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Interview
Gerd Wegner (links) war bis 2011 Fahrtleiter auf der "Walther Herwig III", Matthias Kloppmann folgt ihm nach.
Das Forschungsschiff "Walther Herwig III" des Johann Heinrich von Thünen-Instituts beteiligt sich jedes Jahr im ersten Quartal am "International Bottom Trawl Survey" (IBTS), bei dem die Nordsee-Anrainerstaaten die Größe der Fischbestände abschätzen. Dabei fahren die Schiffe vorab festgelegte Gebiete ab und fischen dort mit standardisierten Netzen. Stefanie Lambernd sprach mit Fahrtleiter Gerd Wegner und dem leitenden Biologen Matthias Kloppmann über den Zweck der Fahrten und den Alltag an Bord.
NDR.de: Wie viele Leute gehen jeden Januar auf große Fahrt mit der "Walther Herwig III"?
Gerd Wegner: Die Schiffsmannschaft besteht aus 20 bis 23 Personen, zusätzlich werden maximal zwölf Leute eingeschifft. Der Platz an Bord ist begrenzt. Vor allem legen wir Wert darauf, dass die Labors ordentlich ausgestattet und entsprechend groß sind. Bei der Forschungsreise im Januar 2011 waren 22 Mann Besatzung und elf Wissenschaftler mit dabei. An Bord wird in Schichten Tag und Nacht durchgearbeitet, und alle kommen mit einem Sack voll Überstunden zurück. Zum Glück gibt es immer genügend Bewerbungen, denn es ist ja eine interessante Fahrt.
NDR.de: Wie ist das Verhältnis zwischen der Schiffscrew und den Wissenschaftlern an Bord?
"Wir Wissenschaftler können nicht ohne die Mannschaft arbeiten": Fahrtleiter Gerd Wegner.
Wegner: Wir arbeiten alle zusammen, sind Kollegen, ein Team. Wir Wissenschaftler können nicht ohne die Mannschaft arbeiten. Wir brauchen sie, sei es beim Aussetzen, Hieven oder beim Flicken der Netze, vor allem aber zum Fahren des Schiffes. Wir sind vier Wochen auf engstem Raum, da gibt es auch mal Probleme. In der Regel herrscht aber eine völlig entspannte Atmosphäre.
Die Anrainerstaaten der Nordsee sammeln seit 1966 jährlich fischereiunabhängige, wissenschaftliche Daten zur Abschätzung der Größe der wirtschaftlich wichtigsten Nutzfisch-Bestände dieses Seegebiets. Dabei sind im ersten Quartal jedes Jahres sieben Forschungsschiffe nahezu gleichzeitig zur großen Fischzählung unterwegs. Für Deutschland nimmt die "Walther Herwig III" des Johann Heinrich von Thünen-Instituts an der "Volkszählung unter Wasser" teil. Auf vorab festgelegten Erhebungsrastern fischen die Forscher mit standardisierten Netzen. Dazu kommen Planktonfänge, um zusätzliche Informationen zur Menge und Verteilung der Larven des Herings zu erlagen. Auch verschiedene Umweltparameter wie Temperatur, Salzgehalt und Nährstoffgehalt des Wassers werden gemessen. Die Daten fließen in Modellrechnungen ein, die Einblicke in die Bestandsentwicklungen geben. Sie sind eine der Grundlagen, die den EU-Fischerei-Ministerien zur Festlegung künftiger Fangquoten in der Nordsee dienen. Das Johann Heinrich von Thünen-Institut mit Sitz in Braunschweig untersteht dem Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und ist Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei. Sein Institut für Seefischerei wiederum sitzt in Hamburg-Altona.
NDR.de: Wie gestaltet sich der Arbeitstag an Bord?
