Stand: 13.11.2015 10:45 Uhr  | Archiv

Gibt es Alternativen zur Polystyrol-Dämmung?

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Es gebe viele Alternativen zu Polystyrol, sagt die Ingenieurin Heike Böhmer.

Bis 2050 sollen alle Gebäude in Deutschland laut Energie-Einsparverordnung energetisch klimaneutral sein. Bestandsbauten müssen dann nachträglich gedämmt werden. Dabei können Bauherren neben dem mittlerweile umstrittenen Dämmstoff Polystyrol auch andere Materialien verwenden. Welche Dämmstoffe gibt es noch und welche Vor- und Nachteile haben sie? Die Diplom-Ingenieurin Heike Böhmer vom Institut für Bauforschung gibt Antworten im Interview.

Gibt es heute überhaupt noch Neubauten, die ohne Dämmmaterialen auskommen?

Heike Böhmer: Da man die öffentlich-rechtlichen Anforderungen der Energie-Einsparverordnung (EnEV 2014) außer bei Flüchtlingsunterkünften einhalten muss, ist das Bauen mit Wandkonstruktionen ohne klassische Wärmedämmung heute eher selten geworden. Dabei bieten mehrere Baustoffhersteller hoch wärmedämmende Materialien (wie beispielsweise mit Perlite oder Mineralwolle gefüllte Ziegel) an, die gemeinsam mit hocheffizienter Anlagentechnik auch Niedrigst-Energiehäuser wie zum Beispiel Passivhäuser, Null- oder Plusenergiehäuser möglich machen.

Vor vier Jahren hat 45 Min erstmals über die ökologischen  Risiken, vor allem aber über die Brandgefahr bei Wärmedämmverbundsystemen (WDVS) aus Polystyrol berichtet. Mittlerweile hat auch die Bauministerkonferenz die Brandgefahr bestätigt. Welche Vorteile hat der Stoff - außer dass er fast konkurrenzlos günstig ist?

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Böhmer: Bezüglich des Brandverhaltens hat die Bauministerkonferenz entsprechende Änderungen der Zulassungsbestimmungen beschlossen und Empfehlungen für die Dämmung von Neubauten, Erneuerungen und die nachträgliche Dämmung bestehender Gebäude gegeben. Das betrifft zum Beispiel die Abstände für die sogenannten Einhausungen [Metall- oder Steinboxen, die Red.] von Müllcontainern. Das Material besitzt aber aufgrund seiner Beschaffenheit natürlich nach wie vor Eigenschaften, die die Einordnung in die Kategorie der Dämmstoffe oder -materialien begründen. Dazu gehört die sehr gute Dämmfähigkeit bei einem sehr geringen Gewicht.

Womit lassen sich Fassaden alternativ dämmen?

Böhmer: Es gibt Wärmedämmverbundsysteme auch mit Materialien wie Steinwolle oder Mineralschaum. Andere anorganische Materialien bestehen in der Regel aus mineralischen Stoffen, die auf natürlicher Basis vorkommen (beispielsweise Perlite oder Blähton). Sie können aber auch künstlich hergestellt werden: wie etwa Mineralfasern, Schaumglas oder Kalziumsilikat. Vor der Verwendung sollte man sich aber über die Art der Zulassung dieser Stoffe für den deutschen Markt informieren. Auskünfte zur Gültigkeit einer Zulassung erhält man beim Deutschen Institut für Bautechnik (DIBT in Berlin) oder bei den Herstellern.

Der Vorteil beim Bauen und Modernisieren in der heutigen Zeit ist die Vielfalt dieses Marktes. Auch die gesetzlichen Vorschriften (wie die Energie-Einsparverordnung) oder die einschlägigen DIN-Normen lassen hier aus meiner Sicht völlig ausreichende Freiheiten. Die Entscheidung darüber, was in welchem Fall sinnvoll und zielführend eingesetzt wird, liegt beim Auftraggeber, Planer und den ausführenden Unternehmen. Das gilt auch für die Verantwortung zum nachhaltigen und wirtschaftlichen Bauen.

Welche nachwachsenden Materialien lassen sich zum Dämmen verwenden?

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Auch nachwachsende Dämmstoffe wie Zellulose, Flachs, Hanf oder Holzweichfaser (von li. nach re.) haben ihre Vor- und Nachteile.

Böhmer: Dazu zählen zum Beispiel Dämmmaterialien aus Holzfasern, Holzwolle, Kokosfasern, Kork, Schafwolle, Hanf, Stroh oder Zellulose, die nicht auf der Basis von Erdöl hergestellt werden. Auch hier ist sehr darauf zu achten, für welchen Einsatz im oder am Gebäude sie zugelassen sind und welche Voraussetzungen für den Einbau gegeben sein müssen.

Wie unterscheiden sich die nachwachsenden Stoffe in punkto Haltbarkeit, Kosten, Raumklima?

Böhmer: Jedes Produkt hat seine Vor- und Nachteile. Denen wird auch im Rahmen der jeweiligen Zulassung Rechnung getragen. Auch das vermeintlich beste, ökologischste, kostengünstigste Produkt ist unwirksam oder sogar "schädlich" (im Sinne von Bauschäden), wenn es an der verkehrten Stelle eingebaut wird, fehlerhaft eingebaut wird oder im Anschluss fehlerhaft genutzt wird.

