Stand: 21.04.2017 17:26 Uhr

Was macht Kopenhagen für Radler so attraktiv?

von Güven Purtul, 45 Min

Die dänische Hauptstadt gilt als das Radlerparadies schlechthin. Auffällig: Kampfradler sucht man hier vergebens, fast alle halten sich an die Verkehrsregeln. Das liegt auch an der guten Infrastruktur. Fast überall sind sie deutlich breiter als in Deutschland. Die breiten Spuren zeigen die Gleichberechtigung der Radfahrer. Davon profitieren auch Autofahrer, weil die Straßen leerer sind. Der Radverkehrsanteil in Kopenhagen liegt bei weit über 50 Prozent. Immer mehr Menschen nutzen dort das Fahrrad. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Unfälle.

Was steckt hinter dem Kopenhagener Fahrradwunder?

Bild vergrößern
Klaus Bondam will für Radfahrer dieselbe Qualität bei der Infrastruktur wie bei der für Autofahrer.

Wie hat die Stadt das erreicht? Einer der Väter des Kopenhagener Fahrradwunders ist der ehemalige sogenannte technische Bürgermeister, zuständig für Verkehrsfragen, Klaus Bondam. Heute ist Bondam Vorsitzender des Dänischen Radfahrerverbands. Autor Güven Purtul hat sich von ihm erklären lassen, wie die dänische Hauptstadt es genau schafft, dass immer mehr Menschen auf das Fahrrad umsteigen.

Güven Purtul: Warum fahren in Kopenhagen so viele Menschen mit dem Rad?

Klaus Bondam: Ich glaube, das liegt daran, dass es hier eine Tradition gibt, Rad zu fahren. Außerdem sind die Straßen eben und das Wetter ist dafür gut geeignet - nicht zu heiß, nicht zu kalt. Zudem hat die Stadt viel in den Ausbau der Radwege investiert.

Wie sind die von Straße und Fußweg abgegrenzten Radwege eigentlich genau gebaut?

Bondam: Meistens sind sie so aufgebaut: Der Fußweg ist durch einen Bordstein begrenzt. Dann kommt die Fahrradspur, die wiederum einen Bordstein hat. Daneben parken Autos. Die wirken dann wie ein mentaler und visueller Schutz vor den vorbeifahrenden Autos.

Bild zeigt aus der Froschperspektive den Aufbau von baulich abgegrenzten Radwegen. Durch Bordsteine getrennt vom Fußweg und von parkenden Autos. © NDR

So funktionieren die Radwege in Kopenhagen

45 Min -

Statt aufgemalter Fahrstreifen, gibt es in der dänischen Hauptstadt viele baulich abgegrenzte Radwege. Wie sind sie genau aufgebaut?

4,9 bei 10 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Wie wichtig ist eine bauliche Trennung der Radwege vom übrigen Verkehr?

Bondam: Ich glaube am wichtigsten ist es, Radwege zu bauen, auf denen sich die Leute sicher fühlen, damit sie das Fahrrad auch nutzen. Das erreicht man mit separaten, baulich getrennten Fahrradspuren. Hier fühlen sich auch Senioren und Eltern mit Kindern sicher. Wir haben zwar auch Fahrradspuren, die nur durch weiße Farbe gekennzeichnet sind, aber die baulich abgegrenzte Radspur ist die bevorzugte Variante.

Ist das nicht sehr teuer?

Investitionen in Radwege

Kopenhagen investiert viel Geld in den Ausbau der Radwege. Zum Vergleich: Deutsche Städte wie Osnabrück oder Oldenburg geben jährlich pro Einwohner drei bis vier Euro für den Radverkehr aus. Kopenhagen dagegen mit 23 Euro ein Vielfaches.

Bondam: Ja, es kostet Geld, einen Bürgersteig oder Schienen zu bauen und so kostet es eben auch, eine ordentliche Infrastruktur für Radfahrer zu bauen. Doch der Kosten-Nutzen-Effekt ist enorm. Den Zahlen des Verkehrsministeriums zufolge spart die dänische Gesellschaft durch jeden Kilometer, den wir mit dem Rad statt mit dem Auto zurücklegen, rund einen Euro. Denn dadurch leben wir länger und gesünder.

War es einfach, auch auf großen Straßen die Fahrradinfrastruktur auszubauen?

Bondam: Nein. Bei einer der Haupteinfallsstraßen - der Norrebrogade - beispielsweise war es eine sehr schwierige politische Entscheidung. Und es gab große Meinungsverschiedenheiten. Die Ladenbesitzer zum Beispiel waren sehr aufgebracht und fürchteten den Bankrott. Doch Studien beweisen, dass Fahrradfahrer nicht nur hier in Kopenhagen, sondern auch in anderen dänischen Städten mehr einkaufen. Warum? Weil sie impulsiver shoppen. Sie fahren auf ihrem Rad, sehen ein hübsches T-Shirt, bleiben stehen und kaufen es. Weil es viel einfacher ist, als wenn Sie mit dem Auto unterwegs sind.

