Atomkraft bleibt ein Problem
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Hintergrund
Arbeiten unter Tage: Der Salzstock in Gorleben.
"Jeder Transport, der nach Gorleben rollt, zementiert den Standort Gorleben als Endlager", sagte eine Vertreterin der Umweltorganisation Robin Wood im Vorfeld eines Castor-Transports. Mit dieser Sorge ist sie nicht allein: Seit mehr als 30 Jahren protestieren Atomkraftgegner im Wendland gegen ein mögliches Endlager im Salzstock von Gorleben. Der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) hatte 1977 den Standort festgelegt. Im Auftrag der Bundesregierung wird seit 1979 untersucht, ob sich das Bergwerk als Endlager für hochradioaktiven Abfall eignet. Der Atommüll würde dort in knapp 1.000 Metern Tiefe eingelagert werden.
In der öffentlichen Debatte kommt es aber oft auch zu Verwechslungen: Die umstrittenen Castor-Transporte, die in der Vergangenheit bereits Atommüll nach Gorleben brachten, hatten bislang das Zwischenlager in Gorleben zum Ziel. Während der gut 300 Meter entfernte Salzstock noch erkundet wird, lagern in der ebenerdige Halle des Zwischenlagers bereits mehr als 100 Container mit hoch radioaktiven Abfällen.
Im Jahr 2000 unterbricht der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) die Erkundung des Salzstocks. Das Bundesumweltministerium wolle mit dem Moratorium "die Suche nach einem Endlagerstandort völlig neu eröffnen", so ein Sprecher damals. Atomkraftgegner kritisieren bis heute die Entscheidung für den Salzstock in Gorleben als willkürlich und politisch motiviert. Im März 2010 entscheidet Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), die Erkundungsarbeiten am Salzstock wieder aufzunehmen. Das Verfahren bleibe ergebnisoffen, Gorleben habe aber "oberste Priorität", sagt der Minister. Insgesamt werde bis zur Entscheidung ein Zeitraum von 20 bis 25 Jahren erforderlich sein. Probleme könnten Pachtverträge mit Grundbesitzern verursachen, die Ende 2015 auslaufen. In Gorleben wurden bereits mehr als eine Milliarde Euro investiert. Im September 2010 kündigte die niedersächsische Landesregierung an, grünes Licht für eine Wiederaufnahme der Erkundung zu geben. Kurz darauf sind erste Arbeiten wieder möglich.
Auch 2011 wird weiter heftig um das Endlager Gorleben gestritten. Umweltschützer und Bürgerinitiativen fordern einen Neustart bei der Suche nach einem Endlager. Mit Gas im Salzstock und einer veränderten Geburtenrate rund um das Endlager tauchen neue Fragestellungen auf, mit denen die Gorleben-Gegner ihre bisherigen Sicherheitsbedenken untermauern. Politisch kommt Bewegung in die Diskussion, als Mitte 2011 öffentlich über Alternativen zum Endlager Gorleben nachgedacht wird. Auch denken jetzt verschiedene politische Lager über Standorte im Süden Deutschlands nach. Den von Bundesumweltminister Röttgen angestoßenen Gorleben-Dialog lehnen die Gegner allerdings ab, sie fordern "Transparenz" bei der Bürgerbeteiligung nach Schweizer Modell. Der Salzstock werde nicht geeigneter, nur weil der Bund keine bessere Umgebung für ein Endlager finde, so ihre Kritik.
Die Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg sieht sich durch den schlechten Zustand des Bergwerkes Asse im Kreis Wolfenbüttel in ihrer Annahme bestätigt, dass Salzstöcke generell als Endlager nicht geeignet sind. Eine bessere Möglichkeit, die alten Brennstäbe dauerhaft zu lagern, fehlt bislang - ein geeigneterer Standort ebenso.
Allein in Deutschland produzieren Atomkraftwerke jährlich 450 Tonnen hochradioaktiven Müll. Die ausgebrannten Brennstäbe werden allerdings nicht endgültig entsorgt, sondern nur zwischengelagert. Weltweit wurde noch kein Endlager für die hochradioaktiven Abfälle errichtet. Die Anforderungen an ein derartiges Lager sind immens - die alten Brennstäbe müssten für den unvorstellbaren Zeitraum von einer Million Jahre sicher verwahrt werden. Atomkraftgegner halten eine wirklich sichere Endlagerung für unmöglich und fordern deshalb die sofortige Abschaltung der Atomkraftwerke.
Angela Merkel besuchte 1995 das Erkundungsbergwerk in Gorleben. Damals war sie noch Umweltministerin unter Kanzler Helmut Kohl.
Im März 2010 hat der Bundestag einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu Gorleben eingesetzt. Er soll die Frage klären, ob beziehungsweise warum sich die damalige Bundesregierung unter Helmut Kohl (CDU) in den 1980er-Jahren einseitig auf den Salzstock im Kreis Lüchow-Dannenberg als Endlager festgelegt habe. Der Regierung Kohl wird vorgeworfen, Alternativstandorte gar nicht erst in Betracht gezogen, Warnungen von Wissenschaftlern missachtet und sogar Einfluss auf ein Gutachten zur Eignung des Salzstocks genommen zu haben, um das Lager im Wendland durchzudrücken. Auch die Frage, welche Rolle die niedersächsische Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU) bei dieser Entscheidung gespielt hat, wirft immer wieder Fragen auf. Die CDU weist die Vorwürfe stets zurück und betont, für Gorleben hätten rein fachliche Gründe gesprochen. Auch nach einem Jahr, in dem zahlreiche Fachleute, Politiker und Gutachter vor dem Ausschuss ausgesagt haben, ist die Arbeit nicht abgeschlossen und hat noch keine entscheidende Ergebnisse zutage gefördert.
Dauerhafter Protest: Ein Jahr wollen die Gegner Gorleben blockieren.
Die Umweltschützer haben das im Jahr 2000 verhängte Moratorium und die Suche nach alternativen Standorten begrüßt. Eine Wiederaufnahme der Erkundung in Gorleben lehnen sie strikt ab. Auch der von der Bundesregierung 2011 beschlossene Atomausstieg und die Abschaltung einzelner Atomkraftwerke beruhigt die Gemüter nur wenig. Im Wendland protestieren die Bewohner weiter. Um die Erkundung von Gorleben als atomares Endlager endgültig zu stoppen, initiieren Atomgegner die Kampagne "Gorleben 365". Sie wollen die Zufahrt zum Bergwerk Gorleben blockieren - ein ganzes Jahr lang.