Sendedatum: 18.02.2013 20:15 Uhr  | Archiv

Erkältungswelle: So kassieren Apotheken ab

von Lena Wendt
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Bei Erkältungen griffen viele der überprüften Apotheker zu oft ins Medikamentenregal - auf Kosten der Patienten.

Kopfweh, Schnupfen, Heiserkeit: Viele Menschen leiden derzeit unter einer heftigen Erkältung. Doch wer damit in die Apotheke geht, wird oft schlecht beraten und bekommt viel zu viele Medikamente verkauft. Das fand Markt bei einer Stichprobe von zehn Apotheken in Hamburg und Schleswig-Holstein heraus. Das erschreckende Ergebnis: Gleich mehrere Apotheken machten ein gutes Geschäft - ohne Rücksicht auf den Patienten. Mediziner und Pharmakologen sind alarmiert.

Medikamentenberg im Wert von 50 Euro

Markt wollte wissen: Was hilft gegen Erkältung mit schleimigem Husten und leichtem Fieber? Daraufhin verkaufte eine Apothekerin gleich sieben Medikamente im Gesamtwert von rund 50 Euro: Bronchoforton Salbe, ACC Akut 600, Nasic O K, Silomat gegen Reizhusten, Paracetamol, Gelomyrtol und Orthomol. In einer anderen Apotheke bekam Markt Mucoangin Halsbonbons, Bronchicum Elixir, Aspirin Complex, Curazink und Pinimenthol. Gesamtwert: rund 40 Euro. Das war keine Ausnahme: Im Durchschnitt verlangten die Apotheken im Kampf gegen eine Erkältung 30 Euro.

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Sieben auf einen Streich: Rund 50 Euro kassierte ein Apotheker mit dieser Auswahl von Medikamenten.

Ein Großteil des Geldes könne sich der Patient sparen, sagt Allgemeinmediziner Dr. Martin Scherer von der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf. Der Rat der Apotheker ist nicht nur teuer, sondern kann auch gefährlich werden. Denn wer mehr als fünf Medikamente gleichzeitig einnehme, müsse mit unkalkulierbaren Wechselwirkungen rechnen.

Pharmakologe: Bei einer Erkältung reichen drei Medikamente

Noch deutlicher wird Roland Seifert, Direktor des Instituts für Pharmakologie in Hannover: "Die Patienten werden für dumm verkauft und abgezockt." Seiner Ansicht nach reichen bei einer Erkältung drei Medikamente: ein Fiebermittel, Nasenspray und Hustenlöser. "Da sind sie mit 10 bis 12 Euro dabei", rechnet Seifert aus - nur ein Drittel der Summe, die Apotheken in der Markt-Stichprobe durchschnittlich verlangten.

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Cocktail mit fragwürdiger Wirkung: Auch der Medikamenten-Mix für rund 40 Euro war nach Ansicht von Experten zu viel des Guten.

Auch Substanzen, deren Wirksamkeit nicht bewiesen ist, empfahlen die Apotheker. Beispiel Zink: "Es gibt keinen Hinweis, dass die zusätzliche Zufuhr einen förderlichen Effekt bei viralen Infekten hat", erklärt Pharmakologe Seifert. Das gleiche gelte auch für Vitamin-C-Präparate.

Ausführliche Beratung ist Pflicht

Apotheker sind gesetzlich verpflichtet zu beraten. Seit dem 1. Juni 2012 ist eine ausführliche Kundenberatung sogar laut Apothekenbetriebsordnung Pflicht. Doch nur in einer Apotheke wurde bei unserer Stichprobe überhaupt nachgefragt, welche Medikamente der Kunde sonst noch nehme. Schon im vergangenen Jahr hat Markt schlechte Beratungen in Apotheken aufgedeckt. Die Apothekenkammer gelobte damals Besserung. Zum aktuellen Test wollte sie keine Stellung beziehen.

Dieses Thema im Programm:

Markt | 18.02.2013 | 20:15 Uhr

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