Stand: 09.08.2014 17:48 Uhr  | Archiv

Gefährliches "Wundermittel" gegen Krebs

Bittere Aprikosenkerne sehen aus wie Mandeln und schmecken auch so ähnlich. Mit einem großen Unterschied: Sie haben einen äußerst bitteren Nachgeschmack. Dafür sorgt ein Stoff mit dem Namen Amygdalin. Ihm wird nachgesagt, dass er Krebszellen im Körper abtötet. Viele schwer kranke Patienten schwören auf die angebliche Wirkung, einige knüpfen sogar ihre letzte Hoffnung auf Heilung an die bitteren Kerne.

"Vitamin B17" soll angeblich Tumore abtöten

Entsprechend groß ist das Angebot an bitteren Aprikosenkernen im Internet, auch in Reformhäusern sind die Kerne erhältlich, manchmal nur "unter der Ladentheke" oder auf Bestellung. Der Preis liegt bei rund zehn Euro pro Kilogramm, in Bio-Qualität sind es ein paar Euro mehr. Einige Hersteller werben mit Versprechen wie "natürlich", "gesund" und "biologisch". Und immer wieder ist die Rede von "Vitamin B17" - angeblich ein Wirkstoff, der Krebsgeschwüre im Körper abtötet.

US-Studien: Keine Wirkung gegen Krebs

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Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät, dass Erwachsene höchstens zwei bittere Aprikosenkerne am Tag essen sollten.

Wissenschaftler wie der Krebsmediziner Professor Matthias Freund beschäftigen sich schon seit Langem mit der Wirksamkeit sogenannter alternativer Krebstherapien. Das angebliche "Vitamin B17" aus bitteren Aprikosenkernen wurde bereits in den 70er-Jahren als Wundermittel gegen Krebs angepriesen - zu Unrecht. "Studien aus den USA belegen, dass 'Vitamin B17' wirkungslos ist", sagt Professor Freund. Außerdem sei der Begriff "Vitamin" irreführend: "Der Körper braucht diesen Stoff nicht zum Leben, wie es bei echten Vitaminen der Fall ist."

Lebensgefahr: Vergiftung durch Blausäure möglich

Bittere Aprikosenkerne sind nicht nur wirkungslos gegen Krebserkrankungen, sie können nach Ansicht des Göttinger Toxikologen Dr. Martin Ebbecke sogar zu Vergiftungen führen. Der Bitterstoff Amygdalin aus den Kernen werde im Körper zu Blausäure umgewandelt - ein Gift, das die Aufnahme von Sauerstoff in den Zellen verhindert. "Dadurch ersticken die Zellen, was schließlich sogar zum Tode führen kann", sagt Ebbecke. Erste Symptome seien Übelkeit, Kopfschmerzen und Lähmungen.

Warnhinweise: Hersteller empfiehlt gefährliche Dosis

Gift ist immer eine Frage der Dosis. Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät, dass Erwachsene höchstens zwei bittere Aprikosenkerne am Tag essen sollten und fordert Warnhinweise auf den Verpackungen. Doch nicht alle Hersteller halten sich daran. In einer Stichprobe von Markt fehlten auf einigen Verpackungen Warnhinweise wie "enthält Blausäure" oder "von Kindern fernhalten". Auch die empfohlene Höchstdosis wurde zum Teil falsch angegeben, in einem Fall mit bis zu acht Kernen pro Tag - nach Ansicht des Toxikologen Ebbecke eine fahrlässig hohe Empfehlung.

Ministerium: Kein Verkaufsverbot für Kerne

Nur einer der Hersteller nimmt zu den Vorwürfen Stellung und schreibt: "Unsere Kunden können immer selbst entscheiden, welche Menge sie zu sich nehmen." Und: "Einige unserer Stammkunden essen bis zu 60 Kerne am Tag, und es ist bis dato nichts passiert." Ob das stimmt? Experten sind skeptisch.

Um Verbraucher zu schützen, könnte die Bundesregierung strengere Vorschriften beschließen oder den Verkauf der Kerne verbieten. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft sagt, man habe die Angelegenheit geprüft, aber "eine entsprechende Kennzeichnungspflicht als nicht erforderlich angesehen." Für die Hersteller und Händler bitterer Aprikosenkernen ist das eine gute Nachricht: Sie können mit den gefährlichen Kernen weiterhin Geschäfte auf Kosten von Krebspatienten machen.

Ergänzung: Vergiftungsfälle und medizinische Wirksamkeit (Stand: 9. August 2014)

Die Giftnotrufzentralen in Berlin, Göttingen, Erfurt, Freiburg und München haben seit 2006 insgesamt rund 200 Vergiftungsfälle durch den Verzehr bitterer Aprikosenkerne registriert. Keine Auskunft gaben die Giftnotrufzentralen Homburg/Saar, Nürnberg, Mainz und Bonn. Dass einige Menschen auch beim Verzehr größerer Mengen bitterer Aprikosenkerne keine Vergiftungserscheinungen zeigen, erklären Toxikologen so: Wird die Menge der verzehrten Aprikosenkerne stetig gesteigert, gewöhnt sich der Körper daran und kann ein Gegengift zur Blausäure produzieren. Vor der Behandlung mit bitteren Aprikosenkernen und dem darin enthaltenen Wirkstoff Amygdalin warnen nach Recherchen von Markt unter anderem auch das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg und mehrere Selbsthilfegruppen für Krebskranke.

Dieses Thema im Programm:

Markt | 04.08.2014 | 20:15 Uhr

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