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Interview

"Zwei Windstärken mehr hätte ich nicht gebraucht"

Antje Boehmert © Uli Fischer Fotograf: Uli Fischer Detailansicht des Bildes Die Autorin Antje Boehmert hat eine Nordsee-Expedition der "Walther Herwig III" begleitet. Gemeinsam mit Kameramann Knut Schmitz hat Fernsehautorin Antje Boehmert die Wissenschaftler des Johann Heinrich von Thünen-Instituts bei einer Forschungsreise auf der Nordsee begleitet. Stefanie Lambernd sprach mit der Autorin über den Alltag an Bord des Forschungsschiffs "Walther Herwig III" und die Bedeutung der "Volkszählung unter Wasser".

NDR.de: Wie sind Sie darauf gekommen, mit den Wissenschaftlern des Johann Heinrich von Thünen-Instituts auf Nordsee-Expedition zu gehen?

Antje Boehmert: Ich habe mich schon vor diesem Film beruflich mit dem Thema Fischfang beschäftigt und dann kam irgendwann der Gedanke, eine Reportage zu den EU-Fischfangquoten zu machen. Für uns Konsumenten sind die Quoten oft wenig aussagekräftig, sie steigen oder sinken, aber nur wenige wissen, wie genau sie sich zusammensetzen und was sie bedeuten. Die Wissenschaftler des von Thünen-Instituts für Seefischerei liefern Daten, die in die Empfehlung des Internationalen Rates für Meeresforschung eingehen. Dieses Papier liegt den EU-Politikern vor, wenn sie die Fangquoten verhandeln. Ich wollte sozusagen hinter die Kulissen einer Prozentzahl gucken. Ein schöner Nebeneffekt bei diesem Projekt: Ich bin gern auf See.

NDR.de: Wie haben Sie das Leben an Bord erlebt?

Boehmert: Wir haben den Tagesablauf der verschiedenen Teams an Bord mit der Kamera begleitet und waren eigentlich immer und überall dabei. An Deck, auf der Brücke, beim Brötchenbacken um 4 Uhr morgens. Alle waren sehr offen und haben uns nie das Gefühl gegeben, dass wir stören - obwohl das bestimmt manchmal so war. Für das Leben an Bord muss man sich umstellen, weil man einfach nie allein ist. Der Raum ist sehr begrenzt und es gibt kaum Türen, die man auch mal zumachen kann. Dafür erlebt man die Gemeinschaft an Bord. Die Seeleute waren sehr solidarisch und haben unsere Arbeit - genau wie die wissenschaftliche Crew auch - nach Kräften unterstützt. Zum Beispiel hat der Netzmacher unsere Unterwasserkamera ins Fangnetz eingenäht - sie hat ihren "Hol" gut überstanden. 

NDR.de: Die "Walther Herwig III" ist während der Forschungsfahrt ja auch in einen Sturm geraten. Wie sind Sie damit zurechtgekommen?

Boehmert: Wir hatten zwar stürmische Windstärken, bei denen man nicht mehr fischen darf, aber für die Nordsee war das immer noch "normales" Winterwetter. Wenn es schaukelt, schläft man nicht so gut und die Arbeit ist besonders für den Kameramann kräftezehrend. Zur Sicherheit wurden zeitweise die Bullaugen geschlossen und es ist schon irritierend, wenn man nicht sehen kann, ob es hell oder dunkel ist, ob es gerade regnet. Aber gefährlich war es nie. Die "Walter Herwig III" ist extrem seetauglich und robust. Noch zwei, drei Windstärken mehr hätte ich trotzdem nicht gebraucht.

NDR.de: Wie haben sich die Dreharbeiten unter diesen Bedingungen gestaltet?

Boehmert: Die Dreharbeiten waren mit einem enormen technischen Aufwand verbunden. Im Fischlabor ist es extrem laut, und Kameramann Knut Schmitz musste sich immer wieder mit einem Klettergurt sichern. Und wenn man Wellen filmt, bekommt man natürlich auch ständig eine Dusche. Außerdem haben wir in unserer Kammer alles festgezurrt, vom USB-Kabel bis zum Lichtkoffer. Der Salzgehalt in der Luft und die Gischt greifen das Material an, wir mussten das Equipment häufig reinigen. Bei den Dreharbeiten an Deck ist es wesentlich rutschiger als an Land, man steht nie auf einer geraden Fläche und muss immer Schwimmweste und Helm tragen. Dadurch ist man weniger beweglich. Wenn ein Fang reinkam, musste alles ganz schnell gehen, weil wir auch beim Sortieren des Fischs unter Deck dabei sein wollten und dazwischen noch die Kamera gewechselt wurde. Da wir alle Abläufe begleiten und jeden Fang drehen wollten, zum Beispiel auch die nächtlichen Fänge der Heringslarven, waren die Arbeitstage sehr lang. Zurück an Land waren auch wir ein bisschen "abgefischt" und froh, wieder durchschlafen zu können.

