Stand: 08.09.2017 18:21 Uhr

"Für die Altersvorsorge ist es nie zu spät"

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Zu spät sei es nie, sich mit Altersvorsorge zu beschäftigen, sagt die Finanzexpertin Doris Kappes.

Was haben etwa Investmentfonds oder Banksparpläne mit der Rente zu tun? Mit solchen Geldanlagen kann man für den Ruhestand finanziell vorsorgen - egal, ob Frau oder Mann. Dass es dazu eigentlich nie zu spät ist, erklärt Doris Kappes im Interview mit NDR.de. Die Rechtsanwältin und Finanzexpertin der Verbraucherzentrale Hamburg sagt, dass es fast für jeden Geldbeutel die Möglichkeit gibt, für die Rente zu sparen. Kappes erläutert zudem, was Verbraucher von so einer Beratung erwarten können, welche Unterlagen sie brauchen und wie oft man sich mit dem Thema beschäftigen sollte.

Gibt es eine Einkommensgrenze, ab der sich besonders Frauen in jedem Fall um ihre Altersvorsorge Gedanken machen müssen?

Wo gibt es Rentenberatung?

Kostenlose Beratung und Broschüren gibt es von der Deutschen Rentenversicherung. Eine Bewertung bestimmter Produkte gibt es dort zwar nicht, aber etwa Informationen über die eigenen Rentenansprüche oder Hilfestellung bei der Rentenantragstellung. Beratung zu Geldanlagen, die bei der Altersvorsorge helfen, geben neben freien Finanzdienstleistern die Verbraucherzentralen.

Doris Kappes: Nein, das muss jede Frau für sich selbst entscheiden. Allerdings würde ich sagen, dass es dann höchste Zeit wird fürs Alter zu sparen, wenn der Rentenbescheid kommt, und ich merke, dass ich gerade mal Grundsicherung bekomme. Es ist aber durchaus sinnvoll schon früher zu klären, welche Unterlagen über Erwerbstätigkeiten vorliegen. Etwa Bescheinigungen aus Nebenjobs.

Ab etwa dem 30. oder ab dem 35. Lebensjahr bekommt man - wenn man mindestens fünf Jahre eingezahlt hat - eine Übersicht von der Deutschen Rentenversicherung. In dem Auszug findet sich die Höhe der Erwerbsminderungsrente, die Höhe der Rente, die erreicht ist, wenn ich jetzt aufhören würde zu arbeiten sowie eine Prognose, die besagt, wie die Rente aussehen wird, wenn ich so weiterarbeite und einzahle wie in den vergangenen Jahren.

Gibt es eine Altersgrenze, ab der es womöglich sowieso zu spät ist, sich noch um eine zusätzliche Rente zu kümmern?

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Kappes: Es gibt keine Altersgrenze. Grundsätzlich gilt natürlich aber: Je früher man anfängt zu sparen, desto größer ist der Zinseszinseffekt. Und man kann dann auch mit kleineren Beträgen eine hohe Summe erreichen.

Was machen aber Menschen, die in Niedriglohn-Jobs arbeiten, etwa im Dienstleistungssektor? Haben die irgendeine Chance, etwas für die Altersvorsorge zu tun?

Kappes: Auf jeden Fall. Es gibt ja eine ganze Menge Sparformen, bei denen man schon relativ kleinteilig sparen kann; und damit meine ich ab 25 oder 50 Euro monatlich. Zum Beispiel können Sie für ganz viele Investment-, Aktien- oder Rentenfonds einen Sparplan ab 25 Euro monatlich vereinbaren. Auch Banksparpläne oder Sparpläne von Wohnungsbaugenossenschaften eignen sich für relativ kleinteilige Anlagen. Für Menschen, die wenig verdienen und viele Kinder haben, ist natürlich durch die ganzen Zulagen ein Riestervertrag ganz interessant. Da geht es dann um einen Sockel-Sparbetrag von 60 Euro im Jahr. Das ist ein Selbstgänger, das muss man auf jeden Fall machen.

Was für Unterlagen muss ich für eine Beratung zur Altersvorsorge mitbringen und wie muss ich mich vorbereiten?