Wegner: Eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang darf das Netz am Grund sein, eine Viertelstunde nach Sonnenuntergang muss es wieder oben sein. Für jeden sogenannten Forschungshol, also den Fang, darf das Netz auf die Sekunde genau eine halbe Stunde am Grund sein. Der Ablauf des Fischens ist genau festgelegt, um vergleichbare Daten zu gewinnen. Die Schleppdauer, der Netztyp, die Schleppgeschwindigkeit, das alles ist vorgegeben. Wir verwenden standardisierte Netze, die heute in der Fischerei gar nicht mehr genutzt werden: das sogenannte GOV für den Fischfang am Tage, und nachts das MIK für den Planktonfang. Zwischen den einzelnen Hols müssen wir jeweils 30 Meilen zurücklegen, sodass wir etwa auf drei bis vier, maximal fünf Fänge pro Tag kommen. Der Tag ist dabei genau strukturiert. Gegen 8 Uhr morgens fangen wir an, gegen 18 Uhr ist der Arbeitstag der Tagschicht zu Ende. Allerdings schmeißt niemand nach Feierabend den Bleistift weg. Die Kollegen geben - wenn nötig - weiter Daten in die Computer ein und werten Proben aus. Ab 18 Uhr laufen die Planktonfänge. Dafür hauen sich zwei Kollegen die Nacht um die Ohren, unterstützt von zwei Matrosen und dem Offizier.
NDR.de: Was genau machen Sie denn mit dem gefangenen Fisch?
"Der Heringsbestand hat sich zuletzt erholt": Biologe Matthias Kloppmann.
Matthias Kloppmann: Die Fische kommen aus dem Netz in einen Sammelbehälter und von dort auf ein Sortierband. Alle Tiere werden angeschaut und nach Arten getrennt. Dann wird von jeder Art ein Längenprofil erstellt. Bei den wichtigsten Nutzfischen schauen wir zudem nach Geschlecht und Alter, das über die Gehörsteine im Kopf bestimmt wird. Auch hier ist genau festgeschrieben, wie und welche Daten erhoben werden. Auf diese Weise bekommen wir Bestandsindizes für alle Arten und Altersklassen. Zusammen mit anderen Daten können wir daraus die Bestandsgröße abschätzen. Weiteres wichtiges Aufgabengebiet ist der Fisch-Larven-Survey: Hier interessieren uns insbesondere die großen, überwinternden Larven des Herings. Damit bekommen wir einen Eindruck über die Nachwuchssituation beim Hering in der Nordsee.
NDR.de: Gerade sind die neuen Fangquoten für die Fischer in der Nordsee veröffentlicht worden. Deutsche Fischer dürfen demnach in diesem Jahr 140 Prozent mehr Hering fangen als 2011 - insgesamt 41.000 Tonnen. Deckt sich das mit den Ergebnissen Ihrer Forschungsfahrt?
Kloppmann: Unsere Daten sind ja nur ein Faktor von vielen bei der Festlegung der Quoten, wir geben lediglich eine Empfehlung an die EU-Minister ab. Beim Hering gibt es den sogenannten Herings-Akustik-Survey im Sommer, der für diese Art bedeutender ist als der IBTS. Auch die Zusammensetzung der Anlandungen liefert wichtige Daten für die Abschätzung der Bestandsgröße - also das, was die Fischer auf den Markt bringen. Aber auch unsere Daten zeigen, dass sich der Heringsbestand zuletzt erholt hat. Davor war er zurückgegangen, daher hatte man die Quoten entsprechend reduziert.
Dr. Gerd Wegner, 64, ist Ozeanograph und seit Jahrzehnten im Hamburger Institut für Seefischerei des Johann Heinrich von Thünen-Instituts für die Fischerei-Ozeanographie zuständig. Als Fahrtleiter hat er viele Jahre lang den International Bottom Trawl Survey (IBTS) verantwortet. Dabei war er für die Hydrographie zuständigt, bei der mit einer Sonde zum Beispiel Wassertemperatur und Salzgehalt bestimmt werden. Ende Mai 2012 geht Dr. Wegner in Ruhestand.
