Stand: 10.10.2014 10:02 Uhr

Weniger putzen - Bakterien sind lebenswichtig

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Tonnenweise sprühen und kippen wir Chemikalien in unsere Wohnungen. Für die Hersteller ein Milliardengeschäft.

Die deutschen Verbraucher kaufen jedes Jahr 1,3 Millionen Tonnen Wasch- und Reinigungsmittel. Umgerechnet auf einen Vier-Personenhaushalt sind das 64 Kilogramm pro Jahr. Die Industrie bringt regelmäßig neue Produkte auf den Markt, der deshalb so boomt, weil die Angst vor Bakterien ständig wächst. Mit ihren Reinigern setzen die Hersteller Milliarden Euro um.

So manch ein Verbraucher ist davon überzeugt, dass ein möglichst keimfreier Haushalt die Gesundheit erhält. Deshalb nutzt er dann zu viel Putzmittel oder greift gleich zu Reinigern, deren Wirkung als antibakteriell angepriesen wird. Da wird den Kunden etwa versprochen, dass "99,99 Prozent aller Bakterien" beseitigt werden.

Desinfektionsmittel für den Privat-Gebrauch überflüssig?

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Verbraucher schließen aus den Angaben auf den antibakteriellen Reinigern, dass tatsächlich fast alle Bakterien nach der Anwendung vernichtet sind.

Die versprochene Wirkung antibakterieller Reiniger können Experten nicht nachvollziehen. So hat zum Beispiel der Mikrobiologe Henrik Gabriel für die Dokumentation "Der Hygienewahn" in einem Haushalt Proben genommen, in dem besonders häufig, intensiv und außerdem mit desinfizierenden Mitteln geputzt wird. Das Ergebnis: Auf Arbeitsflächen, im Waschbecken und der Toilette konnten etwa genauso viele Luft- und Hautkeime sowie Hefepilze nachgewiesen werden wie in einem Haushalt, in dem keine antibakteriellen Reiniger verwendet werden.

Bakterienwirklichkeit im Haushalt entspricht vermutlich nicht Hersteller-Labors

Verbraucher schließen aus den Angaben auf den antibakteriellen Reinigern, dass tatsächlich fast alle Bakterien nach der Anwendung vernichtet sind. Tatsächlich aber müssen die Hersteller in ihren Labors nur nachweisen, dass eine bestimmte Bakterienart unter bestimmten Bedingungen abgetötet wird. Ob die Testreihen der Industrie die Bakterien-Wirklichkeit in einem privaten Haushalt abbilden, ist fraglich. Antibakterielle Putzmittel für den Hausgebrauch sind letztlich wahrscheinlich nicht so wirkungsvoll, wie Verbraucher glauben.

Zudem geben die Hersteller meist eine genaue Anwendung vor. Eigentlich sollen solche Reiniger etwa "einwirken" und danach trockengewischt werden. Doch wenn die vorgegebene Zeit um ist, ist das - meist alkoholhaltige Mittel - erfahrungsgemäß schon weggetrocknet. Hersteller können sich jedoch darauf berufen, dass ihre antibakteriellen Mittel nicht so benutzt werden, wie vorgeschrieben, falls sich Verbraucher beschweren sollten.

Warum raten Wissenschaftler von einem übertrieben sauberen Zuhause ab?

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Die Industrie entwickelt immer neue Putzmittel, sodass die Regale im Supermarkt fast übervoll sind.

Putzmittel, die eine antibakterielle Wirkung versprechen, sind also meist überflüssig wie auch zu intensives Putzen mit normalen Reinigungsmitteln. Zudem enthalten die meisten Reiniger Stoffe, die unserer Gesundheit eher abträglich sind, wie der Mikrobiologe Henrik Gabriel erklärt. Besonders etwa bei Handseifen, die antibakteriell wirken sollen, sieht er die Gefahr, dass man sich allergenen Chemikalien aussetzt. "So kann es dazu kommen, dass sich vielleicht eine Allergie oder Ähnliches entwickelt.“ Mittlerweile leidet schon jeder dritte Deutsche unter Allergien.

