Stand: 20.01.2017 11:26 Uhr

Was bedeuten die größten Tierwohllabels?

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Arme Schweine? Tierwohl-Labels sollen Fleisch kennzeichnen, das aus tierfreundlicher Haltung stammt.

Schweine, die auf engstem Raum gehalten werden, Hühner, die mit Antibiotika gefüttert werden, oder Rinder, die sich auf stundenlangen Tiertransporten quälen: Vielen Menschen ist die Vorstellung, dass Nutztiere unnötig leiden müssen, zuwider. Sogenannte Tierwohllabels sollen erkennbar machen, welches Fleisch von Tieren aus verantwortungsvoller und artgerechter Haltung stammt.

Doch bislang existiert kein einheitliches Siegel. Stattdessen gibt es mehrere Labels, die unterschiedlich hohe Standards in der Tierhaltung einfordern. Zwar hat Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Januar 2017 ein staatliches Tierwohllabel vorgestellt, das 2018 eingeführt werden soll. Doch auch dieses Label wird wieder ein freiwilliges, unverbindliches Label sein, von denen es bereits mehrere gibt. Welche Standards das neue Label vorschreiben wird, steht ebenfalls noch nicht fest. Bis dahin können sich Verbraucher an den bereits existierenden Siegeln orientieren. Doch nach welchen Kriterien werden sie vergeben? Ein Überblick:

Bio-Siegel

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Beim Tierschutz haben die großen deutschen Bio-Anbauverbände striktere Richtlinien als das EU-Biosiegel.

Bio-Betriebe haben generell relativ strenge Richtlinien bezüglich der Tierhaltung. Zu unterscheiden ist aber zwischen deutschen Bio-Anbauverbänden wie Naturland, Bioland oder Demeter und dem EU-Biosiegel, das teilweise niedrigere Anforderungen stellt. So schreibt etwa das EU-Siegel nicht vor, dass Milchkühe und Mastrinder im Sommer Auslauf erhalten. Auch darf die Zahl der gehaltenen Tiere größer sein und sie müssen nicht ausschließlich Biofutter erhalten. Für Transport und Schlachtung gibt das EU-Biosiegel im Gegensatz zu den deutschen Anbauverbänden, die Wert auf kurze Transportstrecken und -zeiten legen (maximal vier Stunden), keine speziellen Vorgaben.

Neuland

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Bereits seit 1988 besteht der Neuland-Verein. Sein Ziel ist eine tiergerechte Haltung.

Neuland ist ein Verein, der ein sogenanntes Markenfleisch-Programm aufgelegt hat. Bezüglich der Tierhaltung legt Neuland strenge Kriterien an, die denen der deutschen Bio-Anbauverbände ähneln, etwa, was den freien Auslauf für Hühner, beziehungsweise den Weidegang für Rinder und Milchkühe betrifft. Die Ställe bieten ausreichend Platz und sind mit Stroh ausgestattet. Ferkel werden immer unter Betäubung kastriert, es werden keine vorbeugenden Medikamente verabreicht und der Transport zum Schlachthof darf nicht länger als vier Stunden dauern. Anders als bei Bio-Betrieben muss bei Neuland das Futter nicht aus biologischem Anbau stammen, allerdings wird ausschließlich mit einheimischen und gentechnikfreiem Futter gefüttert. Träger des Neuland-Vereins sind unter anderem der Deutsche Tierschutzbund und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND). Fleisch von "Neuland" ist in ausgewählten Fleischereien sowie in den Hofläden der "Neuland"-Betriebe erhältlich. Eine Liste mit Bezugsquellen findet sich auf der Neuland-Homepage.

Label "Für mehr Tierschutz"

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Die mit zwei Sternen gekennzeichnete Premiumstufe schneidet bei Verbraucherschützern gut ab.

Das Label "Für mehr Tierschutz" hat der Deutsche Tierschutzbund im Jahr 2013 eingeführt. Das zweistufige Label bewertet die Haltung von Masthühnern, Mastschweinen und seit Anfang 2016 auch von Legehühnern in der konventionellen Landwirtschaft. Die Einstiegsstufe, auf dem Label mit einem Stern gekennzeichnet, garantiert dabei etwa Hühnern und Schweinen mehr Platz. Außerdem müssen Hühnerställe Sitzstangen und Pickgelegenheiten bieten, die Tiere dürfen pro Tag nur in Maßen gemästet werden. Schweinen stehen Beschäftigungsmöglichkeiten zur Verfügung. Bei Legehennen ist das Kupieren der Schnäbel, bei Mastschweinen das Kürzen der Schwänze und das Kastrieren ohne Betäubung verboten. Zudem dürfen die Tiertransporte nicht länger als vier Stunden dauern - in diesem Punkt und bei den Vorschriften zu Beschäftigungsmöglichkeiten für die Tiere ist dieses Label strenger als das EU-Biosiegel.

