen beobachtet, auf jeden Fall, hundertprozentig. Die Folgen für mich habe ich bewusst in Kauf genommen. Daher würde ich nicht sagen, dass ich das bereue." Ob er mit anderen Menschen seine Freundin Nadja Drygalla meinte oder Personen, die von Neonazis bedroht oder angegriffen wurden, wird nicht eindeutig klar. Aus dem Kontext des Interviews lässt sich aber ableiten, dass er wohl Drygalla meinte.

"Würde mich nicht als Nationalsozialist bezeichnen"

Auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen Ideologie, Voraussetzung für einen glaubhaften Ausstieg, sucht man bei Fischer vergebens. "Früher, da hat man sich eigentlich als Nazi betitelt", erzählte er der dpa - mit "man" dürfte er selbst gemeint sein. Und nochmal: "Man war schon Nazi, aber ich bin nirgendwo rumgerannt und habe meinen rechten Arm hochgerissen. Das was früher war, war mir kein Vorbild. Mein stärkstes Interesse war das Soziale, natürlich auf nationaler Ebene. Aber ich würde mich nicht als Nationalsozialist bezeichnen." Eine Distanzierung ist auch das nicht, im Gegenteil.

Der schwierigste Teil einer Distanzierung - und auch deren Kern - ist aber die Auseinandersetzung mit der eigenen rechtsextremen Ideologie: eine Reflexion der eigenen Weltanschauung, die über Jahre Basis des politischen und oft privaten Handelns war. Genau hier setzt auch die Definition der Aussteigerhilfe "Exit" an, die einen Ausstieg erst dann als erfolgreich ansieht, "wenn die den bisherigen Handlungen zugrunde liegende und richtungsweisende Ideologie überwunden ist".

"Zukunft nicht verbauen"

Fischer setzt sich mit der rechtsextremen Ideologie offenkundig nicht auseinander, er benennt das Motiv für seinen Rückzug offen: "Deshalb habe ich mich entschieden, aus der Partei auszutreten und meine Aktivitäten einzustellen. Ich wollte mir und anderen Leuten die Zukunft nicht verbauen." Der Rassismus und Antisemitismus in der Szene, die Gewaltbereitschaft, die NS-Glorifizierung - nichts davon scheint Fischer gestört zu haben, es geht nur um seine und Drygallas Zukunft.

Der Umgang mit echten und vermeintlichen Aussteigern ist für die Gesellschaft eine Gratwanderung, denn es muss einen Weg zurück geben, aus der Szene in die offene Gesellschaft. Ex-Neonazis dürfen nicht isoliert werden, wenn sie sich glaubhaft von Ex-Kameraden und Ideologie distanzieren. Die Öffentlichkeit muss sich deswegen aber nicht für dumm verkaufen lassen.

Was macht Fischer bei einer Anklage?

Spannend wird es, wie sich Fischer bei einem möglichen Gerichtsverfahren wegen des Angriffs im Februar 2012 verhalten wird - dann wird sich zeigen, wie ernst er seinen "Ausstieg" meint. Sollte er dann gegen die Kameraden aussagen, um die eigene "Zukunft nicht zu verbauen", wird auch der verständnisvolle Ton in der Neonazi-Szene verschwinden.

Das Interview mit Stefan Ludmann

ZAPP - 08.08.2012 23:20 Uhr

Die Langversion des Interviews mit dem NDR 1 Radio MV Reporter zum ZAPP Beitrag "Reflexhaft - die Medien im Fall Drygalla".

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/dossiers/der_norden_schaut_hin/fischer411.html
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Fall Drygalla: "Tacheles redet keiner"

06.08.2012 | 17:08 Uhr
NDR Info

Ein Kommentar zum Fall der Ruderin Nadja Drygalla von Wolfram Dietrich. mehr


Patrick Gensing kommentiert den Fall Drygalla und sieht Medien, Sportfunktionäre und Sicherheitsbehörden als Verlierer. (tagesschau.de)

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