Die orale Phase trainiert den körpereigenen Abwehrmechanismus

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"Die Evolution hat uns nicht dafür gemacht, ständig mit Desinfektionsmitteln und Reinigern umzugehen", sagt Prof. Michael Zemlin.

Durch unseren Hygienewahn hebeln wir die Mechanismen aus, die von Natur aus vorgesehen sind, unsere körpereigene Abwehr stark für den Kampf gegen Keime machen. Das Training dafür beginnt schon im Kleinkindalter - in der oralen Phase, "wenn wir fast alles in den Mund stecken, was so herumliegt", so der Allergologe Prof. Michael Zemlin. Der Leiter der Kinderklinik Marburg glaubt, dass das Immunsystem damit eine "Toleranzentwicklung" gegenüber allen möglichen Keimen lernt. "Wenn das Kind dann aber immer nur ein desinfiziertes Spielzeug in den Mund steckt, fehlt ihm dieses Training. Und es kann sein, dass dies zu der Welle von immunologischen Erkrankungen mit beiträgt.“ Mediziner wie er bezeichnen Allergien inzwischen sogar als neue Volksseuche.

Wie können uns bloße Blütenpollen krank machen?

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Eigentlich harmlos: Pollen der Haselnuss. Bei manchen Menschen lösen sie jedoch allergische Reaktionen aus.

Professor Harald Renz versucht seit mehr als dreißig Jahren, den Allergien auf die Schliche zu kommen. Was Allergien sind, erklärt der Wissenschaftler so: "Es handelt sich um immunologische Fehlregulationen. Wenn also unser Abwehrsystem verrücktspielt, richtet es sich plötzlich gegen harmlose Bestandteile in unserer Umwelt: Nahrungsmittel, Pollen, Tierhaare, Schimmelpilze oder Hausstaubmilben. Das sind eigentlich ganz harmlose Begleiter in unserem Alltagsleben, doch sie werden verrückterweise als etwas ganz Gefährliches erkannt. Die Antwort des Körpers ist dann eine Entzündung. Und diese Entzündungsantwort bildet sich vor allen Dingen an den Grenzflächen unseres Körpers zur Umwelt hin aus, also an der Lunge, am Darm, an der Haut, in den Augen. Dann sprechen wir von den klassischen allergischen Erkrankungen: Nahrungsmittelallergie, Asthma, Heuschnupfen, Neurodermitis.“

Ein Leben ohne Keime macht krank

Laborversuch zeigt, wie wichtig Umweltkeime für die Gesundheit sind

Welche Auswirkungen ein Leben ohne Keime haben kann, haben Professor Renz und sein Team anhand von Mäusen nachgewiesen. Tiere aus einer keimfreien Laborzucht wurden allein dadurch krank, dass sie - eigentlich harmlosen - Umweltkeimen ausgesetzt wurden. Werden die Mäuse jedoch mit Bakterien von einem Bauern in ihrer Umgebung groß, bleiben sie gesund. Und Muttertiere geben den Allergieschutz sogar an ihren Nachwuchs weiter. Auch wir brauchen den Kontakt zu Umweltbakterien, damit unsere Immunabwehr fit bleibt.

Wasser und Seife völlig ausreichend

Beim Putzen geht es nur darum, die Konzentration von Bakterien zu verringern. Das lässt sich mit normalem Wasser und einem Seifenreiniger in einem Haushalt mit gesunden Menschen genauso erreichen. Nur wer mit Menschen zusammenlebt, die eine ansteckende Krankheit haben, braucht tatsächlich die desinfizierenden Reiniger, die im Medizin-Bereich verwendet werden und die spezielle Inhaltsstoffe haben.

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45 Min | 02.02.2015 | 22:00 Uhr