Zur Person

Heike Böhmer ist seit 2008 Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Bauforschung e.V. Ihre Fachgebiete sind Bauschäden, energetische Gebäudemodernisierung, schadenfreies Bauen und Bauqualität sowie barrierefreies Bauen und Wohnkomfort. Sie arbeitet als Autorin, Referentin und Sachverständige. Heike Böhmer hat Bauingenieurwesen in Weimar und Hannover studiert.

Die Vorteile der Wärmedämmung aus natürlichen nachwachsenden Rohstoffen sind sicherlich überwiegend im Rahmen der Lebenszyklusbetrachtung zu finden. Das bedeutet im Wesentlichen, den Effekt einer Wärmedämmung auf die gesamte Lebensdauer eines Gebäudes zu betrachten und nicht nur zum Zeitpunkt der Investition oder nach einer kurzfristigen Nutzung.

Die Energie- und Nachhaltigkeitsbilanz sieht bei Wärmedämmung aus natürlichen beziehungsweise nachwachsenden Rohstoffen in der Regel deutlich positiver aus, wenn man an die Ausgangsmaterialien oder den Rückbau denkt. Die Wirksamkeit während der Nutzung unterscheidet sich, je nach Dämmwirkung, natürlich nicht wesentlich von anderen Materialien.

Eignen sich nachwachsende Dämmstoffe ausschließlich für den Inneneinsatz?

Böhmer: Nein. Je nach Zulassung sind sie für den jeweiligen Einsatzort am Gebäude geeignet. Darauf sollte auch geachtet werden, wenn man plant und baut.

Was für Materialien werden sonst noch für Innendämmungen verwendet?

Böhmer: Die Wärmedämmschicht im Inneren der Wand finden wir unter anderem bei Holzständerwänden oder aber, wie häufig hier in Norddeutschland, zwischen zwei massiven Mauerschalen. Früher beschränkte man sich auf eine Luftschicht. Heute wird sie in der Regel mit Wärmedämmmaterialien wie etwa Perlite, Vermiculite oder Steinfasermaterial gefüllt.

Ansonsten ist die derzeit gängigste Variante der Innendämmung eine mit Kalzium-Silikat-Platten. Aber auch Holzständerkonstruktionen (etwa mit Mineralfaserstoffen gedämmt), massive Wandkonstruktionen (aus Leichtbeton zum Beispiel) oder Mehrschichtplatten (beispielsweise aus Holzwolle) sind möglich. Jede Variante erfordert eine gründliche Voruntersuchung, Planung und fachgerechte Ausführung. Denn: Nicht jedes Produkt ist für jede Art von Wandkonstruktion geeignet. Eine wesentliche Rolle spielt auch die Wandbeschaffenheit: Ist sie eben? Wie luftdicht und dicht gegen Schlagregen ist sie? Wie feucht ist sie?

Wann kommt eine Dämmung von innen überhaupt infrage?

Böhmer: Ausschließlich dann, wenn die Dämmung von außen nicht möglich oder nicht gewünscht ist. Dies ist zum Beispiel bei denkmalgeschützten Fassaden oder Ensembles der Fall oder wenn das architektonische Erscheinungsbild im Sinne der Baukultur nicht verändert werden soll. Immerhin sollen unsere Städte in zehn Jahren ja nicht nur noch aus gedämmten Putzfassaden bestehen. Allerdings steht die Innendämmung immer wieder im Ruf, Bauschäden zu verursachen, was bei fach- und sachgerechter Planung, Ausführung und Nutzung nicht richtig ist. Allerdings sind hier wirkliche Experten mit Kompetenz und Erfahrung gefragt!

Welche Möglichkeiten gibt es noch, um ein Gebäude möglichst energiesparend zu gestalten?

Böhmer:
Wenn es technisch möglich ist, können Außenwände als sogenannte hinterlüftete Wandkonstruktionen konstruiert werden. Sie haben als äußere Schutzschicht keinen Putz, sondern "Bekleidungen", wie zum Beispiel Platten. Diese können nach klassischem Vorbild aus Schiefer, Holz, Metall oder Keramik bestehen. Es werden aber auch verschiedene Kunststoffe, Faserzement oder innovative Technikelemente wie etwa Photovoltaikmodule zur Nutzung der Sonnenenergie eingesetzt.

Neben dem Einbau unterschiedlicher Wärmedämmstoffe gibt es natürlich verschiedene bauliche Maßnahmen und die Nutzung von energiesparend arbeitenden Heizungssystemen etwa. Aufeinander abgestimmt, tragen sie sinnvoll dazu bei, Energie einzusparen.

Das Interview führte Ulla Brauer.

Informationen zur Sendung

Die Wärmedämmerung

16.11.2015 22:00 Uhr
45 Min

Der Dämmstoff Polystyrol soll Heizkosten deutlich senken. Wie gut ist seine Wärmedämmung wirklich? Und wie sieht es mit der Brandgefahr und der Umweltbilanz des Materials aus? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 16.11.2015 | 22:00 Uhr