Stand: 03.03.2012 19:16 Uhr

Gibt es fair produzierte Jeans?

Arbeits- und Sozialstandards werden in den Fabriken der Bekleidungsindustrie oft nicht eingehalten. Die Arbeiter werden ausgebeutet, ihre Gesundheit massiv gefährdet und die Umwelt verseucht. Ob es einen Unterschied in der Herstellung teurer Marken-Jeans und Billig-Ware gibt, hat Christiane Schnura im Interview mit NDR.de erklärt. Sie ist die Koordinatorin der "Kampagne für saubere Kleidung Deutschland".

In unserer Dokumentation "Der Preis der Blue-Jeans" decken die Autoren die aktuellen Zustände bei der Produktion dieser Hosen in China auf. Viele Zuschauer fragen sich jetzt: 'Ist meine Jeans etwa auch so hergestellt worden?' Was würden Sie ihnen sagen?

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"Leider ist davon auszugehen, dass die meisten Jeans unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt worden sind", sagt die Koordinatorin der Kampagne für saubere Kleidung, Christiane Schnura.

Christiane Schnura: Leider ist davon auszugehen, dass die meisten Jeans unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt worden sind. Sie werden in den sogenannten Billiglohnländern produziert. Dort nähen vor allem Frauen mit schlechter Bezahlung an 14 bis 16 Stunden pro Tag an sieben Tagen der Woche in Hitze und Staub Jeans zusammen.

Macht es einen Unterschied, ob meine Jeans in China, Bangladesch oder Rumänien hergestellt wurde?

Schnura: Die "Kampagne für saubere Kleidung" hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder festgestellt, dass in den Billiglohnländern die Arbeitsbedingungen überall gleich schlecht sind. Auch in europäischen Ländern. Wir recherchieren in diesen Ländern und arbeiten dort sehr eng mit Nicht-Regierungs-Organisationen wie etwa Gewerkschaften, Frauenorganisationen oder kirchlichen Einrichtungen zusammen. Von ihnen erfahren wir immer wieder, dass es gravierende Arbeitsrechtsverletzungen gibt.

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Sie arbeiten bis zu 16 Stunden im Akkord und trotzdem ist der Lohn dürftig. Arbeiter in der Jeansnäherei leben häufig unter Bedingungen wie zu Zeiten der Industrialisierung. mehr

In einigen Produktionsländern wie China gibt es eigentlich sehr gute Arbeitsgesetze. Leider müssen wir die Erfahrung machen, dass sie nicht eingehalten werden und die tatsächlichen Arbeitsbedingungen oft ganz anders sind. Das gilt übrigens auch für Bangladesch. Prinzipiell vergibt die Bekleidungsindustrie ihre Aufträge immer eher in Länder, die geringe Arbeits- und Sozialstandards und nur wenig Umweltauflagen haben. Das heißt auch, dass die Produktion wandert: Ist es in einem Land zu teuer, geht man einfach in ein anderes, denn eine Nähmaschine kann man problemlos von A nach B bringen, im Gegensatz zu großen Industrieanlagen.

Kampagne für saubere Kleidung

Unter dem Namen Clean Clothes Campaign (CCC) wurde 1990 in den Niederlanden ein Netzwerk gegründet, das es sich zum Ziel gemacht hat, die Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie zu verbessern. Heute gibt es Ableger in zwölf Ländern Europas. Zur CCC gehören unter anderem Nicht-Regierungsorganisationen, Gewerkschaften, kirchliche Gruppen und Verbraucherinstitutionen. In Deutschland läuft CCC als "Kampagne für saubere Kleidung".

Gerade mal drei bis vier Euro zahlen westliche Unternehmen heute für die Herstellung einer Jeans in China. Dabei ist es egal, ob die fertige Hose als teure Designerware oder als Billig-Jeans verkauft wird. Wie kommen am Ende Preise von 9,99 Euro im Discounthandel und über hundert Euro für Markenware zustande?

Schnura: Man muss wissen, dass die großen Marken sehr viel Geld in Werbung investieren. Ein Beispiel: Die Produktion der Unterwäschelinie von H&M, die David Beckham zurzeit bewirbt, soll genauso viel gekostet haben wie der Fußballer für diesen Einsatz als Honorar bekommen haben soll. Die großen Werbe- und Marketingmaßnahmen tragen also unter anderem dazu bei, dass die Markenware so teuer ist und die Global Player so große Gewinne machen. Die haben eine Gewinnmarge von zehn bis zwölf Prozent.

Unterscheidet sich denn die Herstellung teurer Markenjeans von der Billig-Ware?

Schnura: Die Arbeitsbedingungen der Näherinnen und Näher in den Fabriken sind die gleichen, ob sie für eine Nobelmarke oder einen Discounter arbeiten. Es werden höchstens unterschiedliche Materialien verwendet. Den Arbeitern wird womöglich mehr Zeit gegönnt, um die Nähte besser zu setzen, aber insgesamt sind es die gleichen schlechten Bedingungen in den gleichen Fabriken.

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45 Min | 05.03.2012 | 22:00 Uhr

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