Stand: 09.06.2016 11:16 Uhr

Sicher ist sicher: Fahrtraining für Senioren

von Michael Latz, NDR Info
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"Fit im Auto" werden die Teilnehmer des Programms sowohl im normalen Straßenverkehr als auch auf dem Übungsplatz gemacht.

Irene Musahl ist etwas nervös. 72 Jahre ist sie alt, hat seit Jahrzehnten den Führerschein und fährt nun doch wieder in einem Fahrschulwagen durch Uelzen. Fahrlehrer Dirk Stever neben ihr hat gerade vorgeschlagen, rückwärts einzuparken. "Auch das noch“, stöhnt die Seniorin. Erst fällt es ihr schwer, in dem fremden Wagen den Rückwärtsgang zu finden, aber dann läuft alles wie am Schnürchen. Erst zurück, dann noch einmal kurz nach vorn und der Wagen steht.

Die Übung ist Teil eines Trainings für ältere Autofahrer. "Fit im Auto“ heißt es und wird seit gut einem Jahr von der Landesverkehrswacht in Niedersachsen angeboten. Für Irene Musahl ist es eine Möglichkeit, sich selbst zu testen: "Meine Kinder finden das toll, dass ich das mache. Und die Älteren meinten: 'Hättest Du mal was gesagt, dann hätten wir zusammen gehen können'", erzählt sie.

"Ich könnte heute keine Fahrprüfung mehr machen"

Auf der Rückbank im Fahrschulwagen sitzt Heinrich Oldag und macht sich Notizen. Früher war er deutschlandweit im Lieferverkehr unterwegs. Jetzt, mit Mitte 70, ist es Zeit für eine Auffrischung, wie er meint: "Ich könnte heute keine Fahrprüfung mehr machen. Ich müsste mich unheimlich reinknien."

Nach einer guten halben Stunde wechselt Heinrich Oldag nach vorne ans Steuer, Irene Musahl bewertet nun seinen Fahrstil. Weiter geht es durch die Uelzener Innenstadt. Langsam fahren an Bushaltestellen, richtiges Einordnen an komplizierten Kreuzungen oder Warten am Zebrastreifen - beim Training wird das kleine Einmaleins des Straßenverkehrs vermittelt.

Hilfreiche Ratschläge statt Kritik

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Fahrlehrer Dirk Stever betont, dass es beim Fahrsicherheitstraining nicht darum geht, die Teilnehmer vorzuführen.

Die Tour endet mit einer ausführlichen Nachbesprechung. Irene Musahl und Heinrich Oldag schildern, wie sie den jeweils anderen am Steuer wahrgenommen haben. "Es geht nicht darum, jemanden wegen eines Fahrfehlers vorzuführen", betont Fahrlehrer Dirk Stever. Und tatsächlich klingt seine Kritik eher wie ein Ratschlag. Das Lenkrad mit beiden Händen anfassen, in 30er-Zonen mehr von Gas gehen oder öfter mal den Schulterblick denken: "Die meisten Autofahrer gewöhnen sich den im Laufe der Zeit einfach ab. Das ist mir bei beiden extrem aufgefallen."

Heinrich Oldag gibt ihm Recht, allerdings fällt ihm der Schulterblick inzwischen körperlich schwer. "Das ist mir bewusst und deshalb fahre ich auch immer mit drei Spiegeln", erklärt er. 

Wichtiges Feedback von Altersgenossen

Mit "Fit im Auto“ hat die Landesverkehrswacht in Niedersachsen einen Coup gelandet. Das Interesse an dem Training ist riesig. Im vergangenen Jahr ist das Programm mit knapp 60 Kursen gestartet, in diesem Jahr gab es bis Ende Mai schon genauso viele. Viele davon waren schon Wochen vorher ausgebucht, freut sich Cornelia Zieseniß, die Geschäftsführerin der Landesverkehrswacht. Sie führt den Erfolg auch darauf zurück, dass sich die Teilnehmer gegenseitig helfen: "Das ist etwas, worauf Senioren Wert legen, dass andere ihnen ein Feedback geben."

Zuschüsse von Kreisen und Kommunen

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Fahrsicherheitstrainer Wolfgang Stenzel (2.v.l.) lässt die Senioren nach den Übungen auch untereinander Feedback geben.

30 Euro kostet der Kurs. Bezuschusst wird das Programm von den Kreisen und Kommunen. Neben der gemeinsamen Autofahrt gibt es ein Sicherheitstraining, bei dem zum Beispiel Vollbremsungen geübt werden oder das Wenden auf engem Raum. In einem kurzen Theorieteil geht es außerdem um Änderungen in der Straßenverkehrsordnung oder um neue Verkehrsschilder. "Wir versuchen nicht die Leute zu belehren, sondern sie sollen sich selber testen. Ohne Angst den Führerschein abgeben zu müssen", erklärt Cornelia Zieseniß.

Auch Fahrschulen bieten Auffrischungskurse an

Offenbar wächst bei Senioren das Interesse an solchen Angeboten. In Schleswig-Holstein denkt die Landesverkehrswacht über ein ähnliches Training nach. Darüber hinaus bieten immer mehr Fahrschulen Auffrischungskurse an. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat wiederum arbeitet beim Programm "Sicher mobil" mit Fahrlehrern wie Michael Reichentrog aus Lübeck zusammen. Er veranstaltet Seminare, bei denen sich Senioren über ihre Erfahrungen und Probleme im Straßenverkehr austauschen können. "Manche Teilnehmer kommen nur hin und wieder, andere sind seit langer Zeit regelmäßig dabei", erklärt er. Von verpflichtenden Eignungstests für Senioren, wie sie immer wieder nach Unfällen mit älteren Autofahrern diskutiert werden, hält Reichentrog überhaupt nichts.

Ältere Fahrer verursachen immer mehr Unfälle

Zwar sind nach wie vor junge Autofahrer die Sorgenkinder in der Unfallstatistik, aber auch die älteren Fahrer verursachen immer mehr Unfälle. In Schleswig-Holstein zum Beispiel steigt die Zahl der von Senioren verursachten Unfälle seit fünf Jahren stetig an. In Niedersachsen und Hamburg zeigte der Trend im vergangenen Jahr ebenfalls nach oben. Und in Mecklenburg-Vorpommern sorgen Senioren schon seit 2014 für mehr Unfälle als Autofahrer unter 25 Jahren.

Dass das Autofahren im Alter schwerer fällt, hat nach Einschätzung von Fahrlehrer Dirk Reichentrog allerdings nicht unbedingt mit körperlichen Einschränkungen zu tun. Oft fehle es den Senioren einfach an Routine: "Bei vielen merkt man, dass sie sehr wenig fahren. Das ist so ein Rattenschwanz. Je weniger sie fahren, desto unroutinierter werden sie und fahren noch weniger." Sein wichtigster Ratschlag für ältere Autofahrer ist deshalb denkbar simpel: "Fahren! Fahren! Fahren!"

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 09.06.2016 | 07:20 Uhr