Stand: 08.09.2017 18:21 Uhr

Fünf Gründe für Altersarmut bei Frauen

Das größte Armutsrisiko in Deutschland? Weiblich sein und alt werden. Frauen stehen am Ende ihres Erwerbslebens häufig mit Renten da, die kaum das Überleben sichern. Die durchschnittliche Rente einer Frau beträgt etwa 645 Euro im Monat (West- und Ostdeutschland zusammen) - zu wenig, um der Altersarmut zu entgehen. Bei Männern sieht es anders aus. Sie bekommen etwa 60 Prozent mehr Rente. Woran liegt das und wie geraten viele Frauen in die sogenannte Rentenfalle? Die fünf wichtigsten Gründe.

Grafik illustriert die unterschiedlichen Stundenlöhne von Frauen und Männern. Links eine Frauenfigur mit der Zahl 16,26 Euro davor. Rechts eine Männerfigur mit der Zahl 20,71 Euro davor. © NDR/BR/Tangram International

Geringe Stundenlöhne und kleine Renten

45 Min -

Frauen verdienen oft sehr viel weniger als Männer. Eine gute Rente lässt sich mit solchen Einkommen nicht erwirtschaften. Die Zahlen in der Übersicht.

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1. Selbst gewählter Arbeitsverzicht

Nirgendwo sonst in Europa und den USA tragen Frauen so wenig zum Familieneinkommen bei wie bei uns in Deutschland. In der traditionellen Ehe verdient der Mann das Haupteinkommen und die Frau verdient dazu. Viele Frauen wählen eine längere Auszeit, wenn sie Kinder bekommen. Außerdem arbeiten sie anschließend häufig nur in Teilzeit oder in einem Minijob. 1977 eingeführt, waren Minijobs fast von Anfang an umstritten, auch wegen der Folgen für die Rente. Und doch gibt es sie bis heute. Bei Arbeitgebern sind sie beliebt, weil Arbeitskräfte besonders flexibel einsetzbar sind.

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So sehr schlägt Teilzeit-Arbeit auf die Rente

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Mehr Zeit für die Kinder wünschen sich viele Mütter. Wir haben die Folgen von zwölf Jahren Teilzeit-Arbeit für die Rente am Beispiel einer Lehrerin durchgerechnet. Video (00:48 min)

Folge: Wer gar nicht oder nur wenig arbeitet, hat mehr Zeit für seine Kinder, kann aber auch nichts für die gesetzliche Rente ansparen und ist daher vom Partner (der Partnerin) finanziell abhängig.

Was sagt die Expertin? Die Finanzberaterin Helma Sick rät dazu, dass "beide Elternteile sich die Elternzeit hälftig teilen. Dann muss keiner lange aus dem Beruf aussteigen. Anschließend sollte über Teilzeit langsam wieder in den Vollzeitjob eingestiegen werden." Das gelte für alle Einkommensklassen. Für Niedrigverdiener sei das ohnehin ein Muss. Hilfreich: Die finanziellen Einbußen ausrechnen lassen, die längere Auszeiten und Teilzeitarbeit mit sich bringen. Das machen die Deutsche Rentenversicherung, die Verbraucherzentralen oder freie Finanzberater.

2. Familienunfreundliche Unternehmenskultur/unfreiwilliger Arbeitsverzicht

Die deutschen Arbeitgeber sind noch nicht wirklich bereit für modernere Rollenbilder. Besonders Frauen mit kleinen Kindern haben es oft schwer Jobs zu finden, die ihrem Ausbildungsniveau entsprechen. Gleichzeitig erwarten deutsche Arbeitgeber von Vätern, die Karriere machen wollen, vollen Einsatz - sprich lange Arbeitszeiten. Ein weiteres Problem ist die ungleiche Entlohnung von Männern und Frauen. Die Lohnlücke - der Gender Pay Gap - liegt insgesamt bei 21 Prozent. Dieser große Abstand erklärt sich dadurch, dass Frauen durchschnittlich weniger arbeiten als Männer und teilweise geringer qualifiziert sind, aber auch bei gleichem Job niedrigere Löhne erhalten.