Dr. Matthias Kloppmann, 54, ist Zoologe und arbeitet am Johann Heinrich von Thünen-Institut als Fischereibiologe. Sein Arbeitsgebiet sind vor allem Fischeier und -larven, die Ökologie der Meeresfische und die Nutzung des Meeres in der deutschen Wirtschaftszone der Nordsee. Seit 2005 arbeitet er beim IBTS, zuletzt als leitender Biologe. Diesen Januar löst er Dr. Gerd Wegner als Fahrtleiter beim IBTS ab: Vom 23. Januar bis 24. Februar 2012 findet die nächste Fischzählung in der Nordsee statt.
NDR.de: Nur minimal gesenkt wurde die Fangquote für den Kabeljau, der ja als Sorgenkind gilt.
Kloppmann: Für den Kabeljau existiert ein Managementplan, der eine Erholung des Bestands zum Ziel hat. Die festgelegte Quote entspricht diesem Managementplan. Sollte der Bestand sich nicht weiter erholen, wird man unter Umständen auch wieder über einen Fangstopp nachdenken. Aber bei den festzulegenden Fangquoten geht es ja nicht nur um Biologie, sondern auch um andere Belange, etwa wirtschaftliche, soziale sowie in Zukunft vermehrt auch um die ökologischen Folgen. Insgesamt können wir als Wissenschaftler aber mit den jetzt verabschiedeten Fangquoten leben. Man merkt, dass die EU-Kommission mehr und mehr auf wissenschaftliche Empfehlungen achtet und dem Nachhaltigkeitsprinzip folgt. Manch einem geht das noch nicht weit genug, aber es ist eine positive Entwicklung.
Wegner: Man muss immer bedenken, dass die Bestände unterschiedlichen Faktoren unterliegen. So spielen auch Umweltfaktoren eine Rolle, etwa die Wassertemperatur. Oder nehmen wir zum Beispiel die Robben, die große Mengen jungen Kabeljau fressen und damit Einfluss auf den Bestand haben. Wir haben nicht alles in der Hand - und man kann nicht immer automatisch sagen, dass sich ein Bestand sofort erholt, wenn wir die Fischerei auf null setzen.
NDR.de: Wie ist denn das Verhältnis zwischen der Wissenschaft und den Fischern? Diese sind ja auf hohe Fangquoten angewiesen, um wirtschaftlich zu überleben.
Wegner: Das Problem ist, dass die Fischer dort fischen, wo Fisch ist - die Forscher dagegen fischen überall und rechnen ihre Fänge auf einen Gesamtbestand hoch. Da gibt es natürlich unterschiedliche Auffassungen. Dass wir nicht immer einer Meinung sind, ist selbstverständlich. Inzwischen gibt es aber zweimal pro Jahr eine Aussprache zwischen Praxis und Wissenschaft, bei der auch Tacheles geredet wird - und hinterher versteht man sich umso besser. Im Übrigen haben wir Wissenschaftler auch andere Auffassungen als die Naturschutzverbände. Vieles, was dort aus strategischen Gründen verfolgt wird, ist aus biologischer Sicht infrage zu stellen. Jeder ackert eben auf seinem Feld.
NDR.de: Herr Wegner, Sie gehen im Mai 2012 in den Ruhestand. Mit welchem Gefühl haben Sie die "Walther Herwig III" nach ihrer letzten Forschungsfahrt verlassen?
Wegner: Ein alter Kollege hatte mir mal gesagt, dass der Fahrtleiter auf seiner letzten Reise mit Zylinder von Bord geht - das habe ich auch so gemacht. Inzwischen, mit etwas Abstand, merke ich: Mir wird etwas fehlen.
Auf der "Walther Herwig III" nehmen die Wissenschaftler die gefangenen Fische genau unter die Lupe.