Kappes: Was man mitbringen muss, hängt natürlich auch immer ein bisschen von der Fragestellung ab. Es gibt Leute, die möchten erst ansparen und andere haben schon gespart und wollen das nun anlegen. Mitbringen sollte man auf jeden Fall alles, was mit Geldanlage zu tun hat. Es geht also darum, was Sie in die Deutsche Rentenversicherung einzahlen, das Alter, den Familienstand, das Nettoeinkommen und dann werden auch Spareinlagen und Versicherungen abgefragt. Von denen sollte man auch die Verzinsung und die Laufzeiten wissen.

Was passiert dann während der Beratung?

Kappes: Zunächst erfragen wir die persönliche, berufliche und finanzielle Situation des Ratsuchenden: Wie alt ist er, ist er angestellt oder selbstständig, hat er Kinder, eine Immobilie, und so weiter. Dann geht es um zwei zentrale Fragestellungen: 1. Was ist das Sparziel? Möchte der Verbraucher zwischendurch an das Geld herankommen und wofür möchte er es haben? 2. Wie ist die sogenannte Anlagementalität? Wie risikobereit ist der oder die Ratsuchende? Wenn ich als Beraterin Antworten dazu habe, kann ich für diese Richtung bestimmte Sparformen aufzeigen. Wir erklären also welche Sparformen es gibt, die zum erklärten Sparziel und der Risikomentalität passen sowie deren Vor- und Nachteile.

Manche Leute lassen auch Versicherungen und Geldanlageformen von uns überprüfen, die sie bereits abgeschlossen haben. Wir versuchen sie dann im Hinblick auf die Sparziele und die Anlagementalität des Verbrauchers zu bewerten.

Bei der Verbraucherzentrale sind wir übrigens auch gar nicht so ein Freund davon, immer die Versorgungslücke auszurechnen. Die Leute denken dann oft, dass die so bliebe. Aber die kann sich natürlich verändern. Manche Frauen bekommen Kinder und arbeiten dann nur noch Teilzeit, so dass die Rentenanwartschaften schon wieder ganz anders aussehen. Das muss man also einfach über ein paar Jahre mal nachjustieren, wenn sich die Lebenssituation verändert.

Gibt es eine bestimmte Rentenberatung für Frauen bei Ihnen?

Kappes: Nein, davon halte ich ehrlich gesagt ganz und gar nichts. An den Mechanismen der Geldanlage für Frauen ist ja gar nichts anders als für Männer. Frauen haben natürlich häufig etwas andere Biografien und setzen dann mal öfter bei der Erwerbstätigkeit aus. Aber letztlich muss man bei ihnen ja genauso gucken, was das Sparziel ist und wie die Anlagementalität aussieht.

Bücher zum Thema

Helma Sick und Renate Schmidt
Ein Mann ist keine Altersvorsorge
Kösel-Verlag, 4. Auflage (30. März 2015)
ISBN-13: 978-3466345946
Preis: 16,99 Euro

Sina Groß
Geldanlage für Faule
Stiftung Warentest, 5. Auflage (23. Mai 2017)
ISBN: 978-3-86851-396-7
Preis: 19,90 Euro

Der Finanzberatungsbranche und der Versicherungswirtschaft hier in Deutschland ist es gut gelungen, uns zu suggerieren, man müsse tunlichst einen langlaufenden Versicherungsvertrag abschließen, wenn man verantwortungsvoll fürs Alter sparen will und sich nicht um Geldanlagen kümmern. Das ist natürlich völliger Quatsch. Einerseits macht eine Versicherung auch nichts anderes, als das Geld am Kapitalmarkt anzulegen.

Andererseits bieten andere Anlageformen die Möglichkeit, auch in Etappen zu sparen. Dazu raten wir eher. Dann haben die Verbraucher die Möglichkeit, auf persönliche Lebenssituation zu reagieren und zwischendrin unbeschadet an ihr Geld heranzukommen. Und wenn sie es nicht ausgeben, legen sie es wieder an und haben es dann im Rentenalter.

Wie häufig oder lange sollte man sich mit der Geldanlage beschäftigen?

Kappes: Ich finde, wenn man sich einmal im Jahr an einem verregneten Novemberwochenende und vielleicht noch mal im Frühjahr mit seiner Geldanlage beschäftigt, reicht das eigentlich aus.

Das Interview führte Ulla Brauer, 45 Min.

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