Folge: Mütter müssen sich also allzu oft mit Minijobs begnügen. Sie bekommen dann auch nur Mini-Renten. Gleichzeitig entsteht ein Teufelskreis: Es gibt zu wenig Frauen in der Wirtschaft, damit fehlt aber auch der Druck auf die Unternehmen, die Arbeitswelt generell familiengerechter zu gestalten.

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Finanzexpertin Helma Sick ermuntert Frauen dazu, sich nicht aus der Arbeitswelt zurückzuziehen.

Was sagt die Expertin? Helma Sick ist davon überzeugt, dass sich Frauen nicht aus der Arbeitswelt zurückziehen dürfen. "Dann überlassen sie Männern weiterhin die Gestaltungsmacht in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Nur wenn mehr Frauen in qualifizierten Jobs und in Führungsgremien arbeiten, ist einflussreiche Mitgestaltung möglich."

Die Finanzberaterin verweist auf die skandinavischen Länder. Dort stünden Frauen selbstverständlich im Berufsleben - und das nicht nur in Minijobs. Das hätte die Arbeitswelt in Richtung Familienfreundlichkeit verändert. Konkreter Tipp für die Frauen hierzulande: "Sie könnten sich in den Betriebsrat wählen lassen und/oder einer Gewerkschaft beitreten", schlägt Sick vor. "Dann können sie ihre Interessen durchsetzen. Oder sie suchen sich Mentorinnen in Chefetagen zur Unterstützung."

3. Steuerrecht - Ehegattensplitting

Je größer das Gefälle zwischen den Einkommen der Ehepartner, desto mehr Steuern kann das Paar sparen. Das deutsche Steuerrecht erlaubt mit dem Ehegattensplitting, dass das Einkommen auf beide Partner gleichmäßig verteilt wird. Der Staat belohnt mit dem seit 1958 gültigen Ehegattensplitting das Alleinernährermodell. Subventioniert wird das Ehegattensplitting übrigens mit 19,8 Milliarden Euro im Jahr. Für Paare scheint es sich finanziell zu lohnen - zumindest so lange sie zusammenbleiben. Das Ehegattensplitting führt also dazu, dass Frauen weniger arbeiten.

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So funktioniert das Ehegattensplitting

11.09.2017 22:00 Uhr
45 Min

Das deutsche Steuerrecht bietet eine Besonderheit: Das Einkommen eines Ehepaares kann auf beide Partner gleichmäßig verteilt werden. So können sie Steuern sparen. Video (00:56 min)

Folge: Die Finanzberaterin Helma Sick weist daher auf die möglichen "Spät-Folgen" des  Ehegattensplittings hin. "Meist hat die Frau auf berufliche Qualifikation und auf eigenes Einkommen verzichtet und hat dann keine eigene Rente aufgebaut. Sie ist also lebenslang abhängig. Scheitert die Ehe, stehen viele dieser Frauen an der Armutsgrenze."

Was sagt die Expertin? Den kurzfristigen finanziellen Anreizen des Ehegattensplittings sollten Paare im Hinblick auf den Ruhestand lieber widerstehen. "Das muss keine Einschränkung des Lebensstandards bedeuten", so Helma Sick. Denn der Ehepartner mit dem niedrigeren Einkommen arbeite dann ja und habe ein eigenes Einkommen.  Außerdem hält es die Finanzberaterin und Buchautorin einen Partnerschafts- oder Ehevertrag für unerlässlich, besonders wenn die Frau wegen gemeinsamer Kinder länger aus dem Beruf aussteigt. Darin solle Folgendes geregelt werden:

  • Ÿ Wer bleibt wegen eines Kindes zu Hause und wie lange?
  • Wie sieht die häusliche Arbeitsteilung aus?
  • Ÿ Wie lange wird im Fall einer Scheidung Unterhalt gezahlt, wenn die Berufstätigkeit länger als drei Jahre unterbrochen wird?
  • Wie kann die Renteneinbuße durch die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit ausgeglichen werden?