Nur Premiumstufe steht für "hohes Tierschutzniveau"

Die Premiumstufe, die mit zwei Sternen gekennzeichnet ist, setzt strengere Kriterien an. Masthühner und Schweine müssen freien Auslauf bekommen, Legehennen ist durch große Fensterflächen Tageslicht garantiert. Schweine bekommen zudem eine Einstreu aus Stroh. Laut Verbraucherzentrale kennzeichnet die Premiumstufe "ein hohes Tierschutzniveau". Die Einstiegsstufe biete dagegen lediglich "mehr Tierschutz als der gesetzliche Mindeststandard, aber noch kein sehr hohes Tierschutzniveau", so die Verbraucherschützer. Fleisch mit dem Label ist unter anderem bei Netto, Famila und Edeka erhältlich, zertifizierte Eier unter anderem bei Hit, Lidl und Edeka-Südwest.

Label "Tierschutz kontrolliert"

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Das zweistufige Label des Vereins "Vier Pfoten" zertifiziert nach ähnlichen Kriterien wie das Label "Für mehr Tierschutz".

Hinter diesem Label steht die gemeinnützige Tierschutz-Stiftung "Vier Pfoten". Es besitzt ebenfalls eine Einstiegs- und eine Premiumstufe, deren Anforderungen ungefähr vergleichbar sind mit denen des Labels "Für mehr Tierschutz". So bieten zertifizierte Betriebe ihren Tieren Beschäftigungsmöglichkeiten und bei der Premiumstufe auch Auslauf im Freien an und sichern zu, dass die Transporte zum Schlachthof nicht länger als vier Stunden dauern. Zudem erhalten die Tiere ähnlich viel Platz wie bei Bio-Landwirten. Problem: In Norddeutschland sind Fleischprodukte, die das Siegel tragen, kaum erhältlich.

Produktkennzeichnung "Initiative Tierwohl"

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Seit April 2016 sind Fleischprodukte im Einzelhandel teilweise mit dieser Produktkennzeichnung etikettiert.

Die "Initiative Tierwohl" ist eine Gemeinschaftsaktion der Landwirtschaft, der Fleischwirtschaft und des Lebensmittelhandels. Ziel der Initiative: möglichst vielen Tieren zu besseren Lebensbedingungen verhelfen. Dabei werden Betriebe, die über das gesetzliche Maß hinaus etwas für das Tierwohl tun, belohnt: Je mehr sie für die Tiere tun, desto mehr Geld erhalten sie aus einem Fonds, der von verschiedenen Lebensmittelkonzernen finanziert wird. Der Initiative gehören unter anderem Rewe, Real, Aldi, Edeka und Lidl an. Derzeit führen die Konzerne vier Cent pro Kilogramm Schweine- oder Geflügelfleisch an den Fonds ab. Die Grundanforderungen an die Betriebe liegen zwar über den gesetzlichen Mindestanforderungen, sind aber niedrig: Tiere nehmen beispielsweise an einem Antibiotika-Monitoring teil, bekommen in ihren Ställen ein Mindestmaß an Tageslicht und teilweise mehr Platz.

Kritik von Verbraucherschützern und Tierschutzbund

Verbraucherzentralen sehen die Produktkennzeichnung kritisch: Die Supermärkte dürften mit der Kennzeichnung werben, auch wenn das Fleisch, das sie verkaufen, nur zum Teil von Betrieben mit verbesserten Standards stamme. Nicht einmal das Etikett der "Initiative Tierwohl" auf der gekauften Fleischpackung biete die Gewähr, dass das Fleisch aus einem Teilnehmerbetrieb stamme. Zudem seien die Standards viel zu niedrig: "Für Verbraucher, die Wert auf eine erheblich bessere Tierhaltung legen", seien sie "keine Alternative". Auch der Deutsche Tierschutzbund, der dem Beraterausschuss der Initiative zunächst angehörte, kritisierte diese zuletzt heftig und stieg schließlich aus dem Beratergremium aus.

Der Kritik an ihrer Produktkennzeichnung begegnet die Initiative mit dem Hinweis, dass durch sie "für mehr Tiere Tierwohl-Maßnahmen umgesetzt werden als durch jeden anderen derzeitigen Ansatz", momentan seien es über 13 Millionen Schweine und 275 Millionen Hähnchen und Puten. Kunden würden auf den Fleischverpackungen darüber informiert, dass "die Produkte nicht zwangsläufig aus Tierwohl-Betrieben stammen müssen". Man arbeite zudem daran, den Fonds finanziell künftig besser auszustatten und die Grundanforderungen zu erhöhen.

Fazit: Mehr Tierwohl kostet mehr Geld

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Umfragen zufolge würden Verbraucher für Fleisch von Tieren aus besserer Haltung mehr zahlen.

Am Ende müssen die Kunden an den Fleischtheken entscheiden, was ihnen das Tierwohl wert ist. Für wirklich gute Haltungsbedingungen stehen vor allem die Labels der deutschen Bio-Anbauverbände, das Neuland-Siegel sowie die Premiumstufen der Labels "Für mehr Tierschutz" und "Tierschutz kontrolliert". Eine erste Übersicht, welche Standards die einzelnen Labels setzen, gibt die Broschüre des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Sicher ist: Für Fleisch aus artgerechter Haltung muss man tiefer in die Tasche greifen. Umweltschutzverbände raten überdies dazu, den Fleischkonsum insgesamt zu reduzieren und Fleisch nur als Delikatesse und in Maßen zu genießen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Fernsehen | Hallo Niedersachsen | 19.01.2017 | 19:30 Uhr

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