NDR.de: Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach die Arbeit der Wissenschaftler?

Boehmert: Ihre Arbeit ist sehr wichtig, denn nur durch Forschungsreisen wie diese, die Teil einer jährlich stattfindenden europäischen Bestandsaufnahme ist, lassen sich unabhängige Daten über die Fischbestände ermitteln. Auch darüber, wie es Kabeljau, Schellfisch, Hering und Co. wirklich geht. Die Wissenschaftler befischen die gesamte Nordsee stichprobenartig bis in den kleinsten Winkel. Im Gegensatz dazu finden sich die Fischer nur dort ein, wo es Fisch gibt. So könnte eine verzerrte Wahrnehmung über den Zustand eines Bestandes entstehen. Die Fischer denken - und das ist nachvollziehbar: "Wenn ich an dieser Stelle so viel Fisch fange, dann muss genug in der ganzen Nordsee sein." Dabei weiß man inzwischen, dass sich einige Bestände, je schwächer sie sind, an wenigen Stellen konzentrieren. Man kann also gar nicht wissen, wie es dem Bestand geht. Es könnte bereits ein Warnsignal sein, dass er nicht mehr genug Nachwuchs hat. Darum ist es wichtig, unabhängige Daten zu recherchieren und das jedes Jahr mit den gleichen Standards, damit sich die Daten vergleichen und Entwicklungen ableiten lassen.

NDR.de: Was müsste sich ändern, damit die Nordsee besser geschützt werden kann?

Boehmert: Das Bewusstsein, dass sich natürliche Ressourcen erschöpfen, oder platt gesagt, dass es eben nur diese eine Nordsee gibt, hat zugenommen. Viele Verbraucher machen sich Gedanken darüber, welchen Fisch sie essen. Und viele Fischereien haben auf nachhaltige Fangmethoden umgestellt. Die Europäische Kommission hält sich mehr denn je an die Empfehlung des Internationalen Rates für Meeresforschung. Es ist also nicht so, dass wir völlig rücksichtslos mit den Fischbeständen in der Nordsee umgehen. Aber Fisch ist eigentlich Wild. Er wird gefangen und nicht "geerntet". Dessen sollte man sich bewusst sein und überlegen, wo kommt dieser Fisch her und wie geht es diesem Bestand. Sollte zum Beispiel der Bestandsaufbau des Kabeljau in der Nordsee nicht so gelingen wie geplant - kann ich dann vielleicht für ein, zwei Jahre auf Kabeljau aus der Nordsee verzichten und stattdessen Kabeljau aus der Nordostarktis essen, dessen Bestand sehr gut ist? Niemand muss aufhören, Fisch zu essen. Aber jedem sollte klar sein, dass wir die Nordsee extensiv bewirtschaften und das nicht nur durch Fischerei, sondern auch durch Öl- und Gasgewinnung und massiven Schiffsverkehr. Gleichzeitig wollen wir sie als möglichst natürlichen, ökologisch-wertvollen Lebensraum erhalten - das bleibt ein Spagat.

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/regional/diefischfahnder105.html
Logo Die Reportage © NDR
Dossier
Forscher beim Begutachten eines Kabeljau. © Knut Schmitz/JABfilm Fotograf: Knut Schmitz
 

Die Fischfahnder: Dem Kabeljau auf der Spur

Jeden Winter erheben Wissenschaftler auf dem Forschungsschiff "Walther Herwig III" Daten zur Größe der Fischbestände in der Nordsee. mehr

Videos
Eine Sonde wird von der "Walther Herwig III" heruntergelassen. © Knut Schmitz, JABfilm Fotograf: Knut Schmitz
 
Video

Messungen im Nordsee-Wasser

NDR Fernsehen: Die Reportage

Mit einer Sonde bestimmen die Wissenschaftler auch Umweltparameter wie den Sauerstoff- und Nährstoffgehalt in verschiedenen Wassertiefen. EineUnterwasserkamera hat die Aufnahmen geliefert.

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Fischen mit standardisierten Netzen

NDR Fernsehen: Die Reportage

Auf der "Walther Herwig III" wird mit standardisierten Netzen gefischt. Bootsmann Werner hat mit der Helmkamera gefilmt, wie das Netz ausgesetzt wird.

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Fische sortieren und untersuchen

NDR Fernsehen: Die Reportage

Auf der "Walther Herwig III" nehmen die Wissenschaftler die gefangenen Fische genau unter die Lupe.

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Forschungsschiff "Walther Herwig III" auf der Nordsee © Knut Schmitz/JABfilm Fotograf: Knut Schmitz
 
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Das Johann Heinrich von Thünen-Instituts informiert in einem umfassenden Internet-Angebot über das Forschungsschiff "Walther Herwig III".

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Ein Internet-Angebot des Johann Heinrich von Thünen-Instituts liefert umfassende Informationen zum Zustand von Fischbeständen.

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