Wem das - gerade zu Beginn einer Ehe - komisch vorkommt, dem gibt Hilma Sick gern ihren Lieblingsspruch mit auf den Weg: "Lieber unromantisch als arm."

4. Unterhaltsrecht

Das Unterhaltsrecht wurde 2008 modernisiert: Seitdem ist der Unterhalt nach einer Scheidung stark begrenzt. Grundsätzlich muss sich jeder Partner allein versorgen. Überwiegend begünstigt das Männer, weil sie in der Regel ihre oft besser bezahlten Jobs nie aufgegeben haben.

Folge: Für Frauen, die sich auf das Ernährermodell verlassen haben, wird das zum Bumerang. "Wenn man versucht, nach 10, 15 Jahren in einen qualifizierten Beruf wieder hineinzukommen, gelingt das im Regelfall nicht", mahnt die ehemalige Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD).

Auch die Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut, Karin Jurczyk, sieht das neue Unterhaltsrecht kritisch: "An unserer Gesetzgebung ist verkehrt, dass sie so widersprüchlich ist. Bei Ehen, die schon länger bestehen und die ihre gesamte Arbeitsteilung - und die Frauen ihr Engagement im Beruf - auf dem alten Unterhaltsrecht aufgebaut haben, gucken die Frauen ganz schön in die Röhre."

Was tun: Nach Möglichkeit eigenes Geld verdienen und nicht auf den besserverdienenden Partner als Versorger verlassen. Zudem ist auch hier ein Ehe- oder Partnerschaftsvertrag sinnvoll.

5. Fehlendes Verantwortungsbewusstsein bei Frauen

Ein wichtiger Trend erstaunt jedoch besonders: Selbst die Töchter der Frauenbewegung scheinen sich noch immer automatisch für Haushalt und Kinder zuständig zu fühlen. Finanzexpertin Hilma Sick spricht sogar von einer Rückwärtsbewegung: Viele Frauen zögen sich wieder zurück auf die traditionelle Rolle der Hausfrau und Mutter, gerade auch in Großstädten. Dabei war selten zuvor eine Generation von Frauen so gut ausgebildet. Die Politikerin Renate Schmidt erkennt Machtfragen als Ursache: "Wir haben immer noch viel zu wenig Macht in der Gesellschaft, in der Politik und insbesondere in der Wirtschaft. Und wir möchten auch irgendwo das Sagen haben. Und das Sagen haben wir ziemlich uneingeschränkt im Regelfall in der Familie."

Folgen: Finanzielle Abhängigkeit vom besserverdienenden Partner. Keine/kaum Möglichkeiten für die eigene Rente anzusparen.

Was tun:  Frauen - ob allein, in Partnerschaft oder Ehe - müssen Verantwortung für ihre finanzielle Unabhängigkeit und ihre Altersvorsorge übernehmen. Wer sich für längere Auszeiten und Teilzeit-Jobs entscheidet, soll das natürlich tun können - muss sich aber der finanziellen Konsequenzen bewusst sein. Ein wichtiger Schritt dazu ist, sich beraten zu lassen. Kostenlose Beratung und Broschüren gibt es von der Deutschen Rentenversicherung. Eine Bewertung bestimmter Produkte gibt es dort  zwar nicht, aber etwa Informationen über die eigenen Rentenansprüche oder Hilfestellung bei der Rentenantragstellung. Beratung zu Geldanlagen, die bei der Altersvorsorge helfen, geben neben freien Finanzdienstleistern die Verbraucherzentralen.

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Informationen zur Sendung
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Frauen in der Rentenfalle

11.09.2017 22:00 Uhr
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Sie verdienen weniger als Männer, arbeiten oft in Teilzeit und kümmern sich um Haushalt und Kinder. Was Frauen dann an Rente bekommen, reicht häufig nicht zum Leben. mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 11.09.2017 | 22:00 Uhr

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