Sendedatum: 12.11.2012 20:15 Uhr  | Archiv

Zweifelhafter Erfolg glutenfreier Produkte

von Arne Hell

Brot aus Maismehl, Nudeln aus Reis und Soße ohne Weizenstärke - solche Produkte boomen. Das Besondere an ihnen ist, dass sie nicht aus Getreide bestehen, in denen der Stoff Gluten enthalten ist. Sie sind also glutenfrei. Solche Lebensmittel sind deutlich gekennzeichnet: Eine durchgestrichene Weizenähre ist das internationale Symbol dafür. In den meisten Supermärkten und Drogerien gibt es inzwischen ganze Regale für diese Lebensmittel, die sind aber eigentlich nur für Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit gedacht.

Verbraucherzentrale: Glutenfreie Lebensmittel sind nicht für alle geeignet

"Wenn 'glutenfrei' draufsteht, denken viele Kunden schon einmal: 'Da fehlt etwas Schädliches. Das könnte auch für mich gut sein'," sagt Silke Schwartau. Sie beobachtet für die Verbraucherzentrale Hamburg den steigenden Verkaufserfolg von glutenfreien Produkten. Sie rät allen, die darüber nachdenken, sich glutenfrei zu ernähren: "Man muss das beim Arzt genau abklären lassen, ob man an einer Glutenunverträglichkeit leidet. So viele Menschen sind das nicht. Beim Blick in die Supermärkte könnte man aber den Eindruck gewinnen, es sei schon jeder Zweite."

Was ist Gluten?

Mit dem Begriff werden Eiweiße bestimmter Getreidesorten bezeichnet. Manche Menschen vertragen sie nicht - bei ihnen besteht eine Glutenunverträglichkeit, die sich in einer chronischen Erkrankung des Dünndarms zeigt. Bei einer Nahrungsmittelunverträglichkeit ist die Weiterverarbeitung der Nahrung erschwert, weil Enzyme im Darm fehlen. Zu den glutenfreien Getreidesorten zählen beispielsweise Reis, Mais, Hirse und Buchweizen.

Glutenunverträglichkeit zur "Modediagnose" geworden

In Deutschland gibt es nach Angaben der Deutschen Zöliakiegesellschaft etwa 300.000 Menschen, die Gluten nicht vertragen. Das sind weniger als 0,4 Prozent der Bevölkerung. Deutlich mehr Menschen meinen aber offenbar, dass Gluten ihnen nicht guttue. "Das ist schon ein bisschen eine Modediagnose geworden", sagt der Gastroenterologe Dr. Jens-Peter Bruhn. "Wir haben regelmäßig Leute, die über Bauchschmerzen und Durchfälle klagen und meinen: Das ist das Gluten. Wir testen das dann und müssen den meisten sagen: Tut mir leid, aber am Brot liegt es nicht. Das können Sie ruhig weiter essen."

Ernährungsberater: Beschwerden nehmen zu, aber das liegt nicht am Gluten

Diese Situation kennt auch die Ernährungsberaterin Kerstin Schüler. "Bei meinen Patienten ist das immer die erste Vermutung: Es liegt am Gluten, es liegt am Weizen." Dann backt sie mit den Patienten zusammen Brötchen, die nur aus Wasser und Weizen bestehen. "Und dann gibt es meistens keine Beschwerden wie Durchfall oder Blähungen mehr. Da ist dann also nicht das Gluten das Problem, sondern irgendwelche anderen Ergänzungsstoffe, zum Beispiel Backmischungen." Erhärtet sich bei einem Patienten doch einmal der Verdacht auf eine Glutenunverträglichkeit, dann wird das Blut auf Antikörper untersucht und eine Magenspiegelung durchgeführt. Erst dann kann die Glutenunverträglichkeit, auch Zöliakie genannt, sicher festgestellt werden.

Es klingt auf den ersten Blick tatsächlich unlogisch, wenn die Darmkrankheit Zöliakie per Magenspiegelung diagnostiziert wird, wie in unseren Beitrag berichtet. Das ist aber korrekt. Der Dünndarm, in dem die Krankheit sitzt, ist nur über den Magen erreichbar. Aus dem Dünndarm wird eine Gewebeprobe entnommen, anhand derer man eine Zöliakie nachweisen kann. Bei einer Darmspiegelug (Koloskopie) wird lediglich der Dickdarm untersucht. Bis zum Dünndarm reicht eine Koloskopie jedoch nicht.

Für Betroffene ist die Vielzahl der Produkte ein echter Gewinn

"Mein Alltag wird dadurch einfacher, dass glutenfreie Lebensmittel öfter angeboten werden", sagt Margit O. aus Hamburg. Sie leidet tatsächlich an einer Glutenunverträglichkeit. "Für mich sind Weizen und andere Getreidesorten wie Roggen oder Dinkel absolut tabu. Ich kann nicht einmal ein bisschen davon essen." Ihr Dünndarm entzündet sich sonst und kann keine Nährstoffe mehr aufnehmen. Die Folge wären Mangelerscheinungen. Margit O. kauft deshalb zum Beispiel glutenfreies Mehl und backt damit ihr Brot selbst. Für sie ist es ein Segen, dass sie die Produkte inzwischen ganz einfach bei ihrem Wocheneinkauf im Supermarkt bekommt und nicht in einen speziellen Naturkostladen gehen muss. 

Für besonders bekömmliche Produkte kann der Handel mehr verlangen

Obwohl so wenige Menschen Gluten tatsächlich nicht vertragen, bauen die Supermärkte ihr Sortiment aus. Rewe hat in diesem Jahr eine Glutenfrei-Eigenmarke eingeführt. Sie wird damit beworben, gut für "Ernährungssensible" zu sein. Die Regale der glutenfreien Lebensmittel stehen häufig nah bei den Bio-Produkten. Die Drogeriekette Rossmann bewirbt bei der Kleinkindnahrung sogar Obst und Apfelsaftschorle mit dem Label "glutenfrei." "Es wird der Eindruck erweckt, diese Produkte seien besonders bekömmlich", findet Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg, "und für bekömmliche Produkte sind Kunden bereit, auch mehr zu zahlen, der Handel kann also mehr verlangen."

Glutenfreie Lebensmittel sind deutlich teurer

Tatsächlich kosten glutenfreie Produkte mehr, im Vergleich zu normalen Markenprodukten teilweise sogar doppelt so viel. "Kunden sollten also genau schauen, ob sie das Geld ausgeben wollen und ob sie solche Produkte wirklich brauchen", rät Silke Schwartau. Manche Ernährungsberater glauben, dass der Glutenfrei-Trend teilweise eine bewusste Marketingstrategie ist, die aus den USA kommt. Dort werben Schauspieler und Musiker für eine glutenfreie Ernährung, die angeblich auch schlanker machen soll und allgemein gesünder. "Das ist auf keinen Fall so", sagt die Ernährungsberaterin Kerstin Schüler, "auch von glutenfreien Lebensmitteln kann man dick werden."

Dieses Thema im Programm:

Markt | 12.11.2012 | 20:15 Uhr

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