Viele Menschen sagen, sie könnten nicht auf das Auto verzichten. Was sagen Sie dazu?

Bondam: Wir wissen, dass 30 Prozent aller im Auto zurückgelegten Strecken in Dänemark fünf Kilometer oder kürzer sind. In anderen europäischen Städten sind es sogar 50 Prozent. Ich denke aber, dass es schwierig wird, irgendjemanden zu finden, der nicht fünf Kilometer mit dem Rad fahren kann.

Ich kann verstehen, dass für manche Kurzstrecken das Auto unerlässlich ist, dennoch könnte man in der überwiegenden Zahl der Fälle stattdessen das Fahrrad nehmen - jedenfalls wenn wir sicherstellen, dass es eine angemessene Infrastruktur gibt.

In Deutschland favorisieren viele Planer weiße Linien auf der Straße als Radwege-Infrastruktur. Was halten Sie davon?

Bild vergrößern
In Kopenhagen kommen sich der fließende Verkehr und die Radfahrer nicht so ins Gehege, wie hier in Hamburg beispielsweise.

Bondam: Vor allem würde ich sagen: Glücklicherweise wird die Welt nicht von Planern regiert, sondern von demokratisch gewählten Politikern. Und die Planer tun dann hoffentlich, was die demokratisch gewählten Politiker ihnen sagen.

Wenn ein Planer nun weiße Linien als Fahrradspuren favorisiert, dann denke ich, dass das sehr schlecht durchdacht ist, um es freundlich zu formulieren. Wir haben Tonnen von Belegen dafür, dass mehr Leute Rad fahren, wenn die entsprechende, sichere Infrastruktur da ist.

Halten Sie Radfahren für gefährlich? Wie viele Todesfälle gibt es zum Beispiel in Dänemark?

Bondam: Ich denke nicht, dass es gefährlich ist, wenn die Infrastruktur entsprechend sicher ist. In Dänemark gibt es laut Statistik etwa 30 Unfälle pro Jahr, bei denen ein Radfahrer stirbt. Das sind natürlich immer noch 30 zu viel, doch die Zahl der tödlich verunglückten Radfahrer hat sich im Laufe der vergangenen 25 Jahre deutlich reduziert. Übrigens gilt das auch für Autofahrer und Fußgänger.

Links

Dänische Fahrradbotschaft

Website eines Netzwerks von Nicht-Regierungsorganisationen, örtlichen Behörden und Fahrradexperten privater Firmen. extern

Diese 30 Unfalltoten unter den Radfahrern würde ich gern den mehr als 4.000 Menschen in Dänemark gegenüberstellen, die jährlich aufgrund eines inaktiven Lebensstils sterben. Wir haben als Gesellschaft also ein Interesse daran, dass die Menschen sich bewegen. Das kann Joggen oder der Besuch im Fitnessstudio sein. Es ist aber sehr praktisch, physisch aktiv zu sein, einfach indem man das Fahrrad als tägliches Transportmittel nutzt.

In der Innenstadt gibt es nun weniger Parkplätze.  

In der Stadt geht es immer um Prioritäten: Wollen wir einen Fahrradweg oder wollen wir Parkplätze? Für mich ist die Antwort klar: Ich will einen Fahrradweg! Warum? Weil ein Radweg viel mehr Menschen nützt als ein Parkplatz für eine Person, die ihr Auto 95 Prozent der Zeit dort stehen lässt. Es steht einfach da und nimmt viel Platz weg.

Das sage ich, obwohl ich selbst Auto fahre und das auch gern tue. Aber ich verlange als Radfahrer exakt dieselbe Qualität bei der Infrastruktur, wie ich sie auch als Autofahrer habe. Das ist für mich einfach nur logisch.

Mehr zum Thema
03:42

ADFC: Was macht Kopenhagen besser?

24.04.2017 22:00 Uhr
45 Min

Statt der deutschen "Pseudo-Radwege" wünscht sich Stephanie Krone vom ADFC eine so gute Rad-Infrastruktur wie in Kopenhagen. Warum sieht sie die Stadt als Vorbild? Video (03:42 min)

mit Video

Der Fahrradkrieg: Kampf um die Straßen

24.04.2017 22:00 Uhr
45 Min

Das Fahrrad soll zentrale Probleme in den Städten lösen: wie Stau oder Lärm. Doch dafür sind die Radwege im Norden noch völlig unzureichend. Was taugen die Konzepte der Planer? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 24.04.2017 | 22:00 Uhr

Mehr Ratgeber

11:45

Herbstbepflanzung für den Balkon

19.10.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag
05:11

Heiße Gewürzschokolade für kalte Tage

19.10.2017 16:20 Uhr
Mein Nachmittag
03:33

Wie legt man eine Streuobstwiese